InterviewJürgen Schweikardt vom TVB Stuttgart „Ich hätte an Christian Prokop festgehalten“

Von Jürgen Frey 

Jürgen Schweikardt sieht den Wechsel auf dem Bundestrainer-Posten bei der Handball-Nationalmannschaft kritisch. Der Trainer und Geschäftsführer des Bundesligisten TVB Stuttgart bezweifelt, dass sich die Erfolgschancen dadurch erhöhen.

Jürgen Schweikardt muss mit seinem  TVB Stuttgart im Tabellenkeller der Handball-Bundesliga wachsam bleiben – negative Auswirkungen auf die Sportart durch das Trainerbeben beim DHB sieht der Trainer und Geschäftsführer  nicht. Foto: Baumann
Jürgen Schweikardt muss mit seinem TVB Stuttgart im Tabellenkeller der Handball-Bundesliga wachsam bleiben – negative Auswirkungen auf die Sportart durch das Trainerbeben beim DHB sieht der Trainer und Geschäftsführer nicht. Foto: Baumann

Stuttgart - Jürgen Schweikardt vom Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart äußert sich kritisch über das Trainerbeben in der deutschen Nationalmannschaft und glaubt an eine Änderungen der Machtverhältnisse im deuschen Handball.

Herr Schweikardt, wie haben Sie den Bundestrainer-Wechsel aufgenommen?

Wie viele andere auch, war auch ich sehr überrascht. Ich kann bei dieser Personalentscheidung keine Strategie erkennen.

Warum?

Wenn man einen Trainer mit einem Fünfjahresvertrag ausstattet und die Entwicklung positiv ist, dann beende ich dieses Vertragsverhältnis nicht schon nach zweieinhalb Jahren.

Zum dritten Mal wurde unter Prokop aber in einem großen Turnier das Ziel verpasst.

Bei der abgelaufenen EM war das Spiel gegen Kroatien das Zünglein an der Waage. Verliert die Mannschaft dieses Spiel nicht mit einem Tor Unterschied, sondern gewinnt es mit einem Tor, dann wäre vielleicht sogar etwas ganz Großes möglich gewesen.

Doch auch der Handball ist ein Ergebnissport, zudem war Alfred Gislason jetzt auf dem Markt und stand vor der Unterschrift bei einem anderen Landesverband.

Unter diesem Aspekt habe ich persönlich die Entscheidung noch nicht gesehen. Fest steht aber: Sie stellt eine komplette Abkehr von der bisherigen Philosophie dar. Man hätte diesen erfahrenen Trainer ja auch schon vorher haben können.

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DHB-Vizepräsident und Handball-Bundesliga-Präsident Uwe Schwenker wollte schon nach der verpatzten EM 2018 einen Trainerwechsel. Mit Verspätung setzte er nun seinen langjährigen Kieler Weggefährten durch. Hat Schwenker damit die Macht im deutschen Handball von Bob Hanning übernommen?

Es sieht danach aus, und es wird sicher weiter interessant zu beobachten sein, wie sich das Ganze entwickelt. Aber ich bin zu sehr mit dem Tagesgeschäft beim TVB beschäftigt, als dass ich das exakt beurteilen könnte.

Was halten Sie persönlich denn von Gislason?

Er ist ein außergewöhnlich guter Trainer, einer der erfolgreichsten aller Zeiten, aber er fängt bei der Nationalmannschaft bei null an. Christian Prokop hatte etwas entwickelt. Das Team stand voll hinter ihm, was die Aussagen zum Beispiel von Kapitän Uwe Gensheimer belegten, die mich im Übrigen in ihrer Deutlichkeit durchaus überrascht haben. Ich bezweifle, dass dieser komplette Neustart die Erfolgswahrscheinlichkeit um so viel erhöht.

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Alfred Gislason hat internationales Renommee, genießt hohen Respekt bei den Spielern, hat Charisma und Selbstbewusstsein. Ist das bei einem Bundestrainer nicht der wichtigere Aspekt, als Detailversessenheit in System und Taktik?

Die von Ihnen beschriebenen Eigenschaften von Alfred Gislason haben am Ende bestimmt einen positiven Einfluss. Aber noch einmal: Christian Prokop hat über drei Turniere hinweg etwas entwickelt.

Er hat aber auch Fehler gemacht...

…und daraus gelernt. Man muss doch sehen, welche Spieler bei der EM alles gefehlt haben. Da kann doch Christian Prokop nichts dafür. Ich hätte an ihm festgehalten, der Deutsche Handballbund hat eine andere Entscheidung getroffen. Die Zukunft wird zeigen, ob sie richtig oder falsch war.

Wie sehr hat der Verband durch die Kehrtwende in Sachen Prokop an Glaubwürdigkeit verloren?

Der DHB hat kein gutes Bild abgegeben, eine klare Linie, eine Strategie war nicht zu erkennen. Mal setzte sich die eine Partei durch, dann wieder die andere.

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Wie sehr leidet das Image der Sportart darunter?

Das geht mir zu weit. Das Ansehen der DHB-Führungsetage leidet darunter, aber nicht das Image der Sportart.

Das ganze Theater hat doch für den TVB Stuttgart auch einen Vorteil.

Welchen?

Sie können Christian Prokop als Trainer verpflichten und sich wieder komplett auf Ihre Geschäftsführer-Aufgaben konzentrieren.

Christian May hat sich erst vor kurzem zu dem Trainerthema geäußert (Anm. d. Red.: Der Sprecher der TVB-Gesellschafter sagte, er sehe „keinen Handlungsbedarf“ in der Trainerfrage). Ich beschäftige mich aktuell nur mit dem Tagesgeschäft, zu intensiv und gefährlich ist unsere aktuelle Situation.

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