Jürgen Vietor, Ex-Co-Pilot der Landshut „Wir Zeugen gehen, die Landshut bleibt“

18. Oktober 1977: Der damals 35 Jahre alte Co-Pilot Jürgen Vietor und die am Bein verletzte Stewardess Gabi Dillmann treffen nach ihrer Befreiung auf dem Flughafen in Frankfurt/Main ein. Foto: dpa

Mit der Landshut verbinden ihn lebenslange Erinnerungen: Jürgen Vietor steuerte nach der Ermordung von Flugkapitän Jürgen Schumann im Oktober 1977 die entführte Lufthansa-Maschine. Heute wirbt er dafür, das Flugzeug angemessen zu präsentieren.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Jürgen Vietor war Co-Pilot der Lufthansa-Maschine Landshut, die im Deutschen Herbst 1977 von einem palästinensischen Terrorkommando entführt worden war, um führende Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Stammheim freizupressen; nach fünf Tagen beendete die Spezialeinheit GSG 9 auf dem Flughafen in Mogadischu die Entführung und befreite 86 Geiseln. Im Interview äußert sich Vietor zur Frage, wo die Landshut dauerhaft ausgestellt werden soll.

 

Herr Vietor, was bedeutet Ihnen die Landshut?

Mir geht es vor allem um das Erinnerungsprojekt. Uns Zeitzeugen wird es bald nicht mehr geben. Es sind schon sehr viele der ehemaligen Geiseln gestorben. Irgendwann existiert nur noch die Landshut als physischer Zeitzeuge. Deshalb ist es wichtig, dass jetzt etwas passiert. Der „Spiegel“ nannte die Entführung zu Recht eines der größten Dramen der Nachkriegsgeschichte. Dann verdient es dieses Flugzeug auch irgendwo ordentlich ausgestellt zu werden. Das Konzept dafür wird zurzeit erarbeitet.

Ein kurzer Blick zurück: Sechs Wochen nach Mogadischu haben Sie die Landshut wieder geflogen. Ein Zufall?

Sechs Wochen nach der Geiselbefreiung fragte mich mein Flottenchef: „Können Sie wieder fliegen?“ Ich sagte: „Keine Ahnung.“ Dann sagte er: „Fliegen!“ Am 29. Dezember 1977 saß ich ausgerechnet wieder im Cockpit der inzwischen reparierten Landshut. Bei 80 Lufthansa-Maschinen kann das kein Zufall gewesen sein.

Das war arrangiert?

Natürlich. Da saß vermutlich irgendwo ein Co-Pilot in Zivil in der Maschine und wäre eingesprungen, wenn ich es doch nicht gekonnt hätte – meine Interpretation. Eine psychologische Nachsorge im heutigen Sinne gab’s damals fast nicht.

Wie ist es Ihnen nach 1977 ergangen?

Mir ist es nicht schlecht ergangen. Ich bin ein großer Verdränger. Ich habe für mich so getan, als hätte es die Entführung gar nicht gegeben, sonst hätte ich das wohl nicht durchgestanden. Ich habe genauso weitergelebt wie vorher, und es hat funktioniert. 1980 und 1981 wurden meine zwei Kinder geboren. Die Familie war für mich ein wichtiger Rückhalt. Ich bin bis 1999 geflogen.

War Ihre Entscheidung richtig, das Bundesverdienstkreuz zurückzugeben?

Mit der Rückgabe des Verdienstkreuzes wollte ich 2008 ein Zeichen gegen die – juristisch korrekte – Freilassung des ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar setzen, der neun Menschen auf dem Gewissen hat. Ich habe auch ein Problem damit, dass es über Täter meterweise Literatur gibt, über die Opfer jedoch nur wenig.

Ist es für Sie deshalb wichtig, die Landshut auszustellen?

Ja, diese Opferperspektive ist wichtig. Zumindest die Ereignisse um die Entführung der Landshut sollten in einer Dauerausstellung dargestellt werden.

Und wo sollte sie stehen?

Friedrichshafen ist für mich ein idealer Standort, weil es ein großes Einzugsgebiet hat und das Dornier-Museum ein tolles Museum ist. Museumschef David Dornier hat viel Vorarbeit geleistet. Ursprünglich hatte ein Privatmann in Flensburg Interesse, doch das ist zu abgelegen. Orte mit historischem Bezug haben abgelehnt: das Haus der Geschichte in Bonn und der Hamburger Helmut-Schmidt-Airport.

Was halten Sie von der Diskussion über einen Standort Stuttgart-Stammheim?

Wenn das Projekt im Dornier-Museum nicht realisiert werden kann, wäre das auch eine Möglichkeit. Hier könnte man den Deutschen Herbst in großem Zusammenhang darstellen.

Und wenn sich am Ende kein geeigneter Ausstellungsort findet und es heißt, die Landshut wird verschrottet?

. . . oder man macht Cola-Dosen draus, wie es mal scherzhaft hieß. Die Rückführung der Landshut aus dem brasilianischen Fortaleza ging 2017 ja deshalb so schnell, weil dort Platz geschaffen werden musste. Damals drohte tatsächlich die Verschrottung der Maschine. Nein, die Landshut zu verschrotten wäre für mich nicht akzeptabel. Ich glaube auch nicht, dass das passieren wird, dafür hat sich die Bundesregierung schon zu stark eingebracht.

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