Jürgen Wurmthaler im Interview „Die S-Bahn nach Calw hätte viele Vorteile“

Von Florian Mader 

Jürgen Wurmthaler, der Herr über die Stuttgarter S-Bahnen, berichtet, wie er eine Hesse-Bahn fände, wann die Express-S-Bahn kommt und wann der Viertelstundentakt auf der S 60.

„Wir brauchen  die beste Lösung“, sagt  Jürgen Wurmthaler. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
„Wir brauchen die beste Lösung“, sagt Jürgen Wurmthaler. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Jürgen Wurmthaler selbst ist Renninger – er kennt also die Gemütslage rund um die Hermann-Hesse-Bahn genau. Kommt die Reaktivierung der Bahn? Und wenn ja, fährt der Dieselzug bis Renningen oder nur bis Weil der Stadt? Als Verkehrsdirektor des Verbands Region Stuttgart (VRS) sitzt er bei allen Gesprächen mit am Tisch, denn der VRS betreibt das Stuttgarter S-Bahn-Netz. Wurmthaler wirbt für eine Express-S-Bahn, die später einmal auch nach Calw fahren könnte. All das sei noch gar nicht bekannt gewesen, als man die Hesse-Bahn vor vielen Jahren geplant hat. Deshalb müsse man jetzt dringend reden, fordert er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Wurmthaler, warum wird die Hesse-Bahn eigentlich so emotional diskutiert?

Sicherlich, weil die Bahn den Leuten am Herzen hängt und wichtig ist. Das freut mich natürlich. Auch die Bahnverbindung nach Calw ist eine gute Sache. Wie so oft bei guten Sachen kochen aber auch die Emotionen hoch. Jetzt geht es um die für alle beste Lösung.

Aus dem Verkehrsministerium hieß es jüngst: Wenn Sie eine Planung für die S-Bahn-Verlängerung nach Calw vorlegen, könne man eine verkürzte Hesse-Bahn nur bis Weil der Stadt akzeptieren. Nehmen Sie den Ball auf?

Wir können eine Ausarbeitung zu Fahrplankonzepten vorlegen, was wir gemeinsam mit dem Kreis Calw ja auch schon getan haben. Es braucht aber auch im Kreis Calw Bewegung. Auch dort müsste man jetzt sagen: Wir wollen eine S-Bahn. Denn die S-Bahn, also die direkte Verbindung von Calw nach Stuttgart, hätte viele Vorteile. Wir sind dazu bereit. Das Landesrecht ermöglicht es uns, Aufwendungen dafür innerhalb der Region Stuttgart zu tragen. Maßnahmen im Landkreis Calw können wir aber nicht finanzieren.

In Calw beharrt man auf das Stufen­konzept, das zunächst die Dieselbahn bis Renningen vorsieht.

Das Stufenkonzept sollten wir weiterentwickeln und erweitern. Deshalb ist es gut, wenn der Amtschef des Verkehrsministeriums, Uwe Lahl, eine weitere Moderation ankündigt. Denn es gibt neue Entwicklungen. Wir haben zum Beispiel beschlossen, 58 zusätzliche S-Bahn-Fahrzeuge anzuschaffen und wir wollen in der Stammstrecke mit ETCS eine moderne Signaltechnik einbauen. All das konnte man nicht berücksichtigen, als die Hesse-Bahn geplant wurde. Die Chancen dieser Veränderungen müssen wir jetzt erkennen.

Welche sind das?

Wir wollen zwischen Weil der Stadt und Feuerbach eine Express-S-Bahn einführen. Wenn die Hesse-Bahn im ersten Schritt nur bis Weil der Stadt fährt und der Calwer dort direkt in die Express­-S-Bahn umsteigt, ist er zehn Minuten schneller in Feuerbach, als wenn man das umsetzt, was heute geplant ist: Dass die Hesse-Bahn bis Renningen fährt und der Calwer dann in die reguläre S 6 umsteigt.

Das hieße: Erst die Dieselbahn nur bis Weil der Stadt, anschließend die S-Bahn-Verlängerung nach Calw. Das wünschen sich viele, aber wirklich aktiv werden nur wenige.

Wir sind seit vielen Jahren aktiv. Wir haben einiges bewegt. Der durchgängige 15-Minuten-Takt ist beschlossen, dazu haben wir zusätzliche Züge bestellt, die eine Express-S-Bahn ermöglichen. Und die Zahl dieser neuen Fahrzeuge ist so hoch, dass die Express-S-Bahn bis nach Calw fahren kann. Wir haben also vor­gelegt. Das muss jetzt in den Gesprächen stärker reflektiert werden.

Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn ein Dieselzug auf der teils eingleisigen Strecke zwischen Weil der Stadt und Renningen fährt?

Das hat für uns einen bitteren Beigeschmack. Der Verband Region Stuttgart hat, mithilfe des Landes, den Abschnitt zwischen Renningen und Malmsheim zweigleisig ausgebaut. Das haben wir damals nicht getan, damit zusätzliche Züge fahren können, sondern, um die Qualität des Verkehrs zu verbessern. Und jetzt ist diese Maßnahme die Grundlage dafür, dass die Calwer sagen können: Prima, diese zusätzliche Kapazität nutzen wir für unsere Hesse-Bahn. Bislang ist die S 6 noch die pünktlichste S-Bahn-Linie. Ich bin sehr gespannt, ob das so bleibt, wenn ein anderer Betreiber dort jetzt mit einem Dieselzug unterwegs ist.

Die Strecke bis nach Weil der Stadt zweigleisig auszubauen, geht nicht?

Das ist ein sehr langer Abschnitt. Unterwegs liegt dort zum Beispiel der Steinbruch in Malmsheim und Brücken. Das ist nicht einfach – und nicht einfach heißt immer: Das macht es auch teuer. Deshalb planen wir das momentan nicht.

Wie geht’s jetzt weiter?

Ich habe erfreut zur Kenntnis genommen, dass das Verkehrsministerium mittlerweile signalisiert: Ein Endpunkt der Hesse-Bahn in Weil der Stadt ist möglich, wenn langfristig vertraglich der Ausbau als S-Bahn gesichert ist. Bislang sind immer Gespräche geführt worden, deshalb gehe ich davon aus, dass diese nach der Sommerpause fortgeführt werden. Es ist vernünftig, dass das Ministerium das jetzt in die Hand nimmt.

2011 hatte der Landkreis Calw schon mal ein Gutachten in Auftrag gegeben, um zu überprüfen, ob die S-Bahn-Verlängerung bis Calw wirtschaftlich sein könnte. Damals sei man bei Ihnen auf taube Ohren gestoßen, heißt es heute in Calw.

Nein, taub waren wir nie. Wir haben aber immer die Interessen der Region Stuttgart vertreten. Die Frage war: Wie viel Kapazitäten ist in den S-Bahnen überhaupt noch frei? Uns war es immer wichtig, dass Fahrgäste aus Weil der Stadt und Renningen nicht durch zusätzliche Fahrgäste aus Calw in Nachteil geraten. Heute haben wir aber mehr Kapazitäten. Deshalb ist die S-Bahn-Verlängerung heute machbar.

Sie haben Ihre Meinung also geändert?

Man muss auch eines sehen: Der Verband Region Stuttgart hatte in seiner Regionalplanung schon immer eine Schienenverbindung nach Calw enthalten. Dass ein Zug nach Calw eine gute Sache ist – das steht außer Frage. Uns geht’s also nur um das Wie, nicht um das Ob. Und damit um die Frage, wie wir das am besten mit der S-Bahn verknüpfen.

28 Millionen Euro würde es kosten, die Strecke nach Calw zu elektrifizieren, damit die S-Bahn dort fahren kann. Wer soll das bezahlen?

Wir als Verband Region Stuttgart – das ist uns gesetzlich so vorgegeben – können natürlich nur in der Region Stuttgart tätig werden. Wir können keine Baukosten im Landkreis Calw tragen. Aber wir kooperieren gerne, wenn sich unsere Partner beteiligen.

Ist die S-Bahn-Verlängerung überhaupt realistisch? Der Calwer Landrat sagt: Wer die S-Bahn-Verlängerung will, soll sie auch bezahlen.

Wer eine gute, dauerhafte Verbindung will, wird das nicht umsonst bekommen. Ich sehe aber auch das Land in der Pflicht, denn das Land ist ja der Eisenbahn-Aufgabenträger für alle überregionalen Eisenbahnverkehre. Man muss auch sehen, was man auf der Gegenseite einsparen könnte. Man bräuchte den Renninger Bahnhof nicht für den Dieselzug umbauen. Und was oft unterschätzt wird: Der Landkreis Calw würde erheb­liche Betriebskosten einsparen, wenn er nicht mit dem Dieselzug von Weil der Stadt bis Renningen fahren muss. Das sind Millionenbeträge, wenn man das über zehn Jahre hinweg zusammen­addiert.

Stichwort Bahnhofsumbau in Renningen. In seinem Brief an den Gemeinderat von Renningen behauptet das Verkehrsministerium, dass man den Bahnhof ohnehin umbauen müsste, auch für Ihre Express-­S-Bahn. Stimmt das?

Es sind Fahrpläne denkbar, bei denen man die Express-S-Bahn an den regulären S-Bahnen vorbeifahren lässt. Dafür bräuchte man dann weitere Bahnsteige. Unsere Pläne sehen aber keine Ausbau-Maßnahmen in Renningen vor. Wir sind daher der Meinung, dass wir eine Express-S-Bahn ohne Umbau des Bahnhofs fahren lassen können.

Die S-Bahn würde dann zum ersten Mal aus der Region Stuttgart rausfahren. Mit welchen Gefühlen begleiten Sie das?

Seit dem großen ÖPNV-Pakt 2014 können wir deutlich einfacher Kooperationen eingehen, rechtlich geht das also. Und es wäre eine Premiere, das stimmt. Aber wir leben den Gedanken der Metropolregion, zu der der Kreis Calw auch dazugehört. Dennoch müssen Kooperationen von beiden Seiten gewollt und getragen werden.

An welchen Enden wäre eine solche Ver­längerung noch denkbar?

Calw wäre ein Paradebeispiel, weil das die einzige Linie ist, auf der keine anderen Züge fahren. Auf allen anderen Linien fahren Metropol-Expresse. So ist der Gedanke der Express-S-Bahn auf der Linie Stuttgart-Weil der Stadt ja überhaupt erst entstanden.

Wann fahren diese Express-S-Bahnen?

Wenn wir uns richtig anstrengen, schaffen wir es, dass die Express-S-Bahnen fahren, wenn die Hesse-Bahn fertig ist. Zwar nicht ganz bis Feuerbach, aber schon mal bis Zuffenhausen. Das halte ich für realistisch. Deshalb geht’s jetzt in den Gesprächen um die Frage: Wo endet die Hesse-Bahn und wo beginnt die Express-S-Bahn? In Weil der Stadt oder in Renningen? Beides geht nicht, weil der Abschnitt zwischen Weil der Stadt und Malmsheim nur eingleisig ist.

Und später dann bis nach Feuerbach?

Wir sind in Gesprächen mit der Bahn, um den Bahnhof Feuerbach entsprechend umzubauen. Ein alter Bahnsteig der Strohgäubahn müsste dafür ertüchtigt werden. Dieser wäre dann mit Stuttgart 21 fertig.

An anderen Stellen müsste man nichts umbauen?

Nein.

Warum nur bis Feuerbach?

Das liegt zum einen am Pragtunnel, wo zusätzliche S-Bahnen nicht durchpassen. Auch in die Stammstrecke, also die Gleise unterm Hauptbahnhof, passen derzeit keine zusätzlichen S-Bahnen. Das ändert sich aber mittelfristig, weil wir gerade dabei sind, ETCS – also eine moderne Signaltechnik – für die Stammstrecke anzuschaffen. Dann wären mehr S-Bahnen in der Stammstrecke denkbar.

Könnte die Express-S-Bahn nicht auch in den Hauptbahnhof einfahren?

Grundsätzlich ist das nicht undenkbar. Unser Ziel ist es aber, die Stammstrecke so auszubauen, damit mehr S-Bahnen durchpassen. Das könnte dann auch die Express-S-Bahn aus Calw sein.

Express-S-Bahn heißt deshalb Express­-S-Bahn, weil sie nicht überall hält. Wo fährt sie vorbei?

Gesetzte Halte sind sicherlich Renningen, Leonberg, Ditzingen und Zuffenhausen. Vorstellbar sind auch Korntal oder Weil­imdorf. Bevor wir den Fahrplan festlegen, erheben wir aber erst Fahrgastzahlen. Unser Ziel ist es, möglichst schnell zu fahren, aber auch möglichst viele Fahr­gäste mitzunehmen.

Eine Bürgerinitiative hat jüngst vorgeschlagen, einfach die S 60 nach Feuerbach zu verlängern. Dann könne man auch darauf verzichten, dass die S 6 in Renningen immer vier Minuten halten muss, weil die Züge auseinander- und zusammengekoppelt werden. Wie finden Sie das?

Uns ist es wichtig, dass man mit der S 60 bis in die Stuttgarter Innenstadt fahren kann. Das geht mit diesem Vorschlag nicht. Das hieße, Sindelfinger und Magstadter müssten in Feuerbach umsteigen.

Und wann kommt der 15-Minuten-Takt auf der S 60?

Unser Ziel ist es, dass er mit Stuttgart 21 kommt. Wir haben das allerdings nicht allein in der Hand, weil wir für die Umbauten noch Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen. Die Express-S-Bahn zwischen Weil der Stadt und Zuffen­hausen ist auf jeden Fall früher startklar.

Calw baut ja schon. Wie optimistisch sind Sie, dass es trotzdem noch mit der verkürzten Hesse-Bahn klappt?

Wenn alle das so engagiert diskutieren, dann kehrt vielleicht doch noch die Einsicht ein, dass wir die vernünftigste Lösung brauchen.