Frau Heynen, sind Sie selbst wie viele andere Angehörige der Babyboomer-Generation in eine Kinderkur geschickt worden?
Nein. Aber ich habe aktuell in meinem Freundinnen- und Freundeskreis und in der Familie geforscht. Ich wusste, dass Tanten und auch mein Vater entweder in der Kinderlandverschickung der Nationalsozialisten oder in Kindererholungsheimen waren. Auch meine Mutter war als Vierjährige in einem Kindererholungsheim an der Nordsee. Aus diesen Gesprächen und auch von meinem Mann weiß ich, dass Einzelne schlechte bis sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die Erlebnisse waren bei allen immer wie ein Subtext da.
Sie haben seit 1981 beruflich mit Kindern zu tun. Ist Ihnen da mal das Thema Kindererholung und Verschickungskinder untergekommen?
Ich habe bis jetzt immer nur privat damit zu tun gehabt. Als Kind und Jugendliche habe ich Gleichaltrige beneidet, die mit der Arbeiterwohlfahrt oder anderen auf Freizeiten waren. Aber je aufmerksamer ich zuhöre und die Veröffentlichungen lese, desto bewusster wird mir die Komplexität und die Gewalt, die Kindern in Kindererholungsheimen angetan wurde.
Was wussten Sie?
In meiner Generation gab es das als Thema schon immer, und ich habe auch gewusst, dass es zensierte Brief nach Hause gab, erzwungene Bettruhe und Essen, das Verbot, auf die Toilette gehen zu dürfen. Ich wusste auch, dass ein Unterschied besteht zwischen den Kindererholungsheimen und den Kinderfreizeiten der Awo. Auf eine solche Freizeit wäre ich gerne gegangen. Aber in meiner Familie galt: Wir machen zusammen Urlaub, und es werden keine Kinder in ein Kindererholungsheim geschickt – auch nicht auf eine Freizeit.
Schockiert Sie, was Sie jetzt hören?
Ich habe 1991 in einer Anlaufstelle für Frauen in der Rufbereitschaft gearbeitet und promoviert zu Bewältigungsprozessen nach Vergewaltigungen. Ich bin ja mit den sozialen Bewegungen groß geworden, Aufbau von Beratungsstellen gegen sexuelle Gewalt, Wendo-Kurse. Und ich bin groß geworden in einer Generation, in der die Themen schwarze Pädagogik und Erziehung im Nationalsozialismus, Gewalt gegen Frauen und Kinder und ihre Überwindung sehr aktuell waren. Die Verschickungskinder sind für mich eine Facette in der Entwicklung des Gesundheitssystems, der Jugendhilfe und des Bildungssystems sowie der Aufarbeitung von Gewaltverhältnissen.
Wie haben Sie das als Kind erlebt?
Ich bin in dem Wissen aufgewachsen, ein Lehrer darf mich nicht schlagen, und trotzdem zieht mich der Rektor am Ohr. Ich wusste mit elf Jahren, dass das gar nicht geht. Das Thema Verschickungskinder ist ein weiterer Beleg für die Ungeheuerlichkeiten in institutioneller Verantwortung. Hierzu gehörte insbesondere die Kontinuität der NS-Ärzte dort.
Wenn Sie vieles nicht überrascht, was bedeutet die Aufarbeitung dann für Sie?
Was mich daran besonders berührt, dass ich dabei eine institutionelle Verantwortung habe. Diese Rolle kann ich annehmen und muss auch übernommen werden. Es ist ein Teil meiner beruflichen Biografie und auch meines privaten Engagements, mich gegen Gewalt einzusetzen. Ich sehe mich als Leiterin des Jugendamtes Stuttgart in der Verantwortung, das auch zu benennen. Das Jugendamt Stuttgart wird dieses Jahr 100 Jahre alt, und wir versuchen, die gesamte Geschichte in diesem Rahmen neben dem Alltagsgeschäft zu recherchieren und zu beschreiben. In diesem Zusammenhang ist uns bewusst geworden, dass wir auch Träger von Kindererholungsheimen waren.
Wie gehen Sie die Darstellung der hundertjährigen Geschichte an?
Es gibt ein Kernteam von vier Mitarbeiterinnen. Eine ehemalige Mitarbeiterin hat Interviews zudem mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeitenden gemacht. Wir gehen davon aus, dass wir, wenn unsere virtuelle Ausstellung zur Geschichte des Jugendamtes online ist, noch mehr Material, möglicherweise auch zu den Kindererholungsheimen in Trägerschaft des Jugendamtes, bekommen.
Stehen Sie mit dem Sozialministerium in Verbindung, das die Aufklärung ebenfalls vorantreiben möchte, in dem es regelmäßige Träger und Betroffenenvertreter einlädt?
Es ist unsere Verpflichtung als Jugendamt, uns des Themas anzunehmen. Wir haben die Zusage, beim nächsten Treffen eingeladen zu werden. Bisher liegt uns ein Bericht mit negativen Erfahrungen vor.
Die Aufsichtsbehörde für die Heime damals war der Landeswohlfahrtsverband, heute KVJS. Arbeiten Sie bei der Aufarbeitung zusammen?
Ich erlebe die Kooperation als gut.
Unter welcher Perspektive gehen Sie die Aufarbeitung an?
Wir würden gerne jegliche Form von Machtmissbrauch in der Verantwortung des Jugendamtes aufarbeiten, auch über die Kindererholungsheime hinaus. Hier liegen uns Hinweise aus einem anderen Bereich des Jugendamtes vor. Wir können jetzt die Zufallsfunde aus dem Stadtarchiv zwar beurteilen, aber wir brauchen den kritischen Blick von außen. Das muss wissenschaftlich geschehen. Das muss jemand von außen tun. Es müssen Interviews geführt, ausgewertet und schließlich in einen Kontext gestellt werden. Da sind wir schon mit der Uni Hildesheim im Gespräch. Es geht uns darum, die Strukturen herauszuarbeiten, die Gewalt ermöglicht haben. Diese Aufarbeitung wird über das Jubiläum hinausgehen. Das Verständnis für Pädagogik, vom Aufwachsen von Kindern hat sich verändert. Anlässlich des Jubiläums haben wir angefangen, diese Veränderungen nachzuzeichnen.
Was treibt Sie dabei an?
Das sind unterschiedliche Gründe. Ich finde, wir sind es denen schuldig, die Gewalt erlitten haben, diese aufzudecken und auch eine Möglichkeit zu schaffen, darüber sprechen zu können, also das Tabu des Schweigenmüssens zu brechen, um das Leid anzuerkennen. Wir müssen verstehen, wie solche Strukturen funktionieren und was wir daraus für die Gegenwart lernen können. Da haben wir durch die Diskussion über sexuelle Gewalt in Institutionen schon viel gelernt. Diesem Erkenntnisprozess muss die Jugendhilfe sich auch im unmittelbar eigenen Verantwortungsbereich stellen.
Die Erfahrung zeigt, dass man Quellen auch gegen den Strich lesen muss. In den Erholungsheimen gab es zwar Kontrollbesuche, aber eben meist, wenn keine Kinder da waren.
Ja, das sehe ich genauso. Es ist sehr interessant zu erfahren, wie die Aufsicht stattgefunden hat und ob es da Unterschiede zu heute gibt. Wie muss eine Aufsicht durchgeführt werden? Wer spricht wann mit Kindern und Jugendlichen?
In den Kindererholungsheimen hat niemand mit Kindern gesprochen. In einem der Heime in Oberstdorf, in das auch die Stadt Stuttgart verschickt hat, hat sich eine junge Erzieherin beschwert. Der Kontrollbesuch wurde offenbar durchgestochen, und das Heim war in äußerlich blitzblankem Zustand. Nach der Pädagogik im Kindererholungsheim hat niemand gefragt.
Da gibt es ja Analogien in die Gegenwart. Wie können wir uns einen Eindruck von Familien verschaffen, die belastet sind und in denen Kinder vernachlässigt werden? Wie muss ein Hausbesuch gestaltet werden? Wie gestaltet man das Spannungsverhältnis zwischen vertrauensvoller Zusammenarbeit und Kontrolle? Das ist ein originäres Thema der Jugendhilfe beim Schutz von Kindern, nicht nur in der Familie, sondern auch in Institutionen.
Heißt das, was Sie jetzt aus den Kindererholungsheimen lernen, ist übertragbar? Hat das Stuttgarter Jugendamt dort denn versagt?
Die Kindererholungsheime sind ein Aspekt in der Darstellung der Geschichte des Jugendamtes anlässlich des hundertjährigen Jubiläums. Aber wir wissen: Das müssen wir vertiefen. Da wollen wir uns an dem großen Aufarbeitungsprozess beteiligen. Das wollen wir auch mit unserem Forschungsvorhaben verknüpfen. Wenn die ehemaligen Verschickungskinder uns ihre Erfahrungen mit dem Jugendamt Stuttgart mitteilen wollen, dann freue ich mich. Denn das erweitert unser Wissen. Wir erkennen das Leid an – und vor allem die Bewältigungsleistung der Betroffenen, damit zurechtzukommen. Das hat unseren Respekt. Jede Institution muss Verantwortung dafür übernehmen, was in ihren Einrichtungen geschehen ist. Das kann man ja nicht schönreden.