Jugendarbeit in Grafenau Wie Jugendliche in einer künstlichen Welt lernen, „echt“ zu sein

Ständiger Begleiter und zugleich ein Zerrspiegel fürs eigene Selbstbild: Smartphone und Social-Media-Konsum bei Jugendlichen. Foto: picture alliance/dpa

Jugendsozialarbeit in Grafenau wirkt – das sagen nicht nur die Verantwortlichen selbst, sondern auch die Polizei. Ein außergewöhnliches Projekt spielt dabei eine wichtige Rolle.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Instagram, TikTok, Youtube – überall im Netz treffen junge Menschen auf künstliche Welten, die mit ihrer Realität wenig zu tun haben. Sie sehen Menschen mit perfektem Körper, perfekten Outfits, perfekter Einrichtung und perfektem Lebenswandel. Was hinter der Fassade steckt, sehen sie nicht. Stattdessen schauen sie in einen Zerrspiegel, in dem sie sich selbst fast zwangsläufig als defizitär empfinden müssen. Jung zu sein und seine eigene Identität zu finden, ist heute vielleicht so schwer wie nie zuvor.

 

Diese Entwicklung stellt auch die Jugendsozialarbeit vor neue Herausforderungen. Bemerkenswerte Antworten auf eben diese Herausforderungen findet ein neues Projekt zur „Entwicklung stabiler Ich-Identitäten“, das seit dem vergangenen Jahr unter Trägerschaft der Waldhaus Jugendhilfe in mehreren Kreisgemeinden angeboten wird.

Projekt „How to be real“ hilft Jugendlichen bei der Selbstfindung

Ein Beispiel, wie gut dieses Projekt namens „How to be real“ funktionieren kann, liefert die Jugendsozialarbeit Grafenau. Die ebenfalls unter dem Dach der Waldhaus GmbH organisierten Sozialpädagoginnen Shukira Gharib und Sabine Ekenja haben darüber zuletzt bei ihrem Jahresbericht im Grafenauer Gemeinderat informiert. Ein zentraler Punkt dabei war eben jenes „How to be real“-Projekt, das an der Gemeinschaftsschule Döffingen stattfand.

Grafenaus Jugendreferentin Shukria Gharib (links) und ihre Kollegin Sabine Ekenja. Foto: Langner

„Wer war ich, wer bin ich und wer will ich sein?“: Zwei siebte Klassen durften sich intensiv mit diesen existenziellen Fragen auseinandersetzen. Die Jugendlichen gestalteten dafür persönliche Identitätsplakate, arbeiteten mit biografischen Zeitstrahlen und sollten eigene Stärken benennen.

„In Zeiten von Social Media ist es für Jugendliche sehr schwer, sich selbst zu finden“, sagt Shukira Gharib, die seit Mai 2025 das Grafenauer Jugendreferat leitet. „Identität ist ein fortlaufender Prozess“, erklärt sie, „Unsicherheiten gehören dazu, und echte Entwicklung braucht Vertrauen und Zeit.“

Besonders deutlich seien bei dem Projekt die Nachwirkungen der Corona-Pandemie hervorgetreten: „Corona war eine sehr schlimme Zeit, weil wir nur zu Hause waren“, zitiert der Bericht eine Schülerstimme. Ein anderer Teenager hat ein Kreuz und daneben ein Herz auf sein Plakat geklebt. „Das steht für meine verstorbene Oma, die mir sehr wichtig war“, lautet dazu die Erklärung.

Aufbauend auf „How to be real“ entstand die niederschwellige Projektreihe „Real Talk & Pizza“, bei der Jugendliche jetzt regelmäßig im Jugendtreff in der Stegmühle bei einem Stück Gratis-Pizza offen über Alltagsthemen wie Freundschaft, Künstliche Intelligenz oder Social Media sprechen können.

Erklärtes Ziel von Grafenaus Jugendsozialarbeiter-Team ist es, Chancengleichheit zu fördern und das zu vermitteln, was die Fachkräfte „Alltagskompetenz“ nennen. Gemeint sind ganz grundsätzliche Verhaltensregeln und Umgangsformen, die im Elternhaus oft nicht mehr vermittelt würden.

Bei allen positiven Entwicklungen bleiben aber auch Sorgen. Insbesondere die Schulsozialarbeit – neben Jugendreferat und Offener Kinder- und Jugendarbeit die dritte Säule von Grafenaus Jugendsozialarbeit. Hier verzeichnete man 2025 einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen bei Schülerinnen und Schülern. Schulsozialarbeiterin Sandra Leismann berichtet von vermehrten Krisen und komplexeren Fällen. Weil es oft sehr lange dauert, bis therapeutische Hilfsangebote außerhalb der Schule verfügbar sind, überbrückt die Schulsozialarbeit diese Zeit und bietet stabilisierende Gespräche an. Außerdem gebe es Defizite im „respektvollen und wertschätzenden Umgang untereinander“, weswegen die Schulsozialarbeit den Schwerpunkt vermehrt auf die Förderung sozialer Kompetenzen lege.

Die Schulsozialarbeiterstelle ist derzeit nicht besetzt

Ein Problem ist, dass die Schulsozialarbeiterstelle nach Sandra Leismanns Ausscheiden vor einigen Woche derzeit vakant ist. „Da laufen aber bereits Bewerbungen“, ist Shakira Gharib zuversichtlich, dass diese Stelle bald wieder besetzt sein wird.

Ein weiterer Abschied zeichnet sich bei Sabine Ekenja ab, die in Grafenau für die offene Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist. Dass sie sich zum Jahresende in den Ruhestand verabschiedet, nahm man im Grafenauer Gemeinderat mit Bedauern auf.

Davon abgesehen gab es sehr viel Lob aus dem Gremium – und sogar einen konkretes Hilfsangebot. Philipp Scollo (CDU) schlug vor, die von außen wenig einladend wirkende Stegmühle mit einem Arbeitseinsatz des Gemeinderats etwas aufzuhübschen.

„Die positiven Rückmeldungen zeigen, dass unsere Angebote gut angenommen werden und die Teilhabe junger Menschen gelingt“, lautete das Fazit des Teams. Tatsächlich gibt es dafür auch konkrete Hinweise. In derselben Sitzung, in der die Jugendsozialarbeit ihren Bericht vorlegte, stand nämlich auch die Kriminalstatistik für 2025 auf dem Programm.

Daraus geht hervor, dass der Anteil von Jugendlichen an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen mit nur 16 Prozent vergleichsweise gering ausfällt.

Jugendsozialarbeit in Grafenau

Wann und wo
 In der Stegmühle neben dem Wertstoffhof findet (mit Ausnahme der Schulferien) jeweils dienstags von 15 bis 16.30 Uhr ein Mädchentreff und mittwochs von 14.30 bis 16 Uhr ein Jungentreff statt. An jedem Montag von 16 bis 18 Uhr ist ein Teenietreff oder offener Treff für Kinder und Jugendliche ab Klassenstufe 5 geboten.

Jugendbeteiligung
 Neben dem allmonatlichen „Real Talk & Pizza“ gibt es für Grafenaus Kinder und Jugendliche noch diverse weitere Angebote – darunter eine gemeinsame Kochreihe („Taste The Monday“), eine FIFA-Turniergruppe, eine Helfergruppe sowie Partys und eine Jugenddisco. Für 2026 plant das Jugendreferat neue Initiativen wie zum Beispiel ein Jugendforum und eine Jugendleiter-Ausbildung.  

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