Jugendfarm in Stuttgart-Zuffenhausen Die Rettung macht Fortschritte

Von Torsten Ströbele 

Zu wenig finanzielle Hilfe von der Stadt Stuttgart und zu wenig Personal: Neben vielen Jugendfarmen ist auch die Einrichtung in Stuttgart-Zuffenhausen in Gefahr. Das sind die Rettungspläne.

Der Vorsitzende des Farmvereins auf der Schlotwiese, Alexander Nickel, hofft, dass die Stadträte einen Zuschuss in Höhe von 370 000 Euro gewähren. Foto: Torsten Ströbele
Der Vorsitzende des Farmvereins auf der Schlotwiese, Alexander Nickel, hofft, dass die Stadträte einen Zuschuss in Höhe von 370 000 Euro gewähren. Foto: Torsten Ströbele

Stuttgart-Zuffenhausen - Jedes Jahr kommen rund 12 000 Mädchen und Buben auf die Zuffenhäuser Jugendfarm. Tendenz steigend. Sie spielen auf dem Freigelände, bauen Hütten, reiten, grillen, nutzen die Werkstatt, basteln, streicheln die Hasen oder füttern die Schweine und Schafe. Das Angebot der Einrichtung auf der Schlotwiese ist vielfältig. „Wir haben zudem Kooperationen mit Kitas und Schulen, sind Bestandteil des Stundenplans und bieten zusätzlich auch Ferienbetreuung an“, sagt der Vorsitzende des Farmvereins, Alexander Nickel. „Wir stehen für Inklusion und Integration.“ Chancengleichheit hat sich die Jugendfarm auf die Fahne geschrieben.

Der Betreuungsbedarf scheint riesig und kaum enden zu wollen. „Wir bieten mittlerweile 13 Wochen im Jahr eine Ferienbetreuung an, bei der bis zu 100 Kinder am Tag bei uns sind. Bis zu 60 Mädchen und Buben essen dann auch zu Mittag“, erzählt Nickel. Gerne würde er noch mehr tun, noch mehr anbieten, für noch mehr Betreuung sorgen. Aber die Jugendfarm und die Mitarbeiter sind an ihre Grenzen gelangt. „Das geht nicht nur uns so. Die finanziellen Mittel sind begrenzt. Aber vor allem sind unsere Personal-Kapazitäten knapp.“ Zwei ganze Stellen für pädagogische Fachkräfte sind bewilligt. Mindestens eine weitere ganze Stelle bräuchte Nickel in Zuffenhausen. „Und jemanden, der sich gerade zum Erzieher ausbilden lässt.“

Doch auch damit ist es zumindest für die Farm auf der Schlotwiese noch nicht getan. Das Hauptgebäude muss endlich dringend einem Neubau weichen. Die Küche erfülle schon lange nicht mehr die Anforderungen, um sich zukunftsfähig aufzustellen. Das gelte auch für die Technik, die Größe der Räume, die Toiletten – einfach für das komplette Gebäude.

Der Neubau des Farmgebäudes landet im Bürgerhaushalt auf Platz 22

Schon im ersten Stuttgarter Bürgerhaushalt im Jahr 2011 war der Neubau ein Thema und landete auf Platz 2 aller Stuttgarter Wünsche. Einige Wochen später bewilligte der Gemeinderat 250 000 Euro. Doch diese Summe hat bis heute bei weitem nicht ausgereicht, um die Finanzierung in trockene Tücher zu packen. „Die Gesamtkosten belaufen sich auf 786 000 Euro“, betont Nickel. Abzüglich des Eigenanteils und der schon bewilligten Mittel fehlen insgesamt aber dennoch 370 000 Euro. Diese Deckungslücke soll der Gemeinderat schließen.

Das wünschen sich auch einige Stuttgarter, die das im Rahmen des aktuellen Bürgerhaushalts bekundet haben. Das Neubauprojekt landete auf Platz 22. „Ohne die Aufstockung der bisher bereitgestellten Mittel wäre das Aus für eine der beliebtesten Einrichtungen ihrer Art in Stuttgart kaum mehr abzuwenden“, schrieb das Farm-Vorstandsmitglied Hans-Peter Mangold im Bürgerhaushalt. Alexander Nickel und seine Mitstreiter wollen weiter für einen Fortbestand der Farm kämpfen. Deshalb haben sie sich auch Ende 2017 zur Wahl gestellt, nachdem der alte Vorstand komplett zurückgetreten war (wir berichteten). „Ich wohne seit mehr als 30 Jahren hier in Zuffenhausen. Früher habe ich schon selbst fleißig Hütten auf der Jugendfarm gebaut“, sagt der 40-Jährige. „Der Erhalt des Vereins hat oberste Priorität.“ Zeitintensiver als gedacht, sei die Arbeit. Aber die bislang erreichten Etappenziele zeigen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. „Ehe die Bagger anrücken können, muss ein neuer Bebauungsplan her. Der Aufstellungsbeschluss ist 2017 gefasst worden. Das ganze Verfahren läuft parallel zu unseren Planungen. Es sieht gut aus“, zeigt sich Nickel optimistisch. „Wir rennen bei der Stadtverwaltung offene Türen ein. Wir werden ernst genommen und bekommen Rückenwind von allen Seiten.“ Am 13. März konnte nun auch das Baugesuch eingereicht werden. Nun müsse man noch die Ergebnisse eines Umweltgutachtens abwarten und eben hoffen, dass der Gemeinderat den benötigten Zuschuss im Rahmen der Haushaltsberatungen bewilligt.

Die Reaktionen aus dem Gemeinderat

Mehr als die Hälfte der 22 Jugendfarmen in Stuttgart hat Alarm geschlagen. Sie haben sich vernetzt, um auf die gestiegenen Anforderungen und vor allem auf die aktuellen Problemlagen aufmerksam zu machen. Zu wenig finanzielle Hilfe von der Stadt und zu wenig Personal: Das sind die dringlichsten Baustellen, welche die Einrichtungen benannt haben – unter ihnen auch die Jugendfarmen aus Stammheim, Botnang und Zuffenhausen. Bei Letzterer kommt allerdings noch der große und langjährige Wunsch nach einem neuen Farmgebäude hinzu. Ob die benötigten 370 000 Euro im kommenden Doppelhaushalt eingestellt werden, ist allerdings nicht sicher.

„Eine Entscheidung ist in unserer Fraktion noch nicht gefallen. Ich kann den Haushaltsberatungen nicht vorgreifen“, betont Stadträtin Beate Bulle-Schmid (CDU). „Wir werden uns das alles genau anschauen. Ich möchte aber keine falschen Hoffnungen wecken.“ Natürlich sei die Arbeit aller Jugendfarmen wichtig. Und sie soll auch weitergeführt werden. „Wir wollen das Ehrenamt mit mehr Professionalität stärken. Aber wir werden das Geld nicht mit der Gießkanne verteilen“, sagt Bulle-Schmid.

Auch Silvia Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) verweist auf die Haushaltsberatungen: „Momentan gibt es bei uns keine Diskussion über die Jugendfarmen. Wir brauchen erst einmal einen Gesamtüberblick über alle Bedarfe.“ Fischer habe sich dafür eingesetzt, dass die Zuffenhäuser Farm eine Zukunft hat. „Ich weiß, dass Geld fehlt, und persönlich bin ich diesem Projekt sehr zugeneigt.“ Innerhalb der Fraktion werde es aber sicherlich ein schwerer Abwägungsprozess. „Gut ist aber, dass der Wunsch auch im Bürgerhaushalt schon großen Zuspruch bekommen hat.“

Matthias Oechsner (FDP) hat sich ebenfalls noch nicht festgelegt: „Klar ist, dass die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, zurück geht. Der Bedarf an Kinderbetreuung aber zunimmt. Wir müssen uns generell überlegen, wie künftig die Finanzierung der Arbeit dieser Einrichtungen aussehen soll.“

Auch Rose von Stein (Freie Wähler) betont, dass an vielen Stellen zwingend mehr Personal her muss. Zudem kämen einige Gebäude in die Jahre: „Die Brandschutzauflagen und Vorgaben haben sich in den vergangenen 40 Jahren geändert. Dem müssen wir nun Rechnung tragen.“

Judith Vowinkel (SPD) sendet positive Signale: „Ich befürworte den Antrag, der Zuffenhäuser Farm einen weiteren Zuschuss zu gewähren.“ Es wäre doch Quatsch, dass 2011 schon Geld bewilligt wurde, aber damit nicht gebaut werden kann. „Wer A sagt, muss auch B sagen.“

Das sieht Thomas Adler (SÖS/Linke-plus) ähnlich: „Wir müssen im Haushalt deutlich mehr für die Jugendfarmen tun. Und auch die Einrichtung in Zuffenhausen ist total wichtig für den Stadtbezirk. Sie braucht dringend den Zuschuss für den Neubau und mindestens eine weitere pädagogische Fachkraft.“

Bernd Klingler vom Bündnis Zukunft Stuttgart 23 (BZS23) möchte, dass die Jugendfarm Zuffenhausen für ihre tolle Arbeit belohnt wird. 370 000 Euro seien hier sehr gut angelegt. Für die Stadt sei das definitiv nicht zu viel Geld.

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