Jugendfilmjury Baden-Württemberg Kino-Kids mit kritischem Auge

Die jungen Filmfans – im Vordergrund Charlotte (links) und Nele, elf und zwölf Jahre alt – diskutieren über das Gesehene. Foto: Gottfried Stoppel

Einmal im Monat trifft sich in Backnang die Jugendfilmjury. Noch vor dem Kinostart sichten und bewerten die Kids Filme – die Sicherheitsvorkehrungen der Industrie sind extrem.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Backnang - Das Foyer des Backnanger Kinos Universum liegt unbeleuchtet vor den Besuchern, die Popcorn- und Slushymaschinen stehen still. Das Kino hat zu dieser Uhrzeit eigentlich noch nicht geöffnet – und der Film, der gleich über die Leinwand flimmern wird, steht noch auf keinem Spielplan. Denn die Gruppe, die sich gerade zusammenfindet, ist eine ganz besondere: Im Universum kommt seit September jeden Monat die Jugendfilmjury zusammen. Die Kinder und Jugendlichen im Alte zwischen neun und 13 Jahren sichten und bewerten Filme im Auftrag der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW). In jedem Bundesland gibt es nun eine solche Jury – und jene für Baden-Württemberg trifft sich in Backnang. Die Senior- und die Juniorchefin des Universum, Annegret und Julia Eppler, sind sichtlich stolz darauf.

 

Seit 2014 wurden bundesweit Jugendfilmjurys eingerichtet, in denen Kinder und Jugendliche Filme bewerten und Empfehlungen aussprechen – oder eben nicht. „Die Kids können sehr streng sein“, sagt Julia Eppler. Zu Beginn des Projekts in Backnang kamen Filmleute zu Besuch, die Jury wurde darin geschult, wie Filme entstehen und worauf ein Filmjuror zu achten hat. Natürlich hat jeder einzelne von ihnen eine eigene Vorstellung von einem guten Film. „Ein Film sollte real wirken“, findet die elfjährige Lili. „Aber er sollte nicht zu anspruchsvoll sein, damit Kinder ihn gut verstehen können“, merkt der gleichaltrige Paul an. Die zehnjährige Sophia hat Spaß daran, mit ihrer Familie Filme zu schauen und danach über sie zu diskutieren – „deswegen habe ich mich dann für die Jury beworben.“

Das ist den Kindern bei Filmen wichtig:

Die Kinder bewerten die Filme in verschiedenen Kategorien

Als Eppler senior und junior der Jury verraten, welchen Film sie heute zu sehen bekommt, ist die Reaktion verhalten. Aus dem Schulanfänger-Alter, für den die Literatur-Realverfilmung gedacht ist, sind alle schon draußen. „Versucht, den Film mit den Augen eurer kleineren Geschwister zu sehen“, bittet Julia Eppler. Sie hat Sorge, dass die Kids aus Coolness-Gründen dem Film keine Chance geben. Immerhin ist das älteste Jurymitglied vor kurzem 13 geworden.

Aber schnell zeigt sich: Die Kino-Kids sind Profis und lassen sich auf den Streifen ein. Noch während des Abspanns machen sie sich daran, die Fragebögen auszufüllen. Jeder für sich und ohne Zutun von Erwachsenen, damit jeder seine Meinung unbeeinflusst festhalten kann. War der Streifen witzig, spannend, traurig? „Ich habe bei ,fantasievoll’ noch ein paar Sterne dazu gemalt. Ist das schlimm?“, fragt einer. Annegret Eppler grinst: „Schlimm nicht, aber gewertet werden eben nur fünf.“

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Dann diskutieren die Kids über die Filmbeschreibung, die sie gemeinsam verfassen, und rechnen die Punktzahlen aus. All das ist wichtig, denn schlussendlich entscheiden sie darüber, ob der Film eine Empfehlung der FBW bekommt oder nicht. „Wenn die Kinder einen Film verreißen, würden wir uns sehr gut überlegen, ob wir ihn in unserem Kino zeigen“, sagt Eppler. Das stundenlange Konzentrieren und Diskutieren ist durchaus harte Arbeit, die Epplers lockern das Programm mit Spielen, Sport und gesunden Snacks auf. Geld bekommen die jungen Filmjuroren nicht – aber eine Jahresfreikarte fürs Kino.

So streng sind die Vorkehrungen gegen Raubkopien:

Die Filmindustrie ächzt noch immer unter den Auswirkungen der Coronamaßnahmen, aber auch die Furcht vor Raubkopien und vor schlechter Presse ist groß. Entsprechend extrem sind die Vorkehrungen, welche die Verleihfirma trifft. Der Name des Films soll zum Beispiel in der Reportage nicht genannt werden – kein Wunder, denn das Urteil der Kids kann gnadenlos sein. Ein Mitarbeiter des Verleihs kommt quer durch Deutschland nach Backnang angereist. In einem kleinen Koffer: Die Festplatte mit dem Film. Dieser kann nur mit einem Hochsicherheitscode abgespielt werden, der nur für just diesen Zeitpunkt, für einen vorher festgelegten Kinosaal gilt. Der Verleih-Mitarbeiter stellt trotzdem sofort nach Ende der Vorführung sicher, dass Julia Eppler die Dateien wieder aus dem Kinosystem löscht.

Die Jugendfilmjury schaut streng hin

Für den Film reicht es am Ende mit vier Sternen für eine Empfehlung „Und das, obwohl es ein stillerer Film ist. Kinderfilme müssen eben nicht immer knallbunt und total übertrieben sein“, freut sich Annegret Eppler. Was nicht heißt, dass die Jury alles kritiklos schluckt. Dass einer der Charaktere keinen anderen Zweck hat, als hin und wieder einen Gag einzustreuen, fliegt sofort auf – und kommt gnadenlos in die Bewertung.

Bewertungen Infos und Filmtipps unter www.jugend-filmjury.com

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