Dass sein Projekt auf eine solche Resonanz stößt, hätte Ugur Büler nicht gedacht. Weil der 40-Jährige selbst seit seiner Kindheit im Kampfsport aktiv war, wollte der Jugendhaus-Pädagoge auch den jungen Besuchern diese Leidenschaft weitergeben – die Resonanz ist enorm. „Das hat ein Maß angenommen, das habe ich nicht erwartet“, freut sich Büler, der seit fünf Jahren im Jugendhaus Nord in Sindelfingen arbeitet, „da ist eine Bewegung entstanden.“
Donnerstags kommen bis zu 30 Jugendliche zum Trainieren in die Juha-Sporthalle, lassen sich von Ugur Büler die Techniken erklären, powern sich aus, bilden eine Gemeinschaft. Den Namen „Fight Club 67“ haben sich die 14- bis 20-Jährigen selbst gegeben – wegen der Postleitzahl 71067 des Sindelfinger Nordens. „Ich wollte erreichen, dass sie sich zusammentun und eigenständig trainieren“, berichtet Büler – mit Erfolg. „Die Jungs treffen sich jetzt auch zum Laufen und zum Schwimmern – es ist irre.“ Einige der Älteren geben inzwischen dienstags einen Kurs für Kinder, die ins Jugendhaus kommen.
„Wer sich prügelt, fliegt raus“
Den Vorwurf, dass er die Jugendlichen so für Prügeleien auf der Straße ausbildet, kann Ugur Büler nicht mehr hören. „Diesen Vorwurf bekommen die Kampfsportler immer gesagt, aber das ist Unsinn“, sagt der Taekwondo- und Kickboxing-Experte, „genau das Gegenteil ist der Fall.“ Regeln, Respekt, Struktur, Disziplin – das werde vermittelt. Die Jungs können den Kampfsport als Ventil nutzen, sich in Ausdauer, Schnelligkeit und Explosivität üben. „Wer sich prügelt, fliegt raus“, sagt Büler lapidar. Ihm gehe es vor allem darum, dass die Jugendlichen regelmäßig Sport machen, der sie begeistert – ob Fußball, Tanzen oder Kickboxen, sei egal. Und innerhalb der Gruppe gibt es viele positive Vorbilder. Die älteren Juha-Nord-Kämpfer sind regelmäßig bei Landesmeisterschaften erfolgreich. „Das macht bei den Jüngeren Eindruck“, weiß Büler.
Den eigenen Körper zu formen, Muskeltraining und Kraftsport zu betreiben, scheint insgesamt bei vielen Jugendlichen hoch im Kurs zu stehen. Das Böblinger Jugendhaus Casa Nostra hat darauf reagiert und einen Kraftraum eingerichtet. „Das läuft extrem gut“, sagt der Hausleiter Torsten Mayer, „irgendwie sind alle auf dem Sporttrip.“
Montags wird eineinhalb Stunden unter Anleitung trainiert – natürlich altersgerecht, zu schwere Gewichte sind tabu. Besart Kuqi, einst selbst Jugendhausgänger und seit sechs Jahren im Casa Nostra als Betreuer tätig, zeigt Techniken und Regeln. „Alle müssen einen Vertrag abschließen“, berichtet Torsten Mayer, „dann können sie auch in kleineren Gruppen an anderen Tagen in den Raum.“ Aktuell werden die Trainingsgeräte, die das Jugendhaus gebraucht besorgt hat, von rund 30 Gruppenmitgliedern – zwischen 16 und 22 Jahre alt – genutzt.
Endlich wieder Arbeit in Präsenz
Mit diesen Angeboten kehrt die Arbeit in den Jugendhäusern auch endlich und wieder zur Präsenz zurück. Denn zu Beginn der Corona-Pandemie waren sämtliche Jugendhaus-Angebote in Präsenz auf Eis gelegt worden, doch das Casa-Nostra-Team und viele andere Jugendhaus-Verantwortlichen gaben sich große Mühe, in Kontakt mit den Jugendlichen zu bleiben. Die Angebote wechselten ins Digitale, es gab Sportwettbewerbe per Videochat, Fitnessübungen per Online-Konferenz, Beratung per WhatsApp und und und. Manche Beziehung verstärkte sich so sogar. Seit geraumer Zeit sind auch die Angebote vor Ort wieder enorm gefragt, so wie eben Kraft- und Kampfsport. Denn das macht in der Gruppe eben doch mehr Spaß als zuhause mit Blick auf den Bildschirm.
Kampfsport im Jugendhaus
Kickboxen
Beim Kickboxen wird das Schlagen mit Füßen und Händen wie zum Beispiel bei Karate mit konventionellem Boxen verbunden. Als Wettkampfdisziplin geht es auf das Jahr 1974 zurück, damals einigten sich die Gründer des Weltverbandes WAKO darauf, fernöstliche Kampfmethoden wie Taekwondo, Karate oder Kung Fu zum sportlichen Wettkampf mit einheitlichen Regeln zu machen.
Jugendarbeit
Die Offene Jugendarbeit macht Angebote an festen Orten, in der Regel Jugendhäusern. In Sindelfingen ist seit den 1990er Jahren der Stadtjugendring der Träger, in Böblingen läuft die offene Jugendarbeit über die Stadt. Ein wichtiger Träger ist zudem das Waldhaus Hildrizhausen, das vor allem auf der Schönbuchlichtung aktiv ist.