Jugendhausverein Leonberg wird 50 Jahre alt Wo Chillen vollkommen in Ordnung ist

Urgesteine: Birgit Widmaier und Martin Riethmüller erinnern sich. Foto: Simon Granville

Der Jugendhausverein Leonberg feiert sein 50-jähriges Bestehen. Auf die bewegte Geschichte blicken die Urgesteine Martin Riethmüller und Birgit Widmaier zurück. Der Verein musste sich nicht nur einmal neu erfinden.

Leonberg: Marius Venturini (mv)

Die Knallergeschichte erzählt Martin Riethmüller erst gegen Ende des Gesprächs. „Bei der Sanierung des Hallenbads lagen auf der Baustelle überall OSB-Platten herum. Und ich habe gefragt, was mit denen danach passiert. Die Antwort war: Die werden weggeschmissen“, berichtet der Vorsitzende des Jugendhausvereins Leonberg. Das habe er verhindert, mit anderen aus dem Verein habe man die Platten schließlich abtransportiert und zwischengelagert. „Und jetzt sind sie überall in der neuen Beat Baracke verbaut“, so Riethmüller, der bei der Erinnerung an die Aktion – und die massive Geldersparnis – herzlich lachen muss.

 

Der Verein musste oft nach Lösungen suchen – und fand sie auch

Die Story beinhaltet vieles von dem, was den Geist ausmacht, der dem Jugendhausverein innewohnt: Oft musste man in schwierigen Situationen nach einer Lösung suchen und sich nicht nur einmal in guten Teilen neu erfinden, steckte aber nie den Kopf in den Sand – und am Ende wandte sich dank unermüdlichem Einsatz fast alles zum Guten. Riethmüller, Jahrgang 1966, kann davon ein Lied singen, genau wie Birgit Widmaier, Jahrgang 1962 und seit 1996 Geschäftsführerin des Vereins. Sie blicken auf 50 Jahre Jugendhausverein zurück und auf die lange Zeit, die sie mitgestaltet haben.

Beide waren etwa dabei, als die Stadt Leonberg Mitte der 1990er-Jahre den Betreuungsvertrag kündigte und der Verein gezwungen war, sein Konzept zu ändern und es auch auf die jüngere Klientel auszurichten. Beide erinnern sich, als Anfang der 2000er-Jahre erneut ein Konflikt entstand, mit dem Ergebnis, dass Teile der Jugendarbeit in Leonberg komplett neu ausgeschrieben wurden – und so die Bassbox in Höfingen an den Verein für Jugendhilfe Böblingen ging. Beide standen mit vor dem Rathaus, als 2010 im Rahmen der Haushaltskonsolidierung gegen die Schließung der Jugendhäuser demonstriert wurde.

Denkwürdige Zeiten hat der Verein überstanden

Und viele, viele Jahre vorher erlebten beide den „Skandal“ um den einstigen Vorsitzenden Robin Bauer mit, als dieser bei einem Gig seiner Band Motörpussy in Stuttgart eine sehr spärlich bekleidete Frau mit auf der Bühne hatte – was für Kommunalpolitik und Medien Angriffsfläche bot. Es waren denkwürdige Zeiten.

Legendär: der Auftritt der Punk-Pioniere Bad Religion im Jahr 1989 in der Beat Baracke Foto: Screenshot

Martin Riethmüller sagt heute: „Ich habe mir meine Reden zum 20. und zum 25. Geburtstag des Vereins durchgelesen. Das waren reine Angriffe, und sie stehen diametral zu dem, was ich diesmal sagen werde.“ Das Verhältnis zur Stadt sei heute ganz anders. Birgit Widmaier, seit vielen Jahren für die Grünen im Gemeinderat, spricht von „einem ganz anderen Level. Inzwischen sehen auch große Teile der Bevölkerung, was hier geleistet wird“. Dazu gehört auch die ständige Weiterentwicklung. „Die Jugendlichen gestalten die Angebote ja mit“, sagt Birgit Widmaier, „allein dadurch sind wir am Puls der Zeit.“ Auch Schulsozialarbeit ist seit 2012 fest beim Jugendhausverein verankert.

Junge Menschen sollen spüren, dass sie etwas bewirken können

Die jungen Menschen sollen spüren, dass sie etwas bewirken können. „Es ist aber auch okay, wenn sie mal einfach nur chillen möchten“, fügt Birgit Widmaier hinzu. Das werde häufig zu negativ dargestellt. Aktuell sei, dass die jungen Menschen häufig mit Zukunftsängsten umgehen müssen. „Das kannten wir aus der Vergangenheit eher weniger.“

Anlaufstellen für die Jugendlichen sind vom Jugendhausverein der Treff Warmbronn, die Gebersheimer Werkstatt 13 und die Beat Baracke in Eltingen. Letztere hat eine besonders bemerkenswerte Geschichte – ersetzt sie doch die olle Küchenbaracke, die bis 2013 in der Neuen Ramtelstraße stand. Die Stadt steuerte als Zuschuss für den Neubau neben dem Leobad das Gelände bei, alles weitere stemmte der Verein mit Eigenleistung, Spenden, Sponsoren und Handwerkern, die ihre Leistungen teils zum Selbstkostenpreis anboten. Eröffnet wurde die neue Baracke 2015.

An die Zeiten an alter Stätte erinnern sich Riethmüller und Widmaier – die früher gemeinsam in der Band Disconfusion spielten – gerne. Martin Riethmüller leistete dort ab 1989 seinen Zivildienst und rutschte fast gezwungenermaßen irgendwann in den Vorstand. Birgit Widmaier war ab Anfang der 1980er-Jahre Stammgast, erst in der Beat Baracke, später im Treff Warmbronn. Seit 28 Jahren kümmert sie sich nun schon um Finanzen, Buchhaltung, die ganze Bürokratie.

Legenden spielten in den Jugendhäusern in Leonberg

Die Liebe zur Musik eint sie noch heute. „Wer in Leonberg und auch in Höfingen alles Station gemacht hat, das ist der Wahnsinn“, stellt Riethmüller fest, als ihm Namen wie Bad Religion, Sick Of It All, NOFX, und die weiterer Punk-, Metal- und Hardcoregrößen in den Sinn kommen. Viele der Gruppen haben bewegte Geschichte geschrieben – genau wie der Jugendhausverein.

Konzert und Festakt Zum 50. Geburtstag hat der Verein eine ausgedehnte Jubiläumswoche organisiert. Zu deren Abschluss gibt es das zweite Geburtstagskonzert an diesem Samstag, 19. Oktober, ab 18.30 Uhr im Treff Warmbronn (Büsnauer Straße 69/1). Es spielen: Steinregen Dubsystem, More Colours und Rhythm & Juice. Davor gibt es ab 14 Uhr einen Tag der offenen Tür mit zahlreichen Mitmachangeboten. Am Sonntag folgt zum Abschluss ein Festakt für geladene Gäste.

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