Jugendhilfe in Hildrizhausen Die Pandemie und die Pädagogik

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Die Waldhaus-Jugendhilfe leistet Pionierarbeit bei der Erziehung von verhaltensauffälligen Jugendlichen.

Hans Artschwager (links) und Martin Artschwager mussten sich etwas gegen den Lagerkoller einfallen lassen. Foto: factum/Simon Granville
Hans Artschwager (links) und Martin Artschwager mussten sich etwas gegen den Lagerkoller einfallen lassen. Foto: factum/Simon Granville

Hildrizhausen - F*ck u Covid 19“ steht in großen Lettern auf der Homepage des Waldhauses in Hildrizhausen. Ein Satz, den man vornehm mit „Verpiss Dich, Covid-19!“ übersetzen könnte, und der zeigt, dass sich die Jugendhilfe-Einrichtung nicht von der Pandemie unterkriegen lässt.

Dabei haben die Mitarbeiter und die Bewohner des Waldhauses in der Krise Einiges mitgemacht. Das Waldhaus kümmert sich um Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten, die bis hin zur Kriminalität gehen. Weil die Jugendlichen weder zu ihren Eltern fahren noch in die Schule gehen konnten, und außerdem ihren Freizeitausgang nicht bekamen, gerieten sie in der Isolation zunehmend unter Druck. Michael Weinmann, der Bereichsleiter der stationären erzieherischen Hilfen berichtet von Anspucken, Beleidigen, Aggressionen bis hin zu Sachbeschädigungen, die nicht nur pädagogische, sondern auch juristische Schritte nötig gemacht hätten.

Hilfreich war eine mehrtägige Wandertour

Weil die Schule ausfiel, mussten die Teams umorganisiert werden, damit sich auch am Vormittag Pädagogen um die Jugendlichen kümmern konnten. „Wir haben versucht, dem Lagerkoller entgegen zu wirken“, sagt Michael Weinmann. Der Alltag der Wohngruppen wurde mit Erlebnispädagogik aufgepeppt: Hilfreich war da beispielsweise eine mehrtägige Wandertour auf dem Westweg im Schwarzwald. Wenig hilfreich war hingegen, dass Spaziergänger eine Jugendgruppe angezeigt hatten, als eine angeblich unzulässige Ansammlung und die Polizei auf das Gelände in Hildrizhausen rückte. Denn das Umfeld in Hildrizhausen soll für die verhaltensauffälligen Jugendlichen familiär gestaltet werden: Sie leben in kleinen Wohnungen mit den pädagogischen Fachkräften zusammen, pro Haus sind das etwa acht bis zehn Personen.

Auch in den anderen Geschäftsfeldern der Jugendarbeit musste sich das Waldhaus umstellen: Normalerweise gehen die Mitarbeiter in die Familien und prüfen, ob die Kinder dort versorgt werden, und ob es ihnen gut geht. Was in den Corona-Zeiten nicht mehr möglich war. Also verständigten sich die Mitarbeiter darauf, mit den Familien nach draußen zu gehen, und sie sozusagen im Gehen zu betreuen, was bildlich gesehen, trotzdem oft alles andere als ein Spaziergang war. Es war „Pionierarbeit“, wie es der Chef des Waldhauses, Hans Artschwager, bezeichnet. Vor allem, weil die Jugendlichen emotional durch eine Zeit manövriert werden mussten, die von Unsicherheit geprägt war.

Helden des Alltags

Von diesen Schwierigkeiten hatte Artschwager neulich auch im Sozialausschuss des Kreistags berichtet, und schmunzelnd nimmt auch er für seine Mitarbeiter die Bezeichnung „Helden des Alltags“ in Anspruch. Denn selbst jetzt, wo die Quarantäne-Regeln gelockert werden, bleiben die Mitarbeiter des Waldhauses im Neuland. Wie erklären sie den Jugendlichen, dass einige in der Gruppe bleiben müssen, und manche zu den Eltern fahren dürfen? Wie erklären sie, dass manche auf dem Gelände bleiben müssen, und manche in die Stadt können?

Als Erfolge ihrer Arbeit werten Artschwager und Weinmann, dass sie gelernt hätten, wie solidarisch das Team der Betreuer untereinander war – und natürlich, dass es bis jetzt keinen einzigen Corona-Fall gegeben habe.




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