Jugendliche einer Gang in Herrenberg inszenieren sich als „Talahons“ Anführer sitzt in U-Haft

Umhängetaschen der französischen Luxusmarke Louis Vuitton: Sogenannte „Talahons“ tragen dieses Label bevorzugt. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der Anführer der Jugendgang „083 Familia“ befindet sich momentan in Untersuchungshaft. Dem Jugendlichen werden mehrere Straftaten vorgeworfen. Er ist nicht der einzige in dieser Szene, der sich auf Tik-Tok in teils skurriler Weise inszeniert.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Auf dem Account „083herrenberg083“ auf Tik-Tok sind zwei Videos hochgeladen. Jungs im jugendlichen Alter präsentieren sich dort rund 970 Followern. Eines der Videos trägt den Titel „Herrenberg boss vs. Mercaden Chiller“. Am Ende wird die Frage eingeblendet: „Wird Musti den Mercaden Chiller packen?“ Was auf Außenstehende wie Satire wirkt, ist in Wahrheit schon lange nicht mehr lustig. Denn die Jugendgang „083 Familia“ aus Herrenberg ist längst auf dem Radar der Behörden, der jugendliche Anführer der Gruppierung sitzt momentan in Untersuchungshaft, im Kreistag ist die Gang Thema.

 

Mit übergroßen Sonnenbrillen, gegelten Haaren, Bauchtaschen und fetten Halsketten lassen sich die Jugendlichen am Bahnhof oder in Bussen filmen. Ein Junge zeigt sich gar mit einem Bauchtattoo mit dem Schriftzug „083 Familia“ am Herrenberger Bahnhof – das Video hat 2,5 Millionen Aufrufe. Immer wieder taucht in den Beiträgen auf den Social Media Plattformen das Wort „talahon“ auf. Dabei handelt es sich um einen Tik-Tok-Trend: Von dem arabischen Begriff „Ta’al La’hon“ abgeleitet, bedeutet das Wort „Komm mal her!“ Einige junge Männer nutzen den Begriff, um sich im Internet als halbstarke Gangster zu inszenieren.

Zum Selbstbild gehören Produkte von Louis Vuitton, zur Schau gestelltes Muskeltraining, Bauchtaschen und Kappen der Marke Gucci, Röhrenjeans, fein ausrasierte Seitenscheitel und dicke Silberketten. Das sind Äußerlichkeiten. Aggressives Verhalten und Gewaltbereitschaft sind aber auch Teil der Selbstbeschreibung.

Die TikTok-Beiträge der Jugendlichen wirken skurril

Für jemand, der sich nicht in dieser Szene bewegt, wirken die Tik-Tok-Beiträge skurril. Ein junger Mann beispielsweise, der immer wieder als „Mercaden Chiller“ in den sozialen Medien auftaucht und im Kreis Böblingen und darüber hinaus mit Miniatur-Mikrofonen auf den Straßen herumläuft, fragt in Videos nach den „Chefs“ von Städten, steigt in teure Autos oder führt inszenierte „Grenzkontrollen“ im Kreis Böblingen durch. Mit einigen weiteren jungen Männern positioniert er sich in einem der Videos vor einem Herrenberg-Schild am Bahnhof – wohl eine gezielte Provokation gegenüber der Herrenberger Gang.

Man fragt sich unwillkürlich: Meinen die das ernst, oder soll das ein Witz sein? Machtgehabe oder gefährlich? 100 000 Follower hat der selbst ernannte „Talahon“ aus dem Kreis Böblingen auf Tik-Tok. Witz oder kein Witz, Einfluss hat der junge Mann allemal und kann damit scheinbar auch Geld verdienen. Die Verletzungen, ein blaues Auge und Schrammen im Gesicht, die er in einem Video stolz in die Kamera hält, sehen ebenfalls ziemlich echt und nicht lustig aus. Diese habe er sich zugezogen, weil er „gepackt“ wurde – also mutmaßlich von anderen Jugendlichen angegriffen wurde.

Und auch das ist kein Witz: Die Jugendgang „083 Familia“ ist wohlbekannt bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Mitte August meldete die Polizei einen größeren Einsatz an den Bahnhöfen in Herrenberg und Böblingen: In Herrenberg trafen die Einsatzkräfte damals auf rund 40 junge Männer. Die Ermittlungen ergaben, dass wohl Streitigkeiten der Grund für die Zusammenkunft waren. Die Pressestelle der Polizei bestätigt, dass einige der Jugendlichen der Gang „083 Familia“ angehörten. Damals wurden laut Polizei zahlreiche Platzverweise ausgesprochen, die Stadt Herrenberg habe außerdem mehrere Aufenthaltsverbote erlassen. Nach Angaben der Polizei zeitigten die Kontrollen Wirkung: Im September wurden nur noch vereinzelt Gangmitglieder angetroffen. Allerdings würden derzeit einzelne Personen der Gruppierung immer wieder ins Visier der Polizei geraten.

Der Verein mevesta, der in Herrenberg mobile Jugendarbeit betreibt, wollte sich zu der Situation vor Ort nicht äußern. Auch die Stadt Herrenberg verwies auf Nachfrage unserer Zeitung an die Polizei.

Ganz offenbar besteht im Kreistag aber doch Redebedarf. Der Richter Ralf Rose berichtete im Jugendhilfeausschuss des Kreistages über die Gruppierung. Die Gang habe zwischen 20 und 30 Mitglieder und zeige massives Revierverhalten. Doch nicht alle Mitglieder seien straffällig, stellt der Richter klar. Acht Mitglieder allerdings schon: Über „Taschenkontrollen“ würden die Jugendlichen anderen Handys und Geld abknöpfen. „Das sind keine Bagatellen, das ist Raub“, sagt Rose. Bei diesen Delikten würden Freiheitsstrafen blühen. Auch das Polizeipräsidium Ludwigsburg bestätigt, dass es seit etwa einem Jahr die Straftaten ansteigen, die von dieser Gruppierung begangen wurden. Den Kern bildeten etwa neun Personen und weitere Personen im näheren Umfeld – sie seien zwischen neun und 25 Jahren alt und träfen sich hauptsächlich am Herrenberger Bahnhof.

Der Anführer der Herrenberger Gang sitzt in U-Haft

Der Anführer von „083 Familia“ – ein 15-Jähriger – sitzt laut Richter Rose momentan in Untersuchungshaft. Dem Jugendlichen droht ein Gerichtsverfahren. Doch beim Umgang mit straffälligen Jugendlichen sieht der Richter Verbesserungsbedarf: Bis die Staatsanwaltschaft Anklage erhebe, vergehe zu viel Zeit. „Ich unterstelle niemanden, Däumchen zu drehen“, sagt Rose deutlich. Die strukturellen Probleme seien auf Personalengpässe zurückzuführen. Aber auf jede Straftat müsse unmittelbar eine Reaktion folgen. Sonst entstehe bei den jungen Straftätern der Eindruck, tun und lassen zu können, was sie wollen – ohne Konsequenzen.

Dies scheint auch auf den Fall des Anführers von „083 Familia“ zuzutreffen: Bis zur Untersuchungshaft habe der Jugendliche rund 20 Straftaten begangen, so Rose. „Es ist sehr wichtig, dass in solchen Fällen früh interveniert wird.“ Ziel sollte nicht sein, Jugendliche hinter Gitter zu stecken, sondern es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, fügt er hinzu. „Solche Gangs nicht ernst zu nehmen, wird sich massiv rächen“, sagt der Amtsrichter und sieht diese Entwicklung auch als Folge der Pandemie: Einige Jugendliche seien während des Lockdowns „verloren“ gegangen. „Wir müssen aufpassen, dass diese nicht weiter abdriften“, sagt er.

Die Staatsanwaltschaft hatte mit Personalengpässen zu kämpfen

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigt, dass in diesem Jahr in der für den Raum Böblingen zuständigen Jugendabteilung längere Vakanzen bestanden. Auch die Abteilungsleiterstelle sei mehrere Monate unbesetzt gewesen, informiert die Pressestelle der Staatsanwaltschaft. Hierdurch seien Verzögerungen bei der Verfahrensbearbeitung vorgekommen. Mittlerweile seien diese Engpässe jedoch behoben, die Abteilung sei wieder personell verstärkt worden.

Tipps der Polizei

Zahlen
Unter Jugendlichen wird oft von „abziehen“ oder „abzocken“ gesprochen, wenn eine Person der anderen ein Handy abnimmt oder gar Geld. Laut Polizei handelt es sich dabei um verharmlosende Begriffe, hinter denen oftmals eine Raubtat steht. 2023 wurden insgesamt 3698 Kinder Opfer eines Raubes oder einer räuberischen Erpressung. 87 Prozent davon sind Jungen. Bei Jugendlichen sieht die Gewichtung ähnlich aus: Den 7499 jugendlichen Opfern stehen 6781 männliche Opfer 718 weiblichen gegenüber.

Tipps für Eltern
Die Polizei rät, dass Eltern sich regelmäßig mit Lehrern und anderen Erziehungsberechtigten austauschen. Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kinder keine wertvollen Gegenstände oder viel Bargeld in die Schule mitnehmen. Außerdem weist die Polizei darauf hin, behutsam mit dem betreffenden Kind zu sprechen: Kinder, die von Gleichaltrigen erpresst werden, haben große Angst. Grundsätzlich rät die Polizei zur Anzeigenerstattung.

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