Jugendliche in der Coronapandemie Die Krise im Schlafanzug

Nachts wach, tagsüber im Bett: Viele junge Menschen sind vollkommen aus dem Rhythmus geraten. Foto: Adobe Stock/Tinnakorn

Einige absolvieren fünf Work-outs pro Tag und magern ab, andere verlassen das Bett kaum mehr: Wegen der Pandemie leidet fast jeder dritte Jugendliche unter psychischen Auffälligkeiten. Was kann helfen?

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Stuttgart - Ein Mädchen, 14 Jahre. Innerhalb von vier Wochen nimmt sie acht Kilo ab. Sie meldet sich – massiv untergewichtig – in der Ambulanz für Essstörungen der Uni Tübingen. Dort erzählt sie, dass sie aufgrund des Lockdowns, der gestoppten Sportprogramme und der fehlenden Präsenz in der Schule ein neues Projekt zum Ziel hat: Abnehmen.

 

Ein Junge, 17 Jahre. Seit Wochen verlässt er kaum mehr das Bett. Er hat Ängste entwickelt, die ihn daran hindern, sich außerhalb der Schlafstätte zu bewegen. Schließlich bittet er um ein Gespräch beim Gesundheitsladen, einer Beratungsstelle für junge Menschen in Stuttgart. Mit den Sozialpädagogen entwickelt er Strategien, wie er sich sein eigenes Zimmer und seine Umgebung wieder zurück erschließen kann. Eines der wichtigsten Vorhaben dabei ist: Morgens aufstehen und sich etwas anderes anziehen.

Vier von fünf fühlen sich durch Pandemie belastet

Für einige mögen derartige Reaktionen auf die Coronapandemie übertrieben oder unverständlich sein. Diese Fälle sind anonymisiert, aber genauso geschehen – und sie sind exemplarisch für ganz viele Jugendliche. Vor Kurzem wurden die Ergebnisse der zweiten Runde der „Copsy“-Studie (Corona und Psyche) veröffentlicht, bei der Forscher des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf zwischen Dezember 2020 und Januar 2021 mehr als 1000 Kinder und Jugendliche sowie rund 1600 Eltern befragt hatten. Dabei kam heraus, dass sich vier von fünf Kindern und Jugendlichen durch Corona belastet fühlen. Beinahe jeder Dritte leidet unter psychischen Auffälligkeiten. Und die Ängste und Sorgen haben im Vergleich zur ersten Befragung im Juni 2020 deutlich zugenommen.

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„Früher haben sich Jugendliche bei uns gemeldet, weil sie Stress mit Klassenkameraden oder Lehrkräften hatten“, sagt Katja Bodinek, die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Landkreises Ludwigsburg. „Jetzt wird bei der Anmeldung auch die Pandemie genannt. Viele Jugendliche berichten im Zusammenhang mit der besonderen Situation von Ängsten, Zwängen und depressiven Verstimmungen.“

Zudem hätten Jugendliche häufig mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Auch seien das Homeschooling und die Videokonferenzen für viele schüchterne, junge Menschen ein echtes Problem: „Sie sorgen sich beispielsweise, dass ihre Stimme durch das Mikrofon seltsam klingen könnte, oder dass die Klassenkameraden heimlich über sie schreiben und sich lustig machen könnten.“

Manche ziehen den Schlafanzug nicht mehr aus

Vielen Jugendlichen ist auch ihre Tag-Nacht-Struktur verloren gegangen: „Manche laufen tagelang nur im Schlafanzug herum. Sie schalten morgens den Rechner ein fürs Homeschooling und legen sich dann wieder ins Bett“, berichtet Dagmar Preiß. Die Sozialpädagogin ist Geschäftsführerin des Gesundheitsladens in Stuttgart, zu dem der Mädchengesundheitsladen, die Anlaufstelle bei Essstörungen sowie eine Beratungs- und Präventionsstelle für Jungs und junge Männer gehört. Zuletzt wurden sie und ihre Kolleginnen regelrecht überrannt, mussten Wartelisten einführen und „über Grenzen der eigenen Kapazität gehen“, wie Preiß zugibt.

„Bei Mädchen stellen wir vor allem eine Zunahme von Angststörungen, Schlafstörungen sowie depressiver Symptomatik fest“, sagt sie. „Bei Jungen geht es eher um eine aggressive Ausprägung sowie generell um das soziale Verhalten.“ In vielen Familien hätten die Spannungen zugenommen. Das sei auch ganz logisch, denn in ihrer Jugend hätten Mädchen und Jungen unter anderem zwei Entwicklungsaufgaben: Autonomie herstellen und Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen. Beides sei derzeit nur schwer möglich. Das wirke sich auf deren Stimmung aus.

Zunahme von Magersucht und Binge-Eating bei Mädchen

Zudem hätten einige Mädchen relativ rasant eine Essstörung entwickelt – vor allem Magersucht. Und Mädchen, die bereits auf einem guten Weg raus aus der Essstörung waren, wären erneut an die Beratungsstelle herangetreten. Preiß erklärt sich dies vor allem mit dem Wegfall von verbindlichen Strukturen und der fehlenden Kontrolle über die Pandemie und das eigene Leben. Als Kompensation versuchten manche nun unbewusst ihren Körper zu kontrollieren. Ein weiterer Grund seien die Work-outs im Internet, die viele in der Pandemie für sich entdeckt hätten. Einige Mädchen würden von diesen Fitnessprogrammen nicht nur eines pro Tag, sondern etwa zwei am Vormittag und drei am Nachmittag absolvieren.

Ebenfalls zugenommen hat Binge-Eating, also wiederkehrende Heißhungeranfälle mit Kontrollverlust. Wer etwa eine Ausbildung in einem Betrieb mache, der aufgrund des Lockdowns geschlossen bleiben müsse, habe plötzlich endlos lange Tage. „Dann ist man ständig allein, und die Frage kommt auf: Wie fülle ich diese Leere aus?“, erläutert Preiß. Und dies geschehe dann teilweise mit ebendiesen Essanfällen, die einhergingen mit Selbstabwertung, also Schuld- und Schamgefühlen. „Und diese Zustände breiten sich noch viel besser aus, wenn man im Lockdown kein soziales Umfeld um sich herum hat.“

Psychotherapeuten und Kinderärztinnen sollten gefragt werden

Jennifer Svaldi, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Tübingen, beobachtet vor allem in der zweiten Coronawelle einen Anstieg von Jugendlichen, die aufgrund von akuten Krisen sowie Suizidgefährdung versorgt werden müssten. „Das sind in der Regel Jugendliche, die schon vorher bei uns in Behandlung waren und die nun deutlich instabiler sind.“

Die Wissenschaftlerin fordert, dass in den Coronaberatungen von Politikerinnen und Virologen zwingend auch Psychotherapeuten und Kinderärztinnen gefragt werden sollten. Wenn man die Kinder und Jugendlichen „nicht endlich“ in den Fokus nehme, werde es zweifellos zu einem Anstieg der psychischen Störungen kommen, ist Jennifer Svaldi überzeugt.

Seit der Pandemie mehr als doppelt so viel Zeit im Internet

Der Tübinger Kindheitsforscher Sascha Neumann hatte im Frühjahr und Sommer 2020 mit zwei Kolleginnen der Uni Luxemburg die Covid-Kids-Studie durchgeführt, in deren Rahmen mehr als 3000 Kinder und Jugendliche befragt wurden. Dort kam heraus, dass es den jungen Menschen in Deutschland seit Corona deutlich schlechter gehe.

Für die Zeit vor der Pandemie hatten mehr als 95 Prozent der Befragten angegeben, mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden gewesen zu sein. Während der Pandemie waren es nur noch 53 Prozent. „Je älter die Teilnehmer waren, umso eher machte ihnen die soziale Isolation oder die Angst zu schaffen, vom Internet oder sozialen Medien abhängig zu werden“, sagt Neumann.

Welche Tipps gibt es für Mütter und Väter?

Und was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind leidet? Vor allem Interesse zeigen und immer wieder nachfragen, wie es ihnen gehe, raten alle Experten. Zudem sei es essenziell, dass Jugendliche auch jetzt Kontakt zu Gleichaltrigen hielten – und sei es nur eine Person, die sie regelmäßig sehen könnten.

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Und wie sollte man mit Kindern umgehen, die tagelang im Schlafanzug herumliefen oder nur vor dem Computer säßen? „Dann schlagen wir der Familie vor, gemeinsam Vereinbarungen auszuhandeln“, sagt Dagmar Preiß. Eine Idee sei es, eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag einzunehmen – eine andere, den WLAN-Router um 24 Uhr auszuschalten. Dies solle man aber nicht spontan über die Köpfe der Jugendlichen hinweg entscheiden. Sonst könnte noch um Mitternacht ein Streit drohen.

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