Jugendliche und Kraftsport „Nicht jedes Fitnessstudio ist für Jugendliche geeignet“

Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche in einem Fitnessstudio von Erwachsenen betreut und erst einmal angeleitet werden. Foto: IMAGO/Addictive Stock

Fitnessstudios laufen inzwischen Sportvereinen den Rang ab, viele Jugendliche wollen Krafttraining machen. Doch ab welchem Alter ist das überhaupt gesund?

Der neunjährige Sohn hat ein neues Abend-Ritual: Er hängt an seinem Hochbett und macht Klimmzüge. Er war neulich als Zuschauer bei einem internationalen U15-Fußballturnier – und schwer beeindruckt nicht nur von deren Ballkünsten, sondern auch von den breiten Schultern der Spieler. Seitdem ist ihm klar, was ihm zur großen Fußballkarriere vor allem noch fehlt: mehr Muskeln.

 

Die liegen bei jungen Menschen auch jenseits des Fußballprofitraums im Trend. Dem Verband Deutsche Sportjugend zufolge ist Fitness- und Kraftsport bei den 13- bis 17-Jährigen inzwischen genauso beliebt wie Fußball und gehört damit zu den am häufigsten ausgeübten Sportaktivitäten (Zahlen aus 2024). Die Mitgliedschaften in den Sportvereinen dagegen sind bei Jugendlichen laut der gleichen Datenerhebung in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen. Die Zahlen der jungen Mitglieder in Fitnessstudios haben sich in diesem Zeitraum nahezu verdoppelt. Laut einer Allensbach Studie sind dort 1,58 Millionen der 20 Millionen Kunden heute zwischen 14 und 18 Jahre alt.

Selbst bei Normalgewichtigen nimmt die Muskelmasse ab

„Hauptsache Bewegung“, sagt Christine Joisten ganz allgemein über diese Entwicklung. Joisten ist Allgemeinmedizinerin und arbeitet am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaften der Deutschen Sporthochschule in Köln. Hinlänglich bekannt sind die Zahlen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene immer weniger Sport treiben. „Das führt dazu, dass wir selbst bei normalgewichtigen Kindern inzwischen sehen, wie ihre Muskelmasse abnimmt“, sagt Christine Joisten. Muskeln aber sind wichtig dafür, dass sich ein Mensch überhaupt bewegen, aber auch sportliche Höchstleistungen erreichen kann.

„Aber Muskeln sind eben nicht nur Kraftmaschinen. Sie stehen mit anderen Organen im Körper im Kontakt und sind auch wichtig für gesunde Knochen“, sagt Christine Joisten. Weshalb eine muskuläre Fitness genauso wichtig sei wie Ausdauer – und das gelte bei Kindern grundsätzlich genauso wie bei Erwachsenen.

Nun muss sich deshalb aber kein Neunjähriger im Fitnessstudio anmelden. „In diesem Alter ist es wichtig, möglichst breit Sport zu treiben, dadurch werden dann eigentlich auch die Muskeln ausreichend trainiert. Vor allem geht es um das Zusammenspiel zwischen den Muskeln sowie zwischen Nerven und Muskeln“, erklärt Christine Joisten. Wenn jemand Spaß daran habe, zusätzlich gezieltes Krafttraining zu machen, spreche da aber nichts dagegen – vorausgesetzt man beachtet ein paar Dinge.

Auch Tanzen ist eine hervorragende Bewegungsoption für Kinder und Jugendliche. Foto: IMAGO/Cavan Images

„Gerade bei Kindern ist es zunächst am besten, wenn sie einfach mit dem eigenen Gewicht trainieren, das schützt vor Überlastungsschäden“, sagt Christine Joisten. Als mögliche Übungen nennt sie Liegestütze, Klimmzüge, Kniebeugen – oder auch einfach nur zu Fuß zur Schule gehen und den eigenen Schulranzen tragen. Gut sei es, den Kindern klar zu machen: einen sichtbaren Muskelzuwachs wird es trotz solcher Übungen nicht geben. „Dazu braucht es einfach auch die hormonellen Entwicklungen, die erst mit der Pubertät kommen“, präzisiert Joisten. Bei Jugendlichen spreche dann auch nichts mehr dagegen, mit Gewichten und an Geräten zu trainieren. „Wichtig ist es aber, ein Fitnessstudio zu haben, das auf junge Besucher eingestellt ist und in dem gut geschultes Personal arbeitet“, sagt Christine Joisten.

In Deutschland kann grundsätzlich jeder ein Fitnessstudio eröffnen

Und hier fängt die Herausforderung an. Denn in Deutschland kann grundsätzlich jeder ein Fitnessstudio eröffnen. Es gibt für diese Branche keine gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsnachweise oder Qualifikationen. „Rund 90 Prozent der Fitnessanlagen investieren regelmäßig in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, insbesondere im Bereich des gerätegestützten Krafttrainings. Zudem verfügen mehr als ein Viertel der Beschäftigten über ein abgeschlossenes Studium mit Bewegungs- oder Gesundheitsbezug“, sagt dazu Alexander Wolf vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen. Bei der Auswahl eines geeigneten Studios könne man sich solche Qualifikationen durchaus zeigen lassen. „Es ist auch nicht jedes Studio automatisch für Jugendliche gleichermaßen geeignet“, sagt Wolf weiter. Manche werben gezielt um diese Zielgruppe, andere haben bewusst Altersbeschränkungen, die anzeigen, dass sie eben nicht auf junge Besucher eingestellt sind.

„Entscheidend ist, dass Jugendliche nicht alleingelassen trainieren und eine Kommunikation mit den Eltern aktiv angeboten wird“, erklärt Alexander Wolf. Es sollte eine verpflichtende Einweisung erfolgen sowie gemeinsam ein Trainingsplan erstellt werden, der auch regelmäßig überprüft und angepasst werden sollte und ein ganzheitliches Training beinhaltet.

Ebenso sollte qualifiziertes Trainingspersonal regelmäßig präsent sein. „Jugendliche wachsen zum Teil ja noch, das muss bei der Auswahl und Einstellung der Geräte berücksichtigt werden“, unterstreicht Christine Joisten.

Jugendliche brauchen keine zusätzliche Eiweißzufuhr

Was jugendliche Studiobesucher ihrer Meinung nach nicht benötigen, ist eine zusätzliche, meist übermäßige Eiweißzufuhr. Über eine ausgewogene Ernährung erhielten Jugendliche in aller Regel genügend Eiweiß. Neben Eiern, Fleisch und Milchprodukten sind auch Tofu, Hülsenfrüchte, Nüsse und Vollkornprodukte gute Eiweiß-Lieferanten. Übertreibt man es dagegen mit der Eiweiß-Aufnahme, wird dieses als Energie genutzt oder über die Nieren wieder ausgeschieden, was diese jedoch belasten kann.

Christine Joisten kann nachvollziehen, dass es gerade Jugendliche mittlerweile vermehrt ins Fitnessstudio zieht. „Breiten- und Freizeitsport gibt es in vielen Vereinen nur für Kinder. Bei den Älteren ist es dann in aller Regel Leistungssport und das kann oder mag nun mal nicht jeder.“ In einem Fitnessstudio dagegen könne jeder selbst entscheiden, wie viel Zeit und Energie man dort investieren möchte – ganz auf die eigene Lust und Kraft zugeschnitten. „Allerdings fehlt oft eben das soziale Miteinander, das Vereine bieten“, sagt Christine Joisten. Ihr Wunsch wäre es, dass auch Vereine für Jugendliche mehr Angebote im Freizeitsportbereich machen – so wie es das für Erwachsene auch gibt. Sport und Bewegung ohne Leistungshintergrund. Und bei der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen, intensiven und alle Muskelgruppen ansprechenden Bewegung von 90 Minuten dreimal die Woche für Jugendliche ist sowohl Raum für den Sportverein wie auch für das Fitnessstudio.

Info: Wer in der Familie ist wie fit?

Die App
Um einen gesunden Lebensstil zu fördern, hat der Sportärztebund Nordrhein in Zusammenarbeit mit der Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung der Deutschen Sporthochschule Köln die App fitforhealth entwickelt. Kinder und Erwachsene können damit ihre körperliche und motorische Leistungsfähigkeit je nach Altersstufe testen. Die Übungen werden in kurzen Videos erklärt, am Ende kann man die Ergebnisse individuell auswerten oder mit anderen sowie mit Normwerten vergleichen

Weitere Themen