Jugendliche und Politik Sie haben eigene Zukunftsvisionen

Von Eileen Breuer 

Laut der Shell-Jugendstudie hält sich das Interesse von Jugendlichen an der Politik in Grenzen. An einer Schule auf der Filderebene sollen Jugendliche an das Thema herangeführt werden. Doch ist das in Zeiten von Fridays for Future wirklich nötig?

Bei der Podiumsdiskussion konnten Schüler des KCG Politiker mit ihren Fragen löchern. Foto: Eileen Breuer
Bei der Podiumsdiskussion konnten Schüler des KCG Politiker mit ihren Fragen löchern. Foto: Eileen Breuer

Filder - Im Königin-Charlotte-Gymnasium (KCG) versammelten sich vor Kurzem auf der Bühne fünf Politiker verschiedener Parteien, auf den Stuhlreihen vor der Bühne nahmen Schüler Platz. Gemeinsam wollten sie diskutieren – über Digitalisierung, den Klimawandel, Kinderarmut, die Zukunft der EU und den Rechtsruck in der Gesellschaft.

Zusammengebracht hat sie der Verein Children First in Zusammenarbeit mit dem KCG. Ziel der Veranstaltung ist es, bei Jugendlichen das Interesse an Politik zu entfachen, sagt Pia Schmees. Sie arbeitet ehrenamtlich bei Children First mit: „Viele Jugendliche empfinden Politik als abschreckend. Wenn sie sagen, dass sie sich nicht für Politik interessieren, haben sie trotzdem eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft. Und dann ist es wichtig, auch etwas dafür zu tun.“

Nur acht Prozent zeigen sich stark interessiert an Politik

Jugendliche an die Politik heranführen: Ist das überhaupt nötig ? Gerade Klimastreiks wie Fridays for Future – der nächste ist am 29. November – legen nahe, dass sich Jugendliche für Politik interessieren. Neben jenen, die etwas bewegen wollen, gibt es aber auch jene, die sich nicht für Politik interessieren. Das verdeutlicht die Shell-Jugendstudie 2019. Für diese wurden mehr als 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Als stark interessiert bezeichnen sich dieser zufolge nur acht Prozent der Jugendlichen, weitere 33 Prozent sehen sich als interessiert an. „Viele Jugendliche sagen, sie sind nicht politisch interessiert. Sie agieren jedoch oft politisch, ohne dass es ihnen bewusst ist“, sagt Schmees. Deshalb soll die Veranstaltung nicht nur dazu beitragen, das Interesse an Politik zu steigern, sondern den Jugendlichen auch klar machen, wo Politik in ihrem Alltag eine Rolle spielt.

Was bedeutet Politik eigentlich?

Fabian Ripsam gehört selbst noch zu den jungen Erwachsenen. Der 25-Jährige vertritt die CDU als Kommunalpolitiker im Bezirksbeirat Möhringen und diskutierte auf dem Podium mit. Ihm ist es wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten, was Politik bedeutet: „Dass man auch politisch agiert, wenn man im Verein tätig ist.“ Auf die Frage von Schmees, wie interessiert die Jugend an Politik ist, antwortet er: „Ich glaube nicht, dass die Jugend unpolitisch ist, sondern dass sie nicht an Parteien interessiert ist.“ Also eher Parteien- statt Politikverdrossenheit: Damit trifft er einen Nerv. Denn neben Beteiligungsformen wie wählen zu gehen oder sich aktiv in Parteien zu engagieren, spielen für Jugendliche Aktionen außerhalb von Parteien eine große Rolle.

Das findet der Gemeinschaftskundelehrer Arne Lang vom KCG erst einmal nicht verwerflich: „Demos sind total wichtig, weil es emotionale Themen sind, für die man auf die Straße geht. Aber der Blick ist oft verschränkt dafür, wie das dann durch die Politiker ausgehandelt werden muss.“ Unterschriftenaktionen, Demon­strationen oder Boykotte scheinen für die Jugendlichen im Gegensatz zu Parteipolitik vor allem eines: wirkungsvoller. „Politik ist immer ein Kompromiss: Wenn man Schritte auf einander zugeht, ist das Ergebnis nicht so klar. Die Jugendlichen wünschen sich klarere Zeichen“, sagt der Lokalpolitiker Fabian Ripsam.

Jugendliche und Politiker sollen wieder miteinander reden

Was die Shell-Studie auch gezeigt hat, ist, dass das Vertrauen in Parteien und Politiker leidet. So stimmen mehr als die Hälfte der Jugendlichen Aussagen wie „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“ und „Der Staat kümmert sich mehr um Flüchtlinge als um hilfsbedürftige Deutsche“ zu. Hier zeigt sich auch sogleich, welche Auswirkungen das Misstrauen hat: Populistische Argumentationsmuster werden anschlussfähig.

Die Mitinitiatorin Schmees will dem entgegenwirken und mit dem Projekt dazu beitragen, dass Politiker und Jugendliche wieder miteinander kommunizieren. „Wir holen die Politiker in die Schule, um Vorurteile abzubauen. Die Schüler sollen merken, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden.“ Vor allem aber sollen Schüler und Politiker lernen, sich ineinander hineinzuversetzen.

Das geschah im Anschluss an die Podiumsdiskussion. In Kleingruppen tauschten Schüler und Politiker die Rollen. Außerdem formulierten sie gemeinsame Ziele. Das findet Lehrer Arne Lang gut: „Es ist spannend für die Schüler, zu sehen, dass Politiker auch normale Menschen sind: Jemand, dem man Fragen stellen und mit dem man diskutieren kann.“

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