Jugendreport Natur 2016 Lasst die Kinder zurück in die Natur!

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Im Matsch rumsauen, Staudämme bauen, in Erdlöcher klettern, nach vergrabenen „Schätzen“ suchen, im Wald nach „wilden Tieren“ und Gespenstern suchen. Das war früher Kindheit – und ist es für viele Kinder heute immer weniger.

Ein Bild fast schon mit Seltenheitswert: Kinder spielen im Freien, machen sich schmutzig und sind außer Rand und Band – ganz ohne erwachsene Aufpasser. Foto: dpa
Ein Bild fast schon mit Seltenheitswert: Kinder spielen im Freien, machen sich schmutzig und sind außer Rand und Band – ganz ohne erwachsene Aufpasser. Foto: dpa

Stuttgart - „Früher war alles besser.“ Dieser Satz hat eine lange pädagogische Tradition. Generationen von Erwachsenen haben ihn den eigenen und fremden Kindern und Jugendlichen um die Ohren gehauen, wenn sie mal wieder ihr generelles Unbehagen über die „Jugend von heute“ loswerden wollten. Der Satz wird dadurch nicht richtiger, dass er inflationär gebraucht wurde und weiter wird. Er sollte besser lauten: „Früher war nichts besser, aber vieles anders.“ Die Kindheit zum Beispiel.

Kindheit – das bedeutete: blaue Flecken, Schrammen, nasse Klamotten und zerrissene Hosen. Beim „Kampf“ mit der Bande aus der Nachbarstraße landete man im Dornenbusch, es flossen Tränen und manchmal ein bisschen Blut. Hinterher hat man sich wieder versöhnt. Und das Geschimpfe von der Mutter ließ man stoisch an sich abprallen.

Kindheit – das bedeutete: draußen spielen bei Wind und Wetter, Schnee und Regen, Winter wie Sommer. Die schlimmste Strafe war Stubenarrest. Wenn der verhängt wurde, musste man es arg schlimm getrieben haben. Zum Beispiel die Betonplatten im Garten mit Vaters blauer Spraydose verschönt oder „aus Versehen“ eine Schramme in Nachbars Auto hinterlassen zu haben.

Kindheit – das bedeutete: Froschlaich, Kröten, Eidechsen, Kaninchen, Lurche, Blutegel, Mäuse, Regenwürmer und Singvögel – das ganze heimische Getier kennenlernen und ohne „Igittigitt“ anfassen.

Kindheit – das war: Abenteuer, Naturentdecken, Spiel ohne Kontrolle, Freizeit ohne Grenzen.

Kindheit heute

Und heute? Kindheit bedeutet vielfach: Im Zimmer vor dem Computer hocken, ballern, klicken und surfen. Mit Freunden chatten und reden, ohne ihnen gegenüberzusitzen. Die Welt digital zu entdecken, ohne live dabei zu sein. Der Lebensradius vieler Kinder und Jugendlichen hat sich nach Drinnen verlagert. Entdeckungsreisen finden digital statt, Kommunikation aus der Distanz, Konflikte werden Mausklick ausgetragen.

Mit der körperlichen und seelischen Verlagerung nach innen gehen nicht nur das freie, ungezügelte Spielen, das natürliche Rauslassen der Emotionen, das handfeste Erlernen von Konfliktfähigkeit und das spielerisch-experimentelle Austesten von Grenzen verloren. Viel fundamentaler ist, dass Heranwachsenden die urmenschlichen Instinkte und Begabungen verlernen – oder besser gesagt: gar nicht erst erlernen. Kinder sind Geschöpfe der Natur, sie sind zu Entdeckern, Abenteurern und Fährtensuchern geboren – und nicht zu Stubenhockern, Nerds und Spezialisten.

Schleichende Indoor-Krankheit

Eine „schleichende Indoor-Krankheit“ habe die Jugend befallen, schrieb der Publizist und Naturphilosoph Andreas Weber 2010 in seinem großartigen Artikel zum Thema Kinder und Natur im Magazin „Geo“. „Mit dem Schwinden des ungezügelten Spiels im Freien droht etwas Unersetzliches verloren zu gehen: die Möglichkeit, seelische, körperliche und geistige Potenziale zu entfalten, dass Kinder zu erfüllten Menschen werden.“ Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren würde ihre emotionale Bindungsfähigkeit verkümmern, Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude schwinden, ist Weber, Vater von zwei Kindern, überzeugt.

Zahlreiche Studien vor allem aus dem angelsächsischen Raum belegen den unauflöslichen Zusammenhang zwischen Naturerleben und Reifen – und zugleich die erschreckende Naturentfremdung der jungen Generation. In Deutschland machen die Autoren des Jugendreports Natur seit Jahren auf diese schleichende Abkoppelung des Menschen von seinem natürlichen Lebens- und Wachstumsraum aufmerksam.

Kinder brauchen Natur

Der Naturphilosoph Andreas Weber, der Natursoziologe Reiner Brämer und der amerikanische Umweltaktivist und Autor Richard Louv („Last Child in the Woods: Saving Our Children From Nature-Deficit Disorder“, 2005 – „Das letzte Kind im Wald: Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!“) sehen darin eine „zivilisatorische Katastrophe“. Louv spricht von einem „Natur-Defizit-Syndrom“, das zu Aggressivität, Hyperaktivität und Übergewicht führe. Kinder brauchen Natur, um von den Krankheiten der Zivilisation geheilt zu werden, lautet ihre These. „Natur-Entzug bestraft der Körper - mit Krankheiten und ADS“, betont Weber. „Es scheint, dass wir Erwachsenen vor lauter gutem Willen das Ziel unserer Erziehung aus den Augen verlieren.“

Überbesorgtes Kreisen von Helikopter-Eltern, die ihren Nachwuchs jeden Morgen zur Schule fahren und aus Angst vor den Gefahren, die draußen lauern könnten, am liebsten immer im Blickfeld haben, schadet mehr als das es nützt. Die Natur ist kein Museum, keine gute Stube, sondern ein Raum zum Anfassen, Mitmachen, Entdecken, Scheitern, Wehtun und Wiederaufstehen.

Vom Zappelphilipp zum ADHS-Patienten

Stubenhocken, Dauer-Digitalisierung und kontrolliertes Spiel schadet Leib und Seele und macht aus ganz normalen Kids Psycho-Kandidaten. „Den Zappelphilipp von früher bezeichnet man heute als ADHS. Dadurch wird er automatisch zum Krankheitsfall“, sagt der Psychiater Heiner Melchinger. Schätzungen zufolge wird bis zu zehn Prozent der Kinder in Deutschland wegen ADHS, einem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom, Ritalin verschrieben (die Substanz enthält Methylphenidat, ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung und Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Wachstumsstörungen und Herz-Kreislauf-Beschwerden).

Der Verbrauch von ADHS-Medikamenten stieg Experten zufolge von 34 Kilogramm (1993) auf 1760 Kilogramm (2011). Mediziner fürchten, dass eine ADHS-Generation heranwächst. Der US-Kinderpsychiater Leon Eisenberg, der als wissenschaftlicher Vater von ADHS gilt, bekannte wenige Monate vor seinem Tod 2009, dass ADHS das „Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“ sei.

Natur heilt Wunden

Die Natur erleben heilt körperliche und seelische Wunden. Natur ist ein emotionaler Gegenpol, ein lebendiger Erlebnisraum, ein kreatürlicher Erfahrungshorizont. In der Natur werden aus Nerds wieder Kids, aus ADHS-Patienten wieder fröhliche Querdenker, aus Stubenhockern wieder abenteuerlustige Entdecker. Kinder haben ein Recht auf Natur, freies Spielen und eigene Erfahrungen. Deshalb – zum Wohle der Kinder und für die Nerven der Eltern:

Plädoyer für mehr Natur

Lasst die Kinder raus!

Lasst sie springen, zappeln und schreien!

Lasst sie herumstrolchen, sich einmatschen und Schrammen holen!

Lasst sie auf Bäume klettern, in Tümpeln planschen und Bäche stauen!

Lasst sie sich kloppen, versöhnen und neue Freundschaften schließen!

Lasst sie das wilde Kind in sich entdecken!

Gebt ihnen ganz einfach die Natur zurück!