Jugendschutz im Netz Die EU hat zu lange weggesehen
Altersgrenzen für Social Media? Was in Australien eingeführt wird, muss in der EU diskutiert werden, kommentiert Annika Grah. Soziale Netzwerke dürfen kein rechtsfreier Raum bleiben.
Altersgrenzen für Social Media? Was in Australien eingeführt wird, muss in der EU diskutiert werden, kommentiert Annika Grah. Soziale Netzwerke dürfen kein rechtsfreier Raum bleiben.
Um es klar zu sagen: Der Ansatz in Australien ist radikal. Und er strahlt etwas von Verzweiflung aus. Von Mittwoch an werden Unter-16-Jährige dort per Gesetz von sozialen Medien ausgeschlossen. Plattformen wie Instagram, Snapchat und TikTok drohen empfindliche Strafen, wenn sie dafür nicht Sorge tragen. Auf diese Weise will Australien die Jugendlichen schützen vor süchtig machenden Algorithmen, vor Gewaltdarstellungen, Mobbing und Pornografie. Vergangene Woche haben Plattformen wie Meta begonnen, die Konten junger Menschen zu sperren. Es ist ein umstrittener Ansatz.
Social Media ist längst Teil unserer Realität. Junge Menschen mit 16 plötzlich ohne Übung in diese Umgebung zu werfen, wäre höchst riskant. Der richtige Weg wäre ein kontrollierter, abgestufter Zugang für unterschiedliche Altersgruppen, so wie es Dänemark plant. Und wie es in der analogen Welt seit Jahrzehnten praktiziert wird.
Es ist absurd, dass Kinder und Jugendliche im Netz quasi uneingeschränkten Zugang zu Pornografie und Gewaltdarstellungen haben. Schlimmer noch ist, dass sie ihnen trotz Altersangabe im Account in den Feed gespült werden. Im Oktober testete die NGO „Global Witness“ mit Hilfe von Fake Accounts in Großbritannien, wie sicher die Algorithmen auf Tiktok 13-Jährige schützen. Das Ergebnis: Nach wenigen Klicks wurden ihnen pornografische Inhalte angeboten.
Damit wird offenbar, dass die bestehende Gesetzgebung wie etwa der Digital Services Act in der EU oder der Jugendmedienstaatsvertrag in Deutschland, die Jugendschutz auch in Social Media regeln, zu wenig Wirkung zeigt. Das muss sich ändern.
Selbstverständlich können Eltern nicht aus der Verantwortung genommen werden. Medienkompetenz kann in Familien, aber auch in Schulen als Thema gar nicht hoch genug gehängt werden. Doch angesichts der Geschwindigkeit, in der sich Plattformen entwickeln, wird das nicht ausreichen – zumal das Gros der Eltern nicht zu den Digital Natives gehört.
Einen wirklichen Unterschied machen würden hingegen digitale Verifizierungsmechanismen, wie sie aktuell in der EU diskutiert werden. Und zwar auch für Erwachsene, damit diese sich zum Beispiel nicht mehr als Gleichaltrige ausgeben können, um sich Jugendlichen zu nähern. In Ländern wie Dänemark wird solche Software bereits getestet – warum also warten?
Es wäre naiv zu glauben, dass Altersgrenzen und digitale Ausweise nicht umgangen werden können. Auch im vordigitalen Zeitalter kamen Jugendliche an Inhalte, die nicht für sie bestimmt waren. Doch der ungeregelte Zugang zu Gewaltvideos und Schlimmerem hat heute eine andere Dimension.
Das ist die eine Seite. Die andere ist das unkontrollierte Vorgehen der Tech-Giganten, die ihrer eigenen, wirtschaftlichen Logik folgen. Davor müssen Kinder und Jugendliche geschützt werden. Es ist höchste Zeit, dass auch in sozialen Medien Regeln durchgesetzt werden, wie wir sie aus der realen Welt kennen: mit klaren Verboten für Kinder unter 13 und abgestuften Schutzkonzepten für Jugendliche, d amit sie das Agieren im digitalen Raum üben und auch dort erwachsen werden können.
Dass dort nun schon seit Jahrzehnten ein fast rechtsfreier Raum herrscht, ist ein Staatsversagen. Das Problem wird sich nur über eine harte Regulierung lösen lassen. Die hohen Strafen, die Australien den Plattformen angedroht hat, müssen in der EU Vorbild sein. Es ist überfällig, die Betreiber von Social Media für das, was auf ihren Plattformen passiert, in die Verantwortung zu nehmen. Dass Elon Musk nun wie in der Auseinandersetzung mit der EU die Muskeln spielen lässt, darf niemanden abschrecken.