Jugendsozialarbeit am Mailänder Platz Sozialer Brennpunkt? Jetzt nicht mehr

Von Julika Wolf 

Vor einigen Jahren gab es am Mailänder Platz mancherlei Probleme. Das Team der Mobilen Jugendarbeit im Europaviertel hat dann Kontakt mit den Jugendlichen gesucht. Nach eineinhalb Jahren ist der Ort kaum wiederzuerkennen.

Die Jugendsozialarbeiter Anna Krass und Simon Fregin (rechts) unterhalten sich vor ihrem Wohnwagen auf dem Mailänder Platz mit dem 20-jährigen Ammar Kando. Er   kommt regelmäßig beim Team der Mobilen Jugendarbeit vorbei.Foto: Lichtgut/Julian Rettig Foto:  
Die Jugendsozialarbeiter Anna Krass und Simon Fregin (rechts) unterhalten sich vor ihrem Wohnwagen auf dem Mailänder Platz mit dem 20-jährigen Ammar Kando. Er kommt regelmäßig beim Team der Mobilen Jugendarbeit vorbei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Die Sonne scheint, Kinder hüpfen über die Wasserspiele, entspannte Erwachsene sitzen in den Cafés vor dem Milaneo und schlürfen Eiskaffee. An diesem Sommernachmittag ist es kaum zu glauben, dass der Mailänder Platz vor der Stadtbibliothek einmal ein Brennpunkt jugendlicher Gewalt war. Und doch ist es noch gar nicht lange her: Immer wieder musste die Polizei anrücken, um Konflikte zu lösen. Im März 2017 kam es sogar zu einer Messerstecherei.

Simon Fregin und Anna Krass sind zwei der vier Jugendsozialarbeiter, die dadurch auf den Plan gerufen wurden. Im Rahmen der Mobilen Jugendarbeit im Europaviertel bieten sie Jugendlichen seit März 2018 die Möglichkeit, sich auszutauschen, gemeinsame Aktionen zu starten oder einfach nur abzuhängen. Dadurch sei die Langeweile weniger geworden, die letztlich für viele der Konflikte verantwortlich gewesen war, sagt Simon Fregin. „Der Platz war nicht moderiert.“ Verschiedene Gruppen, die sich hier regelmäßig aufhielten, hatten ihn für sich beansprucht und deshalb oftmals miteinander konkurriert. Das können die Sozialarbeiter nun abfangen und in gemeinsame Aktivitäten umwandeln.

Das Konzept gestalten die Sozialarbeiter so, wie es gerade nötig ist. Noch vor dem Beginn des Projekts sprachen sie die Jugendlichen an, die regelmäßig auf dem Mailänder Platz abhingen, und fragten sie nach ihren Bedürfnissen. „Uns ging es darum, sie kennenzulernen und herauszufinden, was sie gerne wollen“, sagt Simon Fregin. Daraus entstanden dann verschiedene Aktivitäten. Sie installierten einen Basketballkorb, organisierten eine Hip-Hop-Kulturwoche mit Rap-Workshop und bauten eine Bank aus Skateboards und Holz. Auch eine Übernachtung in ihrem Wohnwagen, der hinter der Stadtbibliothek steht, kam gut an.

Hauptsächlich junge Männer mit Fluchterfahrung

Auf dem Papier zählen junge Menschen von 14 bis 27, die von sozialer Benachteiligung bedroht oder betroffen sind, zur Zielgruppe des Projekts. In der Realität sind es alle. „Es kamen auch schon Passanten vorbei, die meinten: Da vorne sitzt eine obdachlose Frau, die aussieht, als gehe es ihr nicht gut. Dann sind wir mal vorbeigegangen und haben nach ihr geschaut“, sagt Anna Krass. Auch dass Passanten sie einfach nur nach dem Weg fragen, komme vor. Hauptsächlich seien es aber junge Männer, oft mit Fluchterfahrung, die bei ihrem Wohnwagen vorbeischauen.

So auch der 20-jährige Ammar Kando. „Die vier haben mir geholfen, eine Bewerbung zu schreiben und einen Job zu finden“, sagt er. Eine Arbeit hat er im Milaneo gefunden – nun verbringt er seine Mittagspause oft am Wohnwagen. Für einen weiteren Jugendlichen haben die Sozialarbeiter ein Praktikum in der Stadtbibliothek vermittelt, wo früher oft Konflikte ausbrachen. Die Mitarbeiter haben daraufhin ihr negatives Bild von den jungen Menschen, die regelmäßig auf dem Mailänder Platz abgehangen hatten, revidiert. Und der 16-Jährige hat gemerkt, dass der Beruf eigentlich ganz spannend ist: „Er will jetzt Bibliothekar werden“, sagt Anna Krass.

Auch mit kulturellen Problemen kommen die jungen Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben, auf die Sozialarbeiter zu. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass die Polizei sie öfter kontrolliert als andere. Daraufhin sei ein Polizist zum Wohnwagen gekommen, der mit ihnen über bestimmte Strafdelikte sprach. Oftmals sei es schwierig zu erklären, wie die Dinge in Deutschland laufen, sagt Simon Fregin. „Ich kann ihnen ja nicht erzählen, hier ist man nicht sexistisch, wenn Männer und Frauen oft nicht einmal gleich bezahlt werden.“ Am besten sei es, aus eigenen Erfahrungen zu erzählen – und den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen. Deshalb haben sie inzwischen angefangen, Arabisch zu lernen, sagt Anna Krass. Damit zeigen sie, dass sie die Muttersprache der Jugendlichen als Kompetenz ansehen.

Verlängerung des Projekts im Gespräch

Eineinhalb Jahre nach dem Beginn des Projekts zieht das Team der Mobilen Jugendarbeit im Europaviertel eine durch und durch positive Bilanz. Noch bis Februar 2020 soll es laufen, eine Verlängerung um zwei Jahre ist im Gespräch. Die hängt von der Finanzierung durch die Stadt, Stiftungen und Spenden ab. Die Verantwortlichen für die Mobile Jugendarbeit – die Evangelische Gesellschaft, der Caritasverband für Stuttgart sowie die evangelische und die katholische Kirche – wollen eine Verlängerung des Projekts verwirklichen. Auch Prof. Thomas Meyer vom Institut für angewandte Sozialforschung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, der das Projekt wissenschaftlich begleitet, spricht sich für eine Verlängerung aus.

Anna Krass und Simon Fregin stimmen dem zu. Wenn sie nicht mehr vor Ort wären, würde den Jugendlichen ein wichtiger Ansprechpartner genommen. „Direkt um den Mailänder Platz entstehen drei Hotels, die Atmosphäre wird sich auf jeden Fall wandeln“, sagt Simon Fregin. Da sei wichtig, dass weiterhin Moderatoren vor Ort sind.

Es gebe viele Angebote für Jugendliche in Stuttgart, doch die Mobile Jugendarbeit im Europaviertel zeichne sich durch ihre Niedrigschwelligkeit und eine besonders gute Erreichbarkeit aus.

Was sie sich für die weitere Zukunft wünschen? „Einen festen Raum und die Verlängerung“, sagen Anna Krass und Simon Fregin. „Und eine entspanntere und offenere Gesellschaft, die mehr Verständnis für andere hat.“

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