Juli Zeh, Simon Urban: „Zwischen Welten“ Bäuerin und Intellektueller im Wettstreit per E-Mail

Kühe vor Diskurslandschaft: Simon Urban und Juli Zeh Foto: Peter von Felbert

Was treibt uns auseinander? In dem E-Mail-Roman „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban treten eine Landwirtin und ein Intellektueller zum argumentativen Wettstreit an zwischen urbaner Abgehobenheit und bodenständigem Realismus.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Zwei Leute, die früher an dem Küchentisch ihrer Studenten-WG in lebhaften Diskussionen die Welt verbessern wollten, treffen sich nach zwanzig Jahren wieder – und fangen erst einmal an zu streiten. Das Leben hat sie in verschiedene Bereiche geführt: Stefan hat in Hamburg eine großstadtintellektuelle Karriere als Kulturchef der wichtigsten deutschen Wochenzeitung gemacht. Theresa wiederum bewirtschaftet einen Hof mit 200 Kühen, in nächster Nähe der märkischen Gegend unweit Berlins, in der schon die beiden letzten Romane der auf dem Land lebenden Autorin Juli Zeh gespielt haben.

 

Er begeistert sich für Critical Race Theory, Gendersprache, den Kampf gegen den Klimawandel und einen Journalismus mit Haltung. Sie hat grundsätzliche Zweifel an den Versprechen der Politik und denen der Freiheit, auch deshalb, weil sie als Ostdeutsche aus nächster Nähe miterlebt hat, wie die Versprechen blühender Landschaften in ihrem Lebensumfeld nach der Wende von der Treuhand und schlauen Anwälten aus dem Westen kassiert wurden. Wo ihr früherer Freund sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt und für die bedingungslose Unterstützung der „mutigen Ukrainer*innen“ wirbt, sieht sie nur Sternchen oder muss Antworten auf die Frage ihres Melkers finden, in welchem Radius eine Atombombe auf Berlin alles zerstören würde. Hochriskant findet sie überhaupt die Vermischung von Journalismus und Aktivismus, die die Aufgabe der vierten Gewalt untergrabe und der Gesellschaft statt harten Fakten nur mehr einen aufgeregt blubbernden Meinungsbrei serviere. Kein Wunder geht das Wiedersehen der beiden nach so vielen Jahren erst einmal in die Binsen. Doch ihr Streit bleibt nicht folgenlos. Er wird zum Urknall einer schriftlichen Auseinandersetzung, geführt über die zeitgemäßen Medien: E-Mails und Messengerdienste wie Whatsapp oder Telegram.

Im Pro-und-Kontra-Gewitter

Damit wären die Fronten geklärt in dem Romanprojekt „Zwischen Welten“, das an die beiden verständigungstherapeutischen Dorf-Bestseller Juli Zehs anknüpft, „Unter Leuten“ und „Über Menschen“. Schon sie drehten sich um die Frage, was Leute in Ostdeutschland in die Arme der AfD treibt und warum manche der absoluten Wahrheiten aus gentrifizierten Großstadtquartieren auf dem Land so hohl klingen. Nun geht es ums Ganze einer zwischen Stadt und Land, Ost und West, wokem Checkertum und nüchternem Realismus, Solidarität mit der Ukraine und Sorge um sich selbst gespaltenen Gesellschaft. Und für die argumentative Entscheidungsschlacht hat sich Juli Zeh ihren einstigen Schüler am Leipziger Literaturinstitut, den Schriftsteller Simon Urban, ins Boot geholt, wobei offen bleibt, wer welchen Part übernommen hat.

Die Entwicklung des Journalismus und die Existenznöte der zeitgenössischen Landwirtschaft zwischen Klimawandel, ökologischem Umbau, Energiewendechaos, Dumpingpreisen und Brüsseler Bürokratie sind die Pole, die das Kraftfeld umreißen, innerhalb dessen Stefan und Theresa sich nahezu alle Themen vorknöpfen, die es in jüngster Zeit zu Debattenrang gebracht haben. Und man liest die ersten Mail- und Whatsapp-Scharmützel des 450-Seiten-starken Buchs mit einer gewissen Besorgnis, man könnte möglicherweise in eine auf Dauer gestellte Talkshow-Spirale oder ein endloses Pro-und-Kontra-Gewitter geraten sein.

Die Letzte Generation lässt grüßen

Doch das hat der Roman anderen beliebten medialen Formaten voraus: dass er sich nicht mit der Rollenprosa seiner beiden Sprecher- beziehungsweise Schreiberfiguren begnügen muss. Und so läuft neben den geschliffenen, blitzgescheiten Wortwechseln, wie sie allabendlich in den einschlägigen Sendungen zu verfolgen sind, noch eine Handlung mit, geeignet, die jeweils geäußerten Positionen lebensweltlich zu illustrieren. So muss der abgehobene Phrasendrescher erleben, wie ihm die woken Geister, die er mit einer aktivistischen Klima-Sonderausgabe gerufen hat, über den Kopf wachsen und die schöne neue Zeitungswelt mit Hass und Shitstorms verpesten. Während die bodenständige Landwirtin mit ihrem frustrierenden Einsatz für die Lebensgrundlagen der Gemeinschaft in die Arme einer völkisch-schillernden Gelbwesten-Bewegung getrieben wird, die ihren Schritt aus dem System mit dem rechtfertigt, was auf dem Spiel steht – die Letzte Generation lässt grüßen.

Im Lauf der Lehren, die das gedichtete Leben für die jeweiligen Überzeugungen bereithält, kommt es zu diversen Positionswechseln – unter anderem auch zu einer amourösen Annäherung der beiden Kontrahenten. Die Hoffnung steht im Raum, der einstige gemeinsame Küchentisch könnte wieder zum Forum der Auseinandersetzung werden, statt der giftgefüllten Blasen, in denen sich eine durchmoralisierte und zutiefst zerstrittene Gesellschaft bekriegt. Das wäre schön.

Aber so hegelianisch hier eine antithetische Bewegung bei der Arbeit beobachtet zu werden scheint, so seltsam drängt sich eine Dialektik eigener Art auf: Selten dürfte das Urteil über besserwissende Schulmeisterei auf ähnlich schulmeisternde Weise gefällt worden sein. So nah Juli Zeh und Simon Urban an die Wirklichkeit heranführen, so überdeutlich ragt in jeden Ausschnitt ihres Zeitbilds ein so großer Zeigefinger, dass die dargestellten Verhältnisse im Verhältnis dazu sofort auf didaktisches Playmobil-Format schrumpfen. Nicht nur der Journalismus ist gefährdet, wenn er sich dem Aktivismus unterwirft, auch die Literatur.

Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten. Roman, Luchterhand. 448 Seiten, 24 Euro.

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