Juli Zehs neuer Roman „Unterleuten“ Avatare des Landlebens

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Juli Zeh hat ein Update des Gesellschaftsromans geschrieben. Sie siedelt ihn dort an, wohin die Leute gemeinhin vor der Gesellschaft fliehen: in einem kleinen Ort in Brandenburg.

„Hier ist die Gemütlichkeit zuhause“, heißt es auf der Website  des Gasthofs „Märkischer Landmann“, in dem die Leute in Juli Zehs Roman zusammenkommen. Foto: pixabay
„Hier ist die Gemütlichkeit zuhause“, heißt es auf der Website des Gasthofs „Märkischer Landmann“, in dem die Leute in Juli Zehs Roman zusammenkommen. Foto: pixabay

Stuttgart - Sehnsüchtig blickt der Städter aufs Land. Je komplizierter sich die zivilisatorischen Angelegenheiten erweisen, in denen er sich alltäglich zu behaupten hat, desto mehr lockt die Lust am einfachen Leben. Insofern war die Idylle immer schon eine Projektionsfläche vornehmlich für dem Naturwüchsigen gründlich Entrückte, die hier noch einmal durchspielen, wie es anders laufen könnte, Kultur gewissermaßen im geschützten Modus.

Das Retour à la nature bedarf als Stimulus der Fortschrittswelt, von der es sich abkehrt. Weil deren Hintergrundrauschen aber vernehmlich bleibt, sind Idyllen in der Literatur normalerweise nur als gestörte zu haben. In der Utopie rumort ihr Gegenteil. So fragwürdig sich der Glaube, mit der Flucht aufs Land, wenn schon nicht die Welt als Ganze, so doch die eigene Haut retten zu können, in lebenspraktischer Hinsicht erweisen mag, ästhetisch ist er ergiebig. Was vielleicht erklärt, warum immer mehr Autoren ihren Wohnsitz aus Berlin in das rurale Umland verlegen.

Gutmenschenterror in der Provinz

Eine von ihnen ist Juli Zeh. Ihren großen aktuellen Gesellschaftsroman siedelt sie dort an, wohin die Leute gemeinhin vor der Gesellschaft fliehen: in einem kleinen Dorf in the Middle of Brandenburg. Durch einen märkischen Sandfleck im Niemandsland zieht sie die Koordinaten des zeitgenössischen Lebens, die sich früher einmal im Zentrum der großen Metropolen geschnitten haben. Offenbar treffen zentrifugale Tendenzen ins Herz der Zeit.

Das Dorf Unterleuten, das dem Roman Namen und Bestimmung gleichermaßen gibt, ist ein Mikrokosmos, in dem sich das große Ganze spiegelt. Die einen leben hier, weil sie es schon immer getan haben, die anderen, weil sie sich vor dem Spätkapitalismus und dem großen Ausverkauf der Werte in Sicherheit bringen wollen, wie der ehemalige Soziologie-Professor Gerhard Fließ, der gemeinsam mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau ein neues Leben als Vogelschützer ausprobiert, und dabei die Scholle mit einem missionarischen Wesen traktiert, das nichts genesen lässt, sondern die alten Konflikte anfacht, die in der Dorfgemeinschaft schlummern.

Trainingscamp für Selbstoptimierer

Entzündet werden sie durch einen geplanten Windpark, an dem die unterschiedlichsten Interessen kollidieren, bisweilen in ein und derselben Person: denn natürlich findet der grüne Weltverbesserer Erneuerbare Energien im Prinzip in Ordnung, nur eben nicht auf der Hügelkuppe, deren Anblick ihn von den Scheußlichkeiten des überdrehten Fortschritts ablenken sollte. Es treten auf: ein Spekulant, der sich in einem günstigen Moment handstreichartig weite Gebiet unter den Nagel gerissen hat, um nun den maximalen Nutzen daraus zu ziehen; der Großbauer Gombrowski, dessen kriselndes Bio-Unternehmen dem halben Dorf Arbeit gibt, der sich mit Windeskräften im Rücken zu sanieren hofft, während sein Intimfeind Kron hinter allem jene kapitalistischen Machenschaften wittert, an die die große gesellschaftliche Vision der DDR verraten wurde.

Sie alle aber werden an der Longe einer taffen Pferdezüchterin in spe durch die Manege geführt, die auf dem Land eine Art Trainingscamp für Selbstoptimierer zu errichten trachtet, auf der Grundlage der ominösen Ratgeber-Bibel eines gewissen Manfred Gortz. Nach deren Erfolgsterminologie ist sie ein sogenannter Mover, also ein Mensch, der auf der Welt ist, um sich und andere zu bewegen: „Macht“, heißt es bei Gortz, „ist die Antwort auf die Frage, wer wen bewegt.“ Demgegenüber gelten Leute wie der Vogelschützer als Killjoys, Spaßbremsen, die die Gründe für eigenes Versagen grundsätzlich bei anderen, vor allem aber bei der Gesellschaft suchen, eine Unart, die laut Gortz besonders bei Schriftstellern, Philosophen und Feuilletonjournalisten grassiert.