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InterviewJulian Knoth Wie Die Nerven bekannt wurden - und wie nicht

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Die Nerven haben oft gegen das Popbüro geätzt - weil sie auf anderem Wege ins Popgeschäft gekommen sind. Der Bassist Julian Knoth berichtet, wie viel Glück sie hatten - und was andere davon lernen können.

Da scheiß ich drauf: Julian Knoth hält nichts von Bandförderung à la Popbüro - zumindest nicht ganz am Anfang der Karriere. Foto: Hannes Opel
"Da scheiß ich drauf": Julian Knoth hält nichts von Bandförderung à la Popbüro - zumindest nicht ganz am Anfang der Karriere. Foto: Hannes Opel

Stuttgart - 2016 war für die Stuttgarter Band Die Nerven das bislang intensivste Jahr ihrer Karriere. Ihr aktuelles Album "Out" hat sie intensiv auf den Club- und Festivalbühnen der Republik vorgestellt (mit Tourfinale in Schorndorf) und sie war mehrfach am Theater engagiert.

Kürzlich haben wir eine Multimedia-Reportage zum Förderwettbewerb Play Live veröffentlicht, mit dem das Popbüro junge Bands ins Popgeschäft bringen will. Dafür haben wir uns mit dem Die-Nerven-Bassisten Julian Knoth über alternative Wege ins Business unterhalten - am Beispiel seiner eigenen Band. Was Knoth gesagt hat, ist zu interessant, um es nicht in (fast) voller Länge zu dokumentieren.

 

Habt ihr drei euch zusammengesetzt und gesagt: ‚Jetzt machen wir Popkarriere‘?

„Irgendwie war das keine Absicht … 2012 kam Kevin am Schlagzeug dazu, und da haben wir eben in den Sommerferien im Komma-Saal unser Album „Fluidum“ aufgenommen. Wir wollten das schon an ein Label bringen, haben aber nicht gedacht, dass das klappen würde. Die ersten zwei, zweieinhalb Jahre war es eher so, dass wir da reingeraten sind. Das war wie ein Strudel – und 2015 haben wir dann auch umstrukturiert. Da haben wir gesehen, dass es unser Job ist, dass wir es richtig machen müssen. Für mich war das lange schwierig, dass aus Spaß Arbeit wurde. Mir ist klar, dass uns viele dafür beneiden, dass wir von Musik leben können. Viele wünschen sich das, und dann muss ich sagen: es ist doch okay, dass ich damit Geld verdiene.“

Und wie seid ihr mit dem Business in Kontakt gekommen?

„Wir hatten ja die Demo-CD „Asoziale Medien“, die kam irgendwann in die Hände von Hendrik von Messer. Als wir „Fluidum“ aufgenommen hatten, hat er es an This Charming Man gegeben und der hat es herausgebracht. Dieses Netzwerk haben wir immer weiter geknüpft. Der Manager von Trümmer hat im Frühjahr 2013 Bookingagenturen zu unseren Konzerten in Berlin eingeladen, dann ging das ganz schnell. Über das Label sind wir zu Vertrieb und Verlag gekommen. Und wir arbeiten mit diesen Leuten ja bis heute zusammen.“

Bands, die zum Beispiel beim Play-Live-Wettbewerb dabei sind, wünschen sich ganz stark, dass sie ins Popgeschäft einsteigen können und planen diesen Schritt auch akribisch. Wie lief das bei euch?

„Wir hatten diesen Wunsch nie so konkret. Wir wollten Musik machen und vor allem rauskommen aus unseren Käffern. Ich habe irgendwann durchs Internet gemerkt, dass es da draußen so gute Musik gibt – und war frustriert, dass es die in meinem Umkreis nicht gegeben hat. Da habe ich angefangen, die selbst zu machen. Irgendwann habe ich Max kennengelernt und dann haben wir gemeinsam Musik gemacht, weil es ihm genauso ging. Ich hatte vor Die Nerven eine Schülerband, und da habe ich es immer so arg gewollt. Die Nerven waren eher so das Scheiß-drauf-Projekt. Wir haben gesagt ‚Uns ist erst mal alles egal, wir machen es so, wie wir wollen‘. Man kann eine Karriere nicht erzwingen. Ich finde es schwierig, da 'nen Businessplan zu haben. Klar haben wir uns irgendwann auch einen Plan gemacht. Aber der erste Antrieb sollte doch sein, Musik zu machen.“

Hier könnten wir das Interview wunderschön beenden und allen Musikern sagen: Schaut her, Die Nerven haben ihr Ding gemacht, macht es wie die – und dann werdet ihr erfolgreich. Nur machen ganz viele ihr Ding und nicht alle veröffentlichen bei Glitterhouse.

„Bei uns kam verdammt viel Glück dazu. Aber der wichtige Punkt war, und das will ich jedem auf den Weg geben, mutig genug zu sein. Wir waren mutig genug, auch ein bisschen anzuecken und eben nicht 08/15-Pop zu machen. Dann sticht man auch heraus. Es gibt in der Musik nur mutig und langweilig, und ich höre eben lieber Musik, die mutig ist – auch wenn sie vielen Leuten nicht gefallen mag. Aber klar ist es immer noch ein großer Zufall, dass Die Nerven so bekannt sind. Wir können uns das selber nicht erklären … gut, vielleicht könnte man es erklären. Aber es wäre doch schade, wenn es eine Formel dafür gäbe. Dann wäre es ja wieder nicht mutig. Die Formel ist einfach, sein Ding zu machen – so dumm das klingt.“

Ein Scheiß-drauf-Projekt sind Die Nerven nicht mehr.

„Klar, die Leichtigkeit vom Anfang ist weg. Es geht nicht ewig so weiter, so blauäugig. Stehen bleiben wollen wir auf keinen Fall. Das bedarf dann noch viel mehr Mut und Selbstbewusstsein, wenn dieses Drauflos, diese Sturm-und-Drang-Phase vorbei ist. Da muss man versuchen, seinen Status zu entwickeln. Das ist bei vielen anderen Bands interessant: was machen die beim dritten, vierten Album? Tocotronic konnten ja auch nicht immer ihre Schrammel-Hymnen spielen. Sicher sind da einige Fans der ersten Stunde ausgestiegen, aber dieses Risiko muss man in Kauf nehmen – auch wenn es nicht einfach ist.“

Wann habt ihr bewusst entschieden, was die Marke „Die Nerven“ sein soll?

„Das hat sich immer wieder geändert. Ursprünglich war es dagegen, laut und nervig sein. Das steckt auch immer noch drin und sollte nicht verloren gehen. Irgendwann hat sich das gewandelt. Ich nehme Die Nerven als eine Band aus drei total unterschiedlichen Typen wahr, die ganz unterschiedliche Sachen reinbringen, am Ende aber harmonieren. Der größte Zufall war eigentlich, dass wir uns getroffen und gemeinsam Musik gemacht haben. Das passiert ganz, ganz selten, dass man die richtigen Leute trifft.“

Habt ihr mal gemeinsam mit einem Profi überlegt, mit dem Bandfoto oder Plattencover ein Bild von der Band zu erzeugen?

„Niemals. Das waren immer wir selbst. Das Artwork ist in unserer Hand, bei den Videos formulieren wir die Grundidee … vielleicht sind wir mit dem Popbüro so früh aneinandergeraten, weil wir uns nichts sagen lassen wollen. Wir fanden die Förderung auch immer fragwürdig. Jetzt bin ich dem Popbüro dankbar, weil wir den Proberaum dank ihnen haben und wir sind jetzt auch im Austausch. Als wir angefangen haben, war das Popbüro eine große Motivation, es durchzuziehen und zu zeigen, dass es auch anders geht – ohne Businessplan, ohne Vokabular …“

Wenn ihr 2012 beim Popbüro vorgespielt hättet, …

„Wir haben tatsächlich 2012 bei einem Bandwettbewerb mitgemacht, für den Opening-Slot beim Wo?!-Festival in Wendlingen. Unsere Lieder sind da einigermaßen anhörbar geworden und die Konzerte mitreißend. Ich glaube, die Leute hatten damals schon ein Gefühl dafür, dass wir was Eigenes entwickelt haben. Aber es hätte uns niemand zugetraut, dass wir ein halbes Jahr später einen Plattenvertrag hätten. Später wurde ein Jurymitglied gefragt, warum Die Nerven von vier Bands nur Zweiter waren. Der meinte, wir seien damals noch nicht so weit gewesen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, wir mussten erst in Berlin oder sonstwo außerhalb erfolgreich sein, bevor man uns hier in Stuttgart ernstgenommen hat – außer im Waggon natürlich.“

Es gibt den Popbüro-Zugang zur Popmusik und den Subkultur-Zugang. Ist der Popbüro-Zugang dominant?

„Eigentlich funktioniert das nur über die Subkultur, nicht als Wirtschaftsförderung. Wenn aus der Subkultur etwas gesund gewachsen ist wie Die Nerven, macht so etwas wie das Popbüro und eine Wirtschaftsförderung auch Sinn – gerade hier in Stuttgart, wo es wenig Kreativwirtschaft gibt. Es ist doch die Frage: wie früh setzt man bei der Förderung an? Ist es nicht besser, indirekt zu fördern, also zum Beispiel Jugendhäuser oder Vernetzungstreffen? Und warum fördert das Popbüro nicht, dass mehr Mädchen in Bands spielen? Da wäre das Geld doch besser investiert als in die tausendste Band, die versucht, Radio-Airplay zu bekommen. Man sollte Bands nicht mit Wettbewerben fördern. Bei der Musik geht’s nicht ums Gewinnen. Vielleicht kommen da die nächsten Silbermond raus, aber da scheiß ich drauf. Ich will lieber die nächsten Bikini Kill. Man sollte ans Vernetzen denken – aber nicht daran, Bands mit SWR zu vernetzen, sondern Musiker untereinander.“


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