Es sind diese wurfgewaltigen Muskelprotze, die im Fokus stehen. Die meistens dann, wenn nichts mehr geht, flehenden Blickes von ihren Mitspielern gesucht werden. Die dann im Rückraum kurz die Lage checken, ihre Körper in die Luft schrauben und den Ball mit Höchstgeschwindigkeit ins Netz hämmern. Diese Handballer auf der Königsposition sind aber häufig auch sensible Spielernaturen, die vor allem eines brauchen: Vertrauen.
Vertrauen zu Romero
Julius Kühn macht da keine Ausnahme. Und im Gespräch mit dem Neuzugang des Handball-Bundesliga-Aufsteigers SG BBM Bietigheim fällt auffallend oft das Wort – Vertrauen. Das Vertrauen, das er gleich beim ersten Kontakt mit Trainer Iker Romero spürte. Das Vertrauen, das ihm in den letzten zwei Jahren seiner Zeit bei der MT Melsungen abhanden gekommen war. Sowohl was den Coach Roberto Garcia Parrondo betraf, als auch den eigenen Körper, wozu auch die eine oder andere fragwürdige Diagnose beitrug.
Groß eingehen möchte der 31-Jährige darauf nicht mehr. Er blickt lieber nach vorne. „Ich wollte mir eine neue Herausforderung suchen, habe mit verschiedenen Bundesligisten gesprochen, aber mit der SG BBM hat von Anfang an alles zu 100 Prozent gepasst“, sagt der 1,98 Meter große Rechtshänder.
Nach sieben Jahren beim finanzstarken Club aus der nordhessischen Provinz ist der Wechsel ins Schwabenland ein Neuanfang. 2016 war Kühn der absolute Senkrechtstarter des deutschen Handballs. Von der Couch in Gummersbach (für den VfL spielte der Rheinländer von 2014 bis 2017) holte ihn der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson zur Europameisterschaft nach Polen.
Karriereknick Kreuzbandriss
Es begann ein wunderbares Jahr mit EM-Titel und Olympia-Bronze in Rio. Der Rechtshänder trug viel zu diesen Erfolgen bei. „Bum-Bum Kühn“ nannte ihn der Boulevard – und in der Tat zerlegte er mit der Wurfgewalt eines Dampfhammers die Gegner teils im Alleingang. Ein erster Karriereknick stellte der Kreuzbandriss Ende Oktober 2018 im EM-Qualifikationsspiel gegen den Kosovo dar. Aufgrund der schweren Verletzung verpasste der Nationalspieler (92 Länderspiele/294 Tore) die Heim-WM 2019.
Den zweiten großen Rückschlag brachte eine Sprunggelenkverletzung am ersten Spieltag der Saison 2022/23 im Spiel mit der MT bei den Rhein-Neckar Löwen. Nicht alles lief in Sachen Diagnose optimal, Kühn musste sich ein zweites Mal operieren lassen, absolvierte eine weitere Reha bei Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach. Insgesamt dauerte die Leidenszeit eineinhalb Jahre. „Es war keine einfache Zeit, ich musste sehr viel wieder aufarbeiten und hatte nicht mehr das Standing im Verein wie früher“, sagt Kühn.
Gute Empfehlungen von Zieker
Inzwischen fühlt er sich körperlich wieder bei 100 Prozent. „Ich bin auch insgesamt richtig gut angekommen“, betont der Rückraumspieler. Sein früherer Nationalmannschaftskollege Patrick Zieker (TVB Stuttgart) hat ihm über seinen Ex-Club nur Gutes berichtet. Das habe sich total bewahrheitet, so Kühn. Auch seine Frau Melinda, die aus Hamburg stammt und dem Landleben anfangs skeptisch gegenüberstand, sei positiv überrascht. Gemeinsam mit den Kindern Sienna (1) und Lio (2) hat sich die Familie in Hohenhaslach prima eingelebt.
Jetzt muss nur noch der Start in die am 8. September (16.30 Uhr) mit der Partie bei Mitaufsteiger 1. VfL Potsdam beginnenden Bundesligasaison alles passen. Kühn ist optimistisch, dass im Gegensatz zu den beiden Bietigheimer Bundesliga-Kurzaufenthalten 2014/15 und 2018/19 diesmal der Klassenverbleib gelingt. „Die Mannschaft ist eingespielt, bringt eine hohe Emotionalität und Kämpfermentalität mit – und wir haben einen erfahrenen Taktikfuchs als Trainer“, betont Kühn.
Vorbild ThSV Eisenach
Mit ihm selbst kommt noch eine prägende Figur auf einer Schlüsselposition hinzu. Das alles könnte reichen, um am Ende zwei Mannschaften hinter sich zu lassen. So wie es Vorjahresaufsteiger ThSV Eisenach vorgemacht hat. „Auch sie haben doch allen Experten eine lange Nase gedreht“, meint Kühn. Bleibt noch die Frage nach einem möglichen Comeback in der Nationalmannschaft: „Ich würde nicht Nein sagen, aber mache mir darüber wirklich keinen Kopf. Wenn man seine Leistung bringt, kommt so etwas von allein.“
Eine entscheidende Voraussetzung dafür ist bei der SG BBM für ihn gegeben: das Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit.
Bundesliga
Saisonstart
1. VfL Potsdam – SG BBM (8. September, 16.30 Uhr), SG BBM – Rhein-Neckar Löwen (14. September, 19 Uhr), ThSV Eisenach – SG BBM (19. September, 19 Uhr), SG BBM – VfL Gummersbach (29. September, 15 Uhr), MT Melsungen – SG BBM (5. Oktober, 20.30 Uhr), SG BBM – TBV Lemgo Lippe (10. Oktober, 19 Uhr), Frisch Auf Göppingen – SG BBM (18. Oktober, 20 Uhr), SG BBM – Füchse Berlin (27. Oktober; 16.30 Uhr), HSG Wetzlar – SG BBM (31. Oktober, 19 Uhr). (jüf)