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Jumbo Jet in Stuttgart Demontage eines Konzerts

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Jumbo Jet spielen im Stuttgarter Club Goldmark’s ein knallhartes Set, bei dem man nicht sicher sein kann, ob es Konzert ist oder Performance. Zurück bleibt eine einzige große Demontage.

Ja, das Jumbo-Jet-Konzert im Stuttgarter Club Goldmarks ließ einen am Dienstag - aber nur ganz vielleicht - ratlos zurück. Weitere Bilder gibts in der Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec 16 Bilder
Ja, das Jumbo-Jet-Konzert im Stuttgarter Club Goldmark's ließ einen am Dienstag - aber nur ganz vielleicht - ratlos zurück. Weitere Bilder gibt's in der Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Stuttgart - Die Band Jumbo Jet hört man im Abstand von zehn Jahren natürlich anders. Man nimmt das Quartett möglicherweise als Gegenentwurf zu Sea + Air wahr, dem bis heute erfolgreichen Duett, das der Jumbo-Jet-Schlagzeuger Daniel Benjamin und die Sängerin Eleni Zafiriadou gegründet haben. Jetzt haben die Musiker ihr Projekt von damals wiederbelebt, warum auch immer, vielleicht weil sie mal wieder was anderes machen müssen als zuckersüßen Pop. Wahrscheinlicher ist, dass die vier Jumbo-Jetter einfach Lust darauf hatten, auf der Bühne mal wieder so richtig auf die Zwölf geben. Und dabei noch, en passant, das Konzept eines Konzerts zu dekonstruieren. Dazu später mehr.

Musikalisch bieten Jumbo Jet am Dienstagabend im Stuttgarter Club Goldmark’s, das sagen sie selbst, keine Ohrwürmer – sondern knallharten, präzisen Hardcore Screamo Punk. The Jesus Lizard nennt hinterher einer als Referenz, erwähnt lobend die 93er-Split-Single mit Nirvana, Nachhören bitte jeder für sich. Jedenfalls drischt Daniel Benjamin auf sein etwas zu kleines Schlagzeug ein, Gitarre und Bass spielen dazu knalligste Mini-Riffs zwischen Keuchhusten und Presslufthammer. Eleni Zafiriadou schreit dazu mutmaßlich dadaistische Texte, und die ganze Band legt über das alles noch eine Extraschicht Ich-gucke-schräg-und-spacke-ab.

Er trägt ein Bon-Jovi-Shirt

Wer das nicht zum ersten Mal sieht, fühlt sich wahrscheinlich an frühere Exzesse erinnert. Wer es zum ersten Mal sieht, reibt sich die Augen, findet die ironisch zitierten Rockstar- und Hardcore-Bühnenmoves vielleicht ein wenig überzogen (der Gitarrist trägt überdies ein Bon-Jovi-Shirt), muss sich irgendwie zu dem auf die Bühne geholten Tänzer verhalten und merkt dann, dass all das nur Teil einer großen, vielleicht ernst gemeinten Dekonstruktion ist.

Eigentlich ist das ganze Konzert ein einziges Zitat: das Headbanging, die Schreie, die Ansagen in absichtlich schlechtem Englisch, der inszenierte Moshpit, wie die Musiker ihre Instrumente spielen. Am Ende, nachdem der Tänzer die Chips aus dem Backstagebereich von der Bühne herab ans Publikum verteilt hat, bleibt nur ein enorm laut wummernder Bass und ein bienenschwarmhaftes Gitarrenverstärkerrauschen. Dazu baut Daniel Benjamin in aller Seelenruhe sein Schlagzeug ab.

Jumbo Jet hinterlassen eine in ihre Einzelteile zerfallene Rockbandbühne, weitestgehend überzeugte Zuhörer und am Ende verkaufen sie ihre zehn Jahre alten CDs im Doppelpack. Der Abend ist, jenseits aller musikalischen Qualität, die Dekonstruktion dessen, was wir als Konzert kennen, eine Demontage. Man muss das nicht öfter als einmal mitmachen. Aber Jumbo Jet haben eben damit angefangen. Und wir freuen uns schon jetzt auf die Scherze, die Sea + Air sich für ihre nächste Tournee ausdenken.

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