Kommentar zur Jumelage Winnenden Albertville Fast ein Wunder

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Städtepartnerschaften mit Frankreich haben vor 50 Jahren dazu mitgeholfen, dass ein Konflikt zwischen den beiden Ländern heute undenkbar ist, kommentiert Thomas Schwarz

Frankreich und Deutschland sind heute Partner im europäischen Haus. Foto: dpa
Frankreich und Deutschland sind heute Partner im europäischen Haus. Foto: dpa

Winnenden - Einen zehn Jahre alten Bub in Baden hat im Mai 1945 das nackte Grauen gepackt, als er den ersten Franzosen zu Gesicht bekam. Bis dahin hatte er nur ein durch die Nazi-Propaganda gefärbtes Bild vom „Erbfeind“, mehr Ungeheuer als Mensch. Und nun kam ihm auch noch der erste Afrikaner seines Lebens vor die Augen. „Ich bin weggerannt so schnell ich konnte und hab den Soldaten hinter mir lachen hören“, erinnerte später der Mann oft an jene Begegnung. „Gut, dass das heute nicht mehr möglich ist.“

Viele Ressentiments sind vergessen

Denn heute kennen wir unsere Nachbarn westlich des Rheins besser, durch Reisen und durch Partnerschaften verschiedenster Art. Von Stuttgart aus ist ein Hochgeschwindigkeitszug innerhalb von knapp drei Stunden in Paris, jener Stadt, die nicht nur Verliebten als Welthauptstadt gilt. Als die Kathedrale Notre Dame in Flammen stand, litten viele Deutsche mit. Dass die Kathedrale von Reims von der deutschen Artillerie im Ersten Weltkrieg mutwillig in Schutt und Asche gelegt worden war – wen interessiert das heute noch?

Selbst die Gräuel während der Zeit der Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg scheinen mittlerweile aus den Köpfen verschwunden zu sein. Es grenzt an ein Wunder, wie viel manche verzeihen konnten, die Furchtbares erlebt hatten.

Gelebte Völkerverständigung

Eine Szene, wie sie sich 1967 vor Albertvilles Rathaus abspielte, ist heute kaum noch vorstellbar. Ressentiments gibt es so gut wie keine mehr. Zu verdanken haben wir das jenen Menschen, die trotz der schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht hatten, auf die Menschlichkeit setzten. Und damit nicht nur Frieden schafften, sondern mit persönlichen Freundschaften für ihren Einsatz belohnt wurden. Eine Jumelage wie die von Albertville und Winnenden ist ein Beispiel für gelungene, gelebte Völkerverständigung, die noch nach 50 Jahren Begeisterung weckt.