Jung und arbeitslos in Stuttgart Überfallen, verletzt, ohne Job – Marko will endlich wieder loslegen

Gemeinsam mit seiner Betreuerin Maren Rizzo hat Marko die Jobportale durchsucht. Foto: Lorenz

Er hatte mehrere Jobs auf einmal, bis ihn ein Überfall aus der Bahn warf. Das Projekt „Yes, you can!“ unterstützt Marko auf dem Weg zurück in den Job – und nicht nur dabei.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Marko will arbeiten. Das hat er schon in seiner kroatischen Heimat getan, da war er gerade 15 Jahre alt. Schwaben würden sagen: „Er ist ein richtiger Schaffer.“ Deshalb ist er jetzt ein bisschen aufgeregt und gleichzeitig auch voller Vorfreude. Vielleicht ist der kommende Dienstag der Tag, an dem er endlich am Ziel ist. Da hat er nämlich einen Praktikumstag bei einer Firma. Und wer weiß, vielleicht klappt es ja dann mit dem ersehnten Ausbildungsplatz als Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker. Nichts würde er lieber tun, als jetzt endlich wieder loszulegen.

 

Yes, we can! will Mut machen

Es liegt eine lange Wegstrecke hinter dem 26-Jährigen. Eigentlich hatte er sich sein Leben in Deutschland anders vorgestellt. Wäre er vor anderthalb Jahren nicht vor einer Diskothek in Stuttgart-Feuerbach zusammengeschlagen und schwer am Knie verletzt worden, er säße jetzt nicht bei seiner Betreuerin Maren Rizzo bei „Yes, you can!“. Schon allein der Name des Projektes soll Mut auf die Zukunft machen. Die Evangelische Gesellschaft und die Caritas betreiben es gemeinsam in Kooperation. Vergangenen September feierte das Angebot 15. Geburtstag.

Seit August letzten Jahres kommt Marko, der in Wirklichkeit anders heißt, regelmäßig mehrmals die Woche hierher nach Stuttgart-Bad Cannstatt. Erklärtes Ziel und Auftrag der 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort ist es, junge Erwachsene in Ausbildung und Arbeit zu bringen – und vor allem, die Hindernisse mit ihnen wegzuräumen, die sie bisher davon abhalten. Und das können ziemlich viele sein. Von fehlenden Sprachkenntnissen, psychischen Problemen bis zu komplizierten Formularen. Marko beispielsweise litt nach dem Überfall unter Schlafschwierigkeiten und musste wieder Ruhe in sein Leben bringen. 85 Klienten betreuen sie im Projekt gleichzeitig. Bis Ende Juli ist Marko einer von ihnen. Über zwölf Monate geht die Begleitung.

„Wir verstehen unsere Betreuung ganzheitlich“, sagt Maren Rizzo. Dazu gehört, dass es neben Yoga-, Box-, Kreativwerkstatt-, Mathe-, Deutsch- und Fitnessangeboten auch einen Raum mit Waschmaschine und Trockner gibt. Dort steht auch ein Kühlschrank, an dem klebt ein Schild mit dem Aufdruck „Notration“. Wenn das Budget der Bürgergeldempfänger mal ganz eng ist, können sie hier auch eine Packung Nudeln und eine Soße im Glas mitnehmen. Von neun bis 17 Uhr kann man hier sein, montags gemeinsam frühstücken. Wenn es warm und trocken ist auf der Dachterrasse im vierten Stock. Die Räumlichkeiten sollen ein Angebot und auch ein Wohlfühlort sein. Es geht bei „Yes, you can!“ also nicht nur um korrekte Bewerbungspapiere, sondern auch um psychologische Unterstützung und jede Menge Drumherum, was den Druck aus einem Leben an der Kante nehmen soll.

Im Fall Marko heißt das, dass der Überfall und seine Verletzung ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Er war mit einem Mal körperlich nicht mehr in der Lage, auch nur einen Schritt zu tun. Zweimal musste er operiert werden. Zudem konnte er natürlich nicht mehr arbeiten. Das Leben sah sehr düster für ihn aus. „Erst konnte ich nicht mehr ohne Hilfe ins Bad“, erinnert er sich. Aber auch als das wieder ging, habe er sich gehen lassen. Marko, zuvor immer aktiv und selbstbestimmt unterwegs, war von seiner neuen Lebenssituation vollkommen überfordert. Das Gefühl der Ohnmacht war schlimm für den jungen Mann, zumal ihm der Überfall das Zutrauen in andere Menschen genommen hatte. Die Leichtigkeit war weg. Gemeinsam mit Maren Rizzo begann er sechs Monate nach dem Vorfall, das Chaos in seinem Kopf und sein Leben wieder neu zu organisieren. Drei Stunden in der Woche hat er bei ihr Einzelgespräche.

Marko hat immer gejobbt

Rückblende: In Kroatien, wo er in einer Stadt zwei Autostunden von Zagreb entfernt aufgewachsen ist, war er ein begeisterter Kajaksportler. Mehrmals wurde er Landesmeister, trainierte intensiv, bis er aus schulischen Gründen nicht mehr so oft konnte. Sein Idol ist der deutsche Kanute und dreifache Olympiasieger Sebastian Brendel. Immer jobbte er. 400 Euro verdiente er so monatlich. Seine ältere Schwester in Deutschland hatte 2000 Euro mehr.

Im Oktober 2018 beschloss Marko, sein Glück auch in Deutschland zu versuchen, als er bei ihr zu Besuch in Stuttgart ist. Die Sprache bringt er sich selbst bei, schreibt Vokabeln in ein Heft, hört Deutschrap, will verstehen, was da gesagt wird. Das Schwäbische um ihn herum macht es ihm nicht eben leichter. Dennoch schafft er es, bevor er einen Sprachkurs belegt, sich selbst soviel Deutsch beizubringen, dass er bei den Fortgeschrittenen einsteigen kann. Und immer jobbt er – als Pizzabote, bei Amazon, bei Kentucky Fried Chicken, als Reinigungskraft und als Lagerist. Er zieht bei seiner Schwester aus. Alles läuft gut. Bis der Überfall geschieht.

Schockzustand nach Überfall

Im Rückblick sagt er: „Ich will mir nicht vorstellen, was wäre, hätte ,Yes, you can!’ mir nicht geholfen“. Am Anfang ist ihm der Gedanke fremd, dass ihm jemand so einfach helfen will. Das kennt er nicht. Und Maren Rizzo tut wirklich einiges. Gemeinsam füllen sie die vielen Formulare für die Reha aus. Sie beantragen Prozesskostenbeihilfe, damit Marko sich einen Anwalt nehmen kann, der sich um die Strafverfolgung des Mannes in Gang bringen soll, der Marko zusammengeschlagen hat. Als ihn die Polizei noch im Krankenwagen befragt, ist sein Deutsch auf einmal weg, in seinem Schockzustand spricht er wieder kroatisch. Keiner versteht ihn. Der Vorfall bleibt unaufgeklärt. Nach der Reha kümmert sich Maren Rizzo, dass Marko weiter physiotherapeutisch betreut wird. Jetzt zählt er seine Schritte wieder, läuft jeden Tag 17 Kilometer. Inzwischen ist er einer, „der die anderen motiviert“, sagt Maren Rizzo. „Ein bisschen ist es wie Familie hier“, sagt Marko. Der Abschied wird ihm schwerfallen. Aber er darf ja jederzeit weiter vorbeischauen.

Der Weg zum Job

Beratung
Das Projekt „Yes, you can!“ gehört bei der Evangelischen Gesellschaft in den Bereich Arbeit, Beschäftigung, Ausbildung. Es hat seinen Sitz in der Waiblinger Str. 12, 70372 Stuttgart und ist erreichbar unter Telefon 0711/72 23 350 oder unter info@eva-arbeitsvermittlung.de

Teilnahme
Teilnehmen kann, wer vom Jobcenter dorthin für zwölf Monate überwiesen wird.

Weitere Themen