Junge Erwachsene mit Krebs Erst der Krebs, dann die Schulden

In den vergangenen sechs Jahren hat Sebastian sich zweimal gegen den Krebs wehren müssen Foto: priv/t

Eine chronische Erkrankung wie Krebs bedroht nicht nur die Gesundheit, sondern auch die finanzielle Sicherheit. Vor allem junge Erwachsene haben nach der Therapie mit Schulden zu kämpfen. So auch Sebastian und seine Familie.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

„Wir hatten nie viel Geld“, lauten Sebastians Worte gleich zu Beginn des Gesprächs. „Aber wir hatten genug zum Leben.“ Er ging seiner Beschäftigung in Teilzeit nach, seine Frau arbeitet in der Pflege. Das Auskommen reichte gerade für die Miete ihrer kleinen Wohnung im Neckartal und die alltäglichen Dinge der vierköpfigen Familie. Doch im Jahr 2018 wurde Sebastian krank und musste um sein Überleben kämpfen.

 

In den vergangenen sechs Jahren hat er sich zweimal gegen den Krebs wehren müssen, der letzte Behandlungszyklus ist gerade ein paar Wochen her. Den Ärzten zufolge war der zweite Tumor so groß, dass eine Hochdosis-Chemotherapie nötig gewesen ist.

Spendenaktion für Familie gestartet

Der Krebs scheint nun besiegt. Doch die Auswirkungen der Erkrankung bekommt die Familie weiter zu spüren: Denn jetzt trudeln die Rechnungen ein – vom Krankenhaus, von der Apotheke. Es geht vor allem um Zusatzbeiträge für Medikamente und medizinische Hilfsmittel, dazu läppern sich die Fahrtkosten in die Klinik oder zu den niedergelassenen Fachärzten. „Jede Rechnung für sich genommen ist nicht viel“, sagt Sebastian. Aber in der Summe übersteigt sie das Familienbudget deutlich, zumal der 31-Jährige aufgrund seiner Krankheit noch nicht in der Lage ist zu arbeiten: „Wir kommen nicht mehr hinterher, das alles zu bezahlen.“ In ihrer Not hat sich die Familie an eine Organisation namens „Aktion und Familienkrebshilfe Sonnenherz“ gewandt, die mittels Spendenaufrufe um finanzielle Unterstützung für Familien mit schwer kranken Angehörigen wirbt.

Was die Familie durchmacht, ist das Schicksal vieler: 15 000 Menschen zwischen 18 und 39 Jahren erkranken jedes Jahr in Deutschland an Krebs. Sie kämpfen dann meist nicht nur mit der Angst um die eigene Gesundheit, sondern auch mit Zukunftssorgen: „Denn die Krebstherapie belastet den Geldbeutel vom ersten Tag der Behandlung an“, sagt Ulrika Gebhardt vom Landeskrebsverband Baden-Württemberg.

Krebstherapie geht auch ins Geld

Die Zuzahlungen für Medikamente, begleitende Psychotherapien, Krankentransporte und Medizinprodukte sind das eine – hinzu kommen oft Ausgaben für bestimmte Lebensmittel und Pflegeprodukte, weil die Erkrankung oder die Therapie dazu führt, dass manche Dinge nicht mehr so gut vertragen werden. „Gleichzeitig müssen sich die Patienten während der Krebserkrankung und bis zur vollständigen Rückkehr ins Erwerbsleben mit verringerten Einnahmen arrangieren.“ Und je niedriger die Einkünfte, desto höher ist die Gefahr, durch die Erkrankung unter die Armutsschwelle zu rutschen.

Das betrifft vor allem Geringverdiener wie Sebastian, die auf Minijobs angewiesen sind: Entfällt die Lohnfortzahlung nach sechs Wochen, fallen auch die so wichtigen zusätzlichen Einkünfte weg. Krankengeld gibt es für geringfügige Beschäftigungen nicht.

Berufsanfängern fehlen die finanziellen Rücklagen

Auch Alleinerziehenden, Studenten und Auszubildenden drohen Probleme, weil sie aufgrund ihres geringen Verdienstes keine finanziellen Rücklagen haben. Nicht zuletzt Selbstständige, die nicht ausreichend abgesichert sind, treffe eine Krebserkrankung finanziell hart, sagt Gebhardt. Dann bleibe vom ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit an das Einkommen aus.

In die Psychosoziale Krebsberatungsstellen in Baden-Württemberg kommen aber auch Menschen, die sich vorzeitig in die Erwerbsminderungsrente gedrängt sehen. Diese, sagt Gebhardt, berge ein hohes Risiko: „Wenn Menschen nahegelegt wird, anstelle des Krankengeldes eine Erwerbsminderungsrente zu beantragen, und sie im Zweifelsfall keine Rücklagen haben, dann kann dies eine große Armutsfalle sein.“

Finanzielle Belastung kann Behandlungserfolg beeinträchtigen

Es gibt kaum Untersuchungen dazu, wie hoch das Armutsrisiko von Krebspatienten ist: Aus einer der wenigen großen Studien des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, die von 2009 bis 2015 durchgeführt worden ist, geht hervor, dass Betroffene im Jahr ihrer Krebsdiagnose im Durchschnitt mit einem Rückgang ihrer Gehälter oder ihrer Einkommen aus selbstständiger Arbeit zwischen 26 und 28 Prozent rechnen müssen. Die finanzielle Belastung führt zu psychischen Problemen und verminderter Lebensqualität. Sogar der Behandlungserfolg kann beeinträchtigt sein.

Inzwischen haben die Wissenschaftler vom DKFZ zusammen mit weiteren Kollegen der Organisation der Europäischen Krebsinstitute (OECI) Empfehlungen erarbeitet, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die sozioökonomischen Belastungen der Patienten zu verringern. So sollen Hilfsmittel geschaffen werden, die Onkologen dabei helfen, ihre Patienten in diesem Bereich besser zu unterstützen – und zwar nicht nur während der akuten Phase der Erkrankung, sondern auch darüber hinaus.

In einer Stuttgarter Klinik werden gezielt junge Krebskranke unterstützt

Wie dies funktionieren kann, zeigt das Projekt „Lina“, das seit dem Jahr 2011 am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart umgesetzt wird. Sowohl das DKFZ als auch der Landeskrebsverband verweisen auf dieses Beispiel gelungener Hilfe: „Lina – das bedeutet lebensweltorientiert, integrativ, nah und aufsuchend“, sagt der Leiter des Projekts, Jens Stäudle. Eine Art Streetwork in der Klinik für Menschen bis etwa 50 Jahre.

Sebastian nach seiner erfolgreichen Krebsbehandlung. Foto: priva/t

„Es geht darum, Vertrauen zu schaffen und zu erkennen, welche emotionalen, finanziellen und familiäre Folgen die Krankheit für die Patienten hat“, so der gelernte Krankenpfleger, Theologe und Psychoonkologe. Die Unterstützung beginnt damit, für frisch Eingelieferte Unterwäsche und eine Zahnbürste zu besorgen, wenn die Familie das nicht leistet. Oder aber das Team hilft Menschen mit finanziellen Problemen bei den Behördengängen, damit sie von den medizinischen Zuzahlungen befreit werden. „Wir haben oft den Fall vorliegen, dass Patienten das Geld nicht haben, um ihre Medikamente abzuholen. Die geben vor, diese einzunehmen, tun es aber nicht“, so Stäudle. Das kann gefährliche Konsequenzen haben.

Hilfe gibt es auch bei der Wiedereingliederung im Beruf

Gerade eben hat er mit einem Patienten telefoniert, der zur Ausländerbehörde muss, damit sein Aufenthaltsstatus verlängert wird. Gleichzeitig hat er aber einen für seine Krebstherapie wichtigen CT-Termin, auf den er schon seit Wochen wartet. „Der fragt sich, was er tun soll“, sagt Stäudle. Nimmt er den Termin nicht wahr, erhält er kein Arbeitslosengeld mehr. Ohne CT kann aber seine Therapie nicht fortgesetzt werden. Jetzt hilft „Lina“. In anderen Fällen geht es um eine mögliche Wiedereingliederung in den Beruf. Der Kontakt zum Arbeitgeber wird hergestellt und beim Ausfüllen von Formularen geholfen.

Eine solche Unterstützung hätte sich auch Sebastian gewünscht: „Ich wurde in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, sehr gut medizinisch betreut“, sagt er. Aber keiner hat ihn auf die bürokratischen Hürden vorbereitet, die genommen werden müssen, um finanzielle Unterstützung im Krankheitsfall zu erhalten.

Sozialsysteme auf Krebs-Übelebende nicht ausgerichtet

Bislang haben nur wenige Kliniken die Kapazitäten, ihre soziale Beratung so auf die Bedürfnisse speziell von jungen Krebspatienten auszurichten wie das RBK, sagt auch Ulrika Gebhardt: Dank des medizinischen Fortschritts ist Krebs in vielen Fällen zu einer chronischen Erkrankung geworden. Doch die Sozialsysteme sind darauf noch nicht gut vorbereitet. Daher wundert es nicht, dass immer mehr Betroffene versuchen, per Spendenaufrufe ihre finanzielle Lage in Griff zu bekommen. Bewerten möchte Gebhardt solche Aktionen nicht. „Nur ist es mit Großzügigkeit allein oft nicht getan.“

So sollten Patienten schon zu Beginn der Therapie auf eine unabhängige Beratung – etwa bei den Krebsgesellschaften – aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig müssen die bürokratischen Hürden für finanzielle Unterstützungsangebote stärker abgebaut, werden: „Auch wenn viele Krebspatienten während und nach der Therapie nicht mehr so belastbar sind: Die meisten wollen arbeiten und eine berufliche Perspektive haben.“

Sebastian etwa möchte gerne sich zum Elektriker ausbilden lassen, sobald es ihm körperlich wieder besser geht. „Es wäre eine Chance auf einen Neuanfang“, sagt er. Auf ein neues Leben – ohne Schulden.

Hilfen für junge Krebskranke

Aktion
 Die Deutsche Krebsstiftung informiert bei der „Cancer Survivor Week“ bis zum 10. Juni in Onlineveranstaltungen Menschen mit und nach Krebserkrankungen. Am Freitag, 7. Juni, beantworten Experten des Krebsverbandes Baden-Württemberg Fragen zu Rehaleistungen. Beginn ist um 18 Uhr: deutsche-krebsstiftung.de/projects/german-cancer-survivors-week-2024.

Beratung
Hilfen für Krebskranke gibt es beim Krebsverband Baden-Württemberg, krebsverband-bw.de, und der Deutschen Krebshilfe, krebshilfe.de. Infos über die „Aktion und Familienkrebshilfe Sonnenherz“ gibt es unter fkh-sonnenherz.de

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