Junge Fotokunst von Hannah J. Kohler Dem Wasser entstiegen

Wie zieht man unter der Dusche eine Strumpfhose an? Video „Möglich/Unmöglich“ von Hannah J. Kohler Foto: Hannah J. Kohler

Die Fotokünstlerin Hannah J. Kohler zeigt im Kunstmuseum Stuttgart, wovon junge Frauen genug haben.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Das Bild ging um die Welt. Wie Ursula Andress im Bikini dem Meer entstieg, die Haare nass, das Messer kess ins Badehöschen gesteckt, das war höchstappetitlich. Deshalb wurde die Szene aus „James Bond jagt Dr. No“ vierzig Jahre später reinszeniert, diesmal schritt die schöne Halle Berry aus dem Wasser und bot den James-Bond-Fans einen köstlichen Augenschmaus.

 

Ob Hannah J. Kohler den Filmklassiker von 1962 kennt? Die Künstlerin ist gerade Anfang dreißig – und lässt in einer Videoinstallation ebenfalls eine Frau dem Wasser entsteigen. Statt dem Meer ist es allerdings irgendein Gewässer – und Hannah J. Kohler hatte nicht Andress, sondern Aphrodite im Sinn, die Schaumgeborene, die aus dem Meer kam.

Das Thema Stereotype ist aktuell

Mit ihrer Videoarbeit „Zum Ursprung“ stellt sich Kohler derzeit im Kunstmuseum Stuttgart vor in der Reihe „Frischzelle“, bei der junge Talente den Start in den Kunstbetrieb wagen können. Im vergangenen Jahr hat die gebürtige Geislingerin ihr Studium an der Stuttgarter Kunstakademie beendet, derzeit hat sie ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Es läuft also gut für die junge Künstlerin, was vermutlich auch daran liegt, dass sie in ihren Arbeiten Themen verhandelt, die gesellschaftlich viel diskutiert werden: Es geht ihr um Rollenzuschreibungen, Stereotype und Vorurteile.

Die Rollen einer Frau

Hannah J. Kohler macht sich gern selbst zum Motiv ihrer Videos und Fotografien und stellt in einer Fotoserie zahllose Frauentypen dar: Sie hat sich als Motorradlady inszeniert und als Hippie mit Gitarre; hier ist sie Bauarbeiterin, dort Rampensau, mal Studentin, dann wieder 60er-Jahre-Schönheit, die vom perfekten Mann träumt, der natürlich gut aussehend, muskulös, humorvoll und kinderlieb sein sollte.

Jeder hat Vorurteile

Das ist zwar nicht ganz neu und schürft auch nicht allzu tief. Dafür verlieren sich die Arbeiten nicht im ungewissen Vagen, sondern Kohler bringt unmissverständlich zum Ausdruck, worum es zum Beispiel in „That’s pure prejudice“ geht. Sie hat zahlreiche Personen befragt nach ihren Erfahrungen mit Vorurteilen. Auf Kärtchen, die an Schnüren baumeln, kann man nun von ausländerfeindlichen Bemerkungen lesen. Ein Junge wurde von der Lehrerin als Versager in Mathe bezeichnet, weil seine Mutter Muslima ist, Enes dagegen wurde von anderen Kindern „Enes – Penis“ hinterhergerufen, weil es kein deutscher Name war. Schwule berichten ebenso von Vorurteilen wie eine Griechin im Kreis ihrer türkischen Arbeitskolleginnen. Die Botschaft von Hannah J. Kohler: „Niemand ist vorurteilsfrei“.

Kohler geht mit Humor ans Werk

Die junge Künstlerin will ihr Publikum aber auch durch Irritationen aufrütteln und geht dabei durchaus mit Humor an die Sache – wenn sie etwa mit Pumps auf einer Leiter herumturnt wie beim Pole-Dance und die ulkigsten Verrenkungen macht, hier das Bein weg streckt, dort kopfüber an den Sprossen hängt. „sicher/unsicher“ nennt sie die Fotoarbeit, bei der eines sicher ist: Eine Leiter ist definitiv nicht das richtige Gerät für sportlich-erotische Unternehmungen.

Frischzelle_29: Hannah J. Kohler. Kunstmuseum, bis 17. September 2023. Geöffnet Di bis So 10–18 Uhr, Fr 10–21 Uhr

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