Junge Frauen aus der Region Teenagerinnen übers Schminken: „Wenn man gut aussieht, macht alles mehr Spaß“

Wenn Iva (links) und Alicia sich mit Freunden treffen oder ins Kino gehen, treffen sie sich vorher zum gemeinsamen Schminken. Foto: Roberto Bulgrin

Alicia und Iva (beide 15) aus Esslingen erzählen, wann und wie sie sich schminken – und warum der Make-up-Trend unter Mädchen für sie feministisch ist.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Make-up ist ein Riesenthema unter jungen Frauen – und ein Riesenmarkt für die Kosmetikbranche. Für Alicia und Iva, beide 15 Jahre alt, ist Schminken ein Hobby und ein „Gesprächstarter“. Sie erzählen, was Full-Face-Make-up bedeutet, was sie wann benutzen und warum sie beim Wasserball ungeschminkt sind – obwohl sie es sein dürften.

 

Liebe Alicia, liebe Iva, Ihr habt euch für dieses Interview geschminkt. Mit welchen Produkten?

Alicia: Als erstes haben wir Primer benutzt, damit das Make-up gut hält. Gegen die Augenringe Concealer. Und dann noch Blush, Bronzer, Wimperntusche und Lipgloss.

Iva: Blush ist Rouge, damit sieht man süßlicher aus. Mit Bronzer ein bisschen gebräunter. Und man kann das Gesicht damit konturieren. Rötungen oder Flecken auf der Haut verdecken wir mit Concealer.

Geht Ihr so auch zur Schule?

Alicia: Eher selten, ich hab morgens nicht so viel Zeit. Außerdem haben wir danach jeden Tag Wasserball-Training, dafür müssten wir uns wieder abschminken.

Iva: Für die Schule benutze ich meist nur Wimperntusche und vielleicht ein bisschen Bronzer, damit ich nicht so blass aussehe. Das Make-up gerade ist eher eines, um Freunde zu treffen. Für eine Hochzeit oder andere größere Feier würden wir schon ein bisschen anders aussehen. Eher Full-Face.

Was bedeutet Full-Face?

Iva: Das sind aufwendige Make-ups. Damit sieht man aus wie ein anderer Mensch. Wir machen meist cleanere Make-ups, also natürlichere. Es gibt auch No-Make-up-Make-up. Man versucht so auszusehen, als wäre man von Natur aus so.

Wo habt Ihr das alles gelernt?

Alicia: Auf jeden Fall auf Social Media, vor allem auf Tiktok. Dort gibt es Tutorials.

Iva: Und Get-ready-with-me-Videos. Frauen filmen sich dabei, wie sie sich fertig machen, und erzählen dazu irgendetwas. Die Basics habe ich von Social Media und meiner Schwester gelernt. Wenn ich online eine Frau sehe, der sich toll schminkt, folge ich ihr auf Tiktok. Und je mehr Reels man sich ansieht, umso mehr werden einem vorgeschlagen.

Alicia: Manche empfehlen natürlich auch Produkte und Marken. Ich kaufe fast alles auf Empfehlung.

Iva: Es steht schon dabei, dass das Werbung ist, aber wenn man mehrere gute Meinungen über ein Produkt hört, kauft man es auch eher.

Wie viele Schminksachen habt Ihr?

Alicia: Ich habe zwei kleine Kisten voll mit Produkten, die ich täglich benutze. Aber in einer davon sind eher Skin-Care-Sachen drin, also Dinge, die ich vor dem Schminken benutze.

Iva: Ich habe ähnlich viel, eine Schublade voll etwa. Aber wir haben keinen Schminktisch wie viele andere.

Wie viel Geld gebt Ihr aus?

Iva: Ich habe schon einiges, deshalb kaufe ich eher Dinge nach – oder auch mal was tolles Neues.

Alicia: 20 Euro im Monat maximal.

Iva: Manche geben viel mehr aus. Aber wir kaufen in der Drogerie, also nicht so wahnsinnig teure Sachen.

Ein Make-up, um Freunde zu treffen. Für die Schule hingegen schminken sich Alicia (links) und Iva kaum. Foto: Roberto Bulgrin

Wie lange braucht Ihr für ein Make-up wie heute?

Alicia: Das ist ganz unterschiedlich. Unser Rekord waren sieben Minuten. Aber wir können auch zwei Stunden brauchen für dasselbe Make-up.

Iva: Wenn wir Zeit haben und uns treffen, dann machen wir ganz langsam, hören Musik, ziehen uns dreimal um. So macht es mehr Spaß. Wenn wir weggehen, treffen wir uns immer davor zum Schminken.

Alicia: Manchmal, wenn wir um acht fürs Kino verabredet sind, treffen wir uns schon um zwei Uhr. Das ist schon eine Art Hobby.

Iva: Aber früher haben wir mehr Zeit damit verbracht. Wir haben schon auch viel anderes im Leben. Wir machen ja sehr viel Sport.

Nehmt Ihr euch für Frisuren auch so viel Zeit?

Alicia: Das hängt von Outfit und Make-up ab: Wenn das Outfit cool und das Make-up schön ist, müssen die Haare nicht so aufwendig gemacht sein. Aber wenn du zum Beispiel ein normales Outfit anhast und nicht so schönes Make-up, dann müssen die Haare poppen.

Iva: Es ist so: Ist eine Sache gut, die andere okay, dann kann die dritte egal sein. Also eines – Haare, Klamotten oder Make-up – muss immer richtig gut sein.

Wie pflegt Ihr eure Haut?

Alicia: Ich benutze nur Waschgel und Feuchtigkeitscreme von einem Naturkosmetikhersteller.

Iva: Ich auch. Und wenn ich einen Pickel habe, dann so kleine Pflästerchen: Pickel Patches.

Benutzt Ihr Masken? Oder diese Pads, die man unter die Augen klebt?

Iva: Eine Zeit lang hat das jeder gekauft. Aber das bringt nichts. Mittlerweile mach ich keine Masken mehr. Davon hab ich oft Ausschlag bekommen.

Wie ist es mit den Augenbrauen?

Iva: Ich zupfe und rasiere die Haare zwischen ihnen weg. Aber ich färbe nicht, ich ziehe höchstens nach.

Alicia: So mache ich es auch. Ich hatte volle Augenbrauen, aber ich fand Ivas dünne schöner, deshalb habe ich das auch gemacht. An das Zupfen gewöhnt man sich.

Und andere Körperhaare?

Alicia: Die Beine rasieren wir, aber unter den Achseln haben wir gewaxt vor den Wasserballwettkämpfen.

Ihr habt auch mal eine Schminkparty mit einer professionellen Kosmetikerin gemacht. Was habt Ihr dabei gelernt?

Alicia: Zum Beispiel, dass man beim Auftragen von Bronzer und Blush mit dem Pinsel nach oben streicht, dann sieht das Gesicht automatisch wie geliftet aus. Und wie man Lidschatten gut einsetzt.

Iva: Oder dass man am Ende mit dem Concealer über alles drübergehen kann, dann sieht man einfach wacher aus.

Alicia: Man kann auch die Nasenform komplett ändern durch Make-up, dass sie zum Beispiel schmaler aussieht.

Würdet Ihr euch Botox spritzen oder operieren lassen?

Alicia: Ich hab eine Freundin, die mag ihre Nase nicht und will sich mit 18 operieren lassen.

Iva: Aber eigentlich ist das kein Thema unter uns, eher unter 20-Jährigen.

Gefallen Euch Gesichter, die so verändert wurden?

Alicia: Ich find es unnötig, aber wenn sich eine Frau wohl und besser fühlt damit, ist das für mich ok.

Warum schminkt Ihr Euch?

Iva: Ich fühle mich besser damit. Wenn man gut aussieht, macht alles mehr Spaß. Ich habe so mit 12, 13 angefangen, mich zu schminken.

Also findet Ihr Euch schöner mit Make-up?

Alicia: Auf jeden Fall. Im Sommer fühle ich mich manchmal ohne Schminke schöner wegen der Bräune. Aber im Winter auf jeden Fall mit Schminke.

Ist es komisch, Euch ungeschminkt zu sehen?

Alicia: Wir sehen uns eh im Wasserball-Training ungeschminkt, deshalb sind wir das gewöhnt.

Iva: Aber bei Leuten, die sich immer schminken, ist es schon ungewohnt, die ohne was zu sehen.

Zu Wasserball passt kein Make-up

Dürft Ihr beim Wasserball kein Make-up tragen?

Alicia: Doch, aber es ist unüblich.

Iva: Ich find es nicht nötig beim Wasserball. Es passt auch nicht zur Stimmung in der Halle. Wasserball ist eher eine wilde Sportart. Und ich hab kein Problem damit, mich natürlich zu zeigen.

Wie lange dauert es, Euch abzuschminken?

Alicia: Höchstens fünf Minuten.

Iva: Ich nehme Abschminköl. Und dann mein normales Waschgel und eine Gesichtscreme.

Alicia: Wenn ich mich nicht abschminke, fühle ich mich am Morgen danach schlimm. Deshalb muss ich das immer machen, egal, wie lange ich draußen war.

Benutzt Ihr Filter, wenn Ihr Euch auf Social Media zeigt?

Alicia: Wir editieren uns ein bisschen gebräunter vielleicht, machen wärmeres Licht, aber wir benutzen kein Face-App. Damit kann man das Gesicht komplett umgestalten.

Für wen schminkt Ihr euch?

Iva: Für mich. Es ist ein cooles Gefühl, sich fertig zu machen und dann rauszugehen. Man ist glücklich. Aber natürlich schminkt man sich auch für andere. Das ist auch ein Gesprächsstarter mit Mädchen, die man nur vom Sehen kennt. Da sagt man dann zum Beispiel: Woher ist dein Blush? Oder: Dein Make-up sieht voll gut aus!

Sich so viel mit dem Äußeren zu beschäftigen, anderen gefallen zu wollen – ist das nicht antifeministisch?

Iva: Ich finde, dass Schminken heutzutage gar nicht so sehr auf Männer bezogen ist. Wir machen das, weil es schön ist und wir uns einfach gut fühlen so. Ich finde es feministisch zu zeigen, wie schön Frauen sind.

Setzen Euch die Bilder perfekter Frauen auf Social Media unter Druck?

Alicia: Ich finde, es gibt gar nicht so viel Druck. In unserer Generation kann eigentlich jede so sein, wie sie ist. Manche kleiden und fühlen sich vielleicht eher wie ein Junge. Es gibt keinen Stress, sich ständig feminin zu kleiden oder zu schminken. Außerdem wissen wird, dass vieles Fake ist auf Social Media. Aber klar, manche Mädchen setzen sich vielleicht schon unter Druck.

Warum ist Schminken so ein großes Thema unter jungen Mädchen?

Iva: Ich glaube vor allem durch diese Social- Media-Propaganda. Man macht sein Handy an, öffnet die App, und das erste Video ist direkt irgendetwas zu neuen Produkten. Man sieht es ständig, egal ob man will oder nicht. Dadurch haben sich schon die Schönheitsstandards verändert.

Jungend und Kosmetik

Alicia und Iva
sind beide 15 Jahre alt. Iva besucht das Mörike-Gymnasium in Esslingen, Alicia die Internationale Schule (SIS) in Fellbach. In ihrer Freizeit spielen beide Wasserball beim SSV Esslingen auf Leistungsniveau. Zuletzt reisten sie als Teil der U16-Nationalmannschaft zu den Europameisterschaften in Istanbul.

Markt
Die Kosmetikindustrie hat Kinder und Jugendliche mit günstigen Produktlinien längst als Riesenmarkt entdeckt. Auf den Sozialen Medien wie Tiktok, Instagram oder Youtube zeigen junge Influencerinnen, wie sie sich Schminken und welche Produkte sie benutzen. Auch Prominente bringen Kosmetik für Jugendliche heraus. Eine Studie der US-Organisation Common Sense Media hat ergeben, dass sich 78  Prozent der Teenager in den USA Schönheits-Tutorials im Internet ansehen.

Sephora-Kids
Vor allem die französische Parfümeriekette Sephora steht für den Trend der immer jünger werdenden Make-up-Kundinnen. Laut Sephora-Jahresbericht 2023 hat sich die Zahl der Kunden im Alter von neun bis zwölf Jahren in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, weshalb sich in den Medien der Begriff der Sephora-Kids etabliert hat. Kritiker, darunter auch Dermatologen, monieren, dass die Kinder und Jugendlichen mitunter Produkte benutzten, in denen für sie ungeeignete Chemikalien und Wirkstoffe gegen Hautalterung enthalten sind.

Schminkpartys
Kind- und Jugendgerechte Produkte und eine fachgerechte Heranführung an das Thema versprechen Kosmetikstudios, die Schminkpartys für Mädchen anbieten, auch in der Region.

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