Junge Gründer:innen in Stuttgart Warum die Gen Z immer häufiger den Schritt in die Selbstständigkeit wagt

Neue Zahlen zeigen: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich gegen die Festanstellung und für die Selbstständigkeit. Wieso? Foto: IMAGO/Westend61

Immer mehr junge Menschen machen sich selbstständig. Anna (29) und Leo (25) erzählen, warum sie lieber ihr eigenes Ding machen – und wie sich Selbstständigkeit wirklich anfühlt.

Volontäre: Yelin Türk (tye)

Der Einstieg in die Arbeitswelt läuft bei vielen jungen Menschen nach einem ähnlichen Muster ab: Auf den Schulabschluss folgt eine Ausbildung oder ein Studium und anschließend der erste Vollzeitjob. Sich selbstständig zu machen ist nicht die Norm. Dennoch machen sich junge Leute inzwischen häufiger selbstständig

 

Wie aus dem Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hervorgeht, werden Gründerinnen und Gründer in der Bundesrepublik tatsächlich immer jünger. Waren diese im Jahr 2002 noch im Durchschnitt 37 Jahre alt, sind es heute im Schnitt 34,4 Jahre. Der Anteil von Personen zwischen 18 und 29 Jahren unter den Gründerinnen und Gründern ist mit 39 Prozent am höchsten und im Vergleich zu 2002 deutlich gewachsen.

Generationenwechsel im Unternehmertum

Anna van der Veen und Leo Schlecht sind beide in ihren Zwanzigern und selbstständig. Was denken sie, woran die Tendenz zur Selbstständigkeit liegt?„Ich glaube, viele junge Menschen setzen sich intensiver mit sich selbst auseinander“, sagt van der Veen. Sie ist die Co-Gründerin eines Mietstudios in Stuttgart. „Sie fragen früher: Wofür brenne ich? Was kann ich gut? Wie möchte ich leben? Und wenn man darauf eine ehrliche Antwort findet, entsteht automatisch der Wunsch, den eigenen Weg zu gehen“, erklärt sie weiter. „Viele träumen auch von einer ansprechenderen Work-Life-Balance und mehr Selbstbestimmung“, fügt Leo Schlecht, Leiter eines Böblinger Fitnessstudios, hinzu.

Laut der Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart könne man allgemein feststellen, dass in wirtschaftlich unsicheren Zeiten mehr Unternehmen gegründet werden. Auch die aktuelle wirtschaftliche Lage macht es Berufseinsteigerinnen und -einsteigern schwer, einen Job zu finden, denn viele Unternehmen stellen aktuell wenige oder gar keine neuen Mitarbeitenden ein. Hinzu kommt laut dem betriebswirtschaftlichen Berater der Handwerkskammer Region Stuttgart Stefan Maier, dass viele junge Menschen nach anderen beruflichen Wegen suchen. „Gerade die Gen Z gründet oft aus dem Wunsch nach Sinnhaftigkeit, Flexibilität und dem Bedürfnis, eigene Ideen im Team umzusetzen“, so Maier.

„So erfüllend dieser Beruf ist, so einsam kann er manchmal sein.“

Anna van der Veen ist Fotografin. Gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Fruth, die ebenfalls Fotografin ist, gründete die 29-Jährige im Jahr 2025 Wild:Studios. Dabei handelt es sich um ein Mietstudio in der Stuttgarter Stöckachstraße, das einen Ort für Austausch, Community und Kreativität schaffen soll – vor allem für Frauen. Vor Kurzem habe zum Beispiel eine lokale Künstlerin ihre Werke im Studio ausgestellt. „Genau das ist der Spirit, den wir leben wollen: Frauen, die Frauen unterstützen“, erklärt van der Veen. Die beiden Fotografinnen haben bereits Erfahrung als Selbstständige. Vor ihrer Selbstständigkeit hat van der Veen zehn Jahre als Angestellte gearbeitet und nebenbei ihren Wirtschaftsfachwirt gemacht, BWL studiert und die Fotografie als Nebengewerbe aufgebaut. Anna Fruth hat sie bei einem Fotoshooting kennengelernt. Darüber ist sie heute glücklich, denn: „So erfüllend dieser Beruf ist, so einsam kann er manchmal sein.“

Ein großer Teil der Vorbereitung und Nacharbeit findet allein am Schreibtisch statt. „Man löst Probleme still für sich, kämpft mit kreativen Blockaden und merkt irgendwann, dass die soziale Batterie im Arbeitsalltag oft leer bleibt“, erklärt sie. In genau so einer Phase ist Wild:Studios entstanden. Fruth, die bereits das „Studio 41“ in Esslingen gegründet hatte, suchte nach einem zweiten Studio in Stuttgart. „Als sie mir von einer Besichtigung erzählte, bin ich spontan mitgegangen, einfach, um meinem eigenen Mauseloch zu entkommen“, erzählt van der Veen. Die Idee für Wild:Studios sei noch am selben Tag entstanden.

„Ich wollte eigentlich eine eigene Zimmerei gründen“

Leo Schlecht übernahm im Jahr 2023 das Böblinger Fitnessstudio Pink Power. Gegründet hatte das Studio sein Vater im Jahr 1990. Nach dessen Tod im Jahr 2008 führte zunächst Schlechts Mutter das Studio weiter. 2023 übernahm er dann im Alter von 23 Jahren die Leitung. Geplant war die Übernahme aber eigentlich nicht. Nach seinem Abitur hat der heute 25-Jährige eine Ausbildung zum Zimmerer abgeschlossen und verschiedene Trainerscheine und Weiterbildungen im Management gemacht. „Ich wollte eigentlich eine eigene Zimmerei gründen“, erzählt er. „Dass ich dann Teil des Studios wurde, hat sich eher beiläufig entwickelt – und irgendwann hat es so Bock gemacht, dass ich den Weg weitergehen wollte.“

Das Studio war zum Zeitpunkt seiner Übernahme ziemlich in die Jahre gekommen, erzählt Schlecht. Deswegen baut er nun Schritt für Schritt ein komplett neues Konzept auf. Das Pink Power soll ein bewusst alternatives Angebot zu den üblichen günstigen, anonymen Fitnessketten sein. In den zwei Jahren seit seiner Übernahme hat Schlecht vieles selbst renoviert und neue Angebote geschaffen. „Es läuft erstaunlich gut“, sagt er.

Zwischen Freiheit und ständiger Erreichbarkeit

Es sei aber nicht immer einfach gewesen. „Am Anfang war das Schwierigste, Entscheidungen komplett alleine zu treffen und auch den Mut zu haben, neue Schritte zu wagen“, sagt Schlecht. Angst zu scheitern habe er nie gehabt, mulmige Gefühle, wenn etwas nicht läuft wie geplant, würden aber dazugehören. Auch Anna van der Veen kennt diese Gefühle. Seinen Sorgen zu verfallen, sei generell sehr einfach, sagt sie, doch: „Irgendwann fiel mir auf, dass der Worst Case, der passieren kannwieder ein Job als Angestellte sei. Ich denke also, ich kann auf jeden Fall höher fliegen als ich fallen kann.“

Der größte Nachteil der Selbstständigkeit ist laut Schlecht die ständige Erreichbarkeit und Verantwortung. Gedanklich sei er immer bei der Arbeit. „Es gibt keine geregelten Arbeitszeiten“, sagt der 25-Jährige. „Meist sind es mehr als die üblichen 40 Stunden pro Woche und eben noch die Wochenenden.“ Die Vorteile würden dennoch überwiegen. Die hohe Flexibilität, zum Beispiel oder die Möglichkeit auch mal einen Tag Auszeit zu nehmen, wenn man ihn braucht. „Aber vor allem ist es schön zu sehen, wie ein Projekt wächst, das man selbst aufgebaut hat.“

Das „Life-Upgrade“: Wenn Arbeit zur Leidenschaft wird

Auch van der Veen schätzt die Flexibilität ihres Berufs. Entscheidungen im Arbeitsalltag trifft sie ganz nach ihrem Rhythmus: „Ich kann freitagvormittags zum Sport gehen, statt ins Büro zu fahren und auch mal bis in die Nacht Bilder bearbeiten, wenn ich im Flow bin.“ Manchmal arbeite sie weniger Stunden als früher, dafür aber fokussierter und mit mehr Sinn, Begeisterung und Freiheit. „Für mich ist das das größte Life-Upgrade überhaupt“, so die Fotografin.

Weitere Themen