Clara Wink und Joshua Lamour im Cannstatter Wahlkreisbüro der Linken. Die abgehängten Wahlplakate stapeln sich dort noch. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Die Linke hat den Einzug in den Landtag knapp verpasst. In Stuttgart und bei jungen Leuten fand sie aber viel Zuspruch. Welche Bilanz ziehen zwei junge Wahlkämpfer?
Özdemir oder Hagel. Darauf lief bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am Ende vieles hinaus. Das enge Duell zwischen Grünen und CDU kostete womöglich am Ende die FDP und die Linke den Einzug ins Landesparlament. Besonders für die Linke, die über Monate in allen Umfragen deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde gelegen hatte, war das knappe Verpassen des erstmaligen Einzugs in den Landtag bitter.
Das gilt erst recht für die Stuttgarter Parteimitglieder und Anhänger. Denn in der Landeshauptstadt ist die Linke überdurchschnittlich erfolgreich gewesen. In den Wahlkreisen Stuttgart I und IV lag sie jeweils nur knapp unter zehn Prozent. Und landesweit fiel auf, dass besonders junge Wählerinnen und Wähler der Partei ihre Stimme gegeben haben: Bei den 16- bis 24-Jährigen sind es 14 Prozent gewesen. Annähernd so viel wie die CDU in dieser Altersklasse bekommen hat.
Ernüchterung bei den Linken im LKA am Wahlabend. Foto: Jürgen Bock
Zu beiden Gruppen gehören Clara Wink und Joshua Lamour. Die 24-jährige Politikstudentin und der 22 Jahre alte Software-Engineering-Student aus Stuttgart sitzen im Bad Cannstatter Wahlkreisbüro der Linken. Dort stapeln sich noch die abgehängten Wahlplakate. „Einige davon werden noch als Schilder für Demos verwendet“, sagt Lamour. Der Rest wird entsorgt. Aufräumen nach dem Wahlkampf.
In den sind beide zum ersten Mal eingebunden gewesen. Clara Wink ist erst seit gut einem Jahr Mitglied der Partei, richtig aktiv seit ein paar Monaten. Das Thema Mieten hat sie als Studentin besonders umgetrieben und dazu motiviert, sich politisch einzubringen. „Es braucht eine solidarische Alternative, die sich um die Rechte der Menschen kümmert, die sonst vergessen werden“, sagt sie. Die SPD sei da „vom Weg abgekommen“. Und auch der Rechtsruck in der Gesellschaft habe zu ihrer Entscheidung beigetragen.
Hohe Mieten als Motivation für dem Linken-Wahlkampf
Bei Joshua Lamour sind die Beweggründe ähnlich. Er ist seit eineinhalb Jahren bei der Linken. „Das ist mein erstes richtiges politisches Engagement, davor bin ich nur bei einzelnen Veranstaltungen gewesen“, sagt er. Er sei zum Studium nach Stuttgart gezogen und habe angesichts der Preise erst einmal schlucken müssen. Fast ein Jahr lang habe er zuvor schon nach einer Bleibe gesucht und erst wenige Wochen vor Semesterbeginn ein Zimmer gefunden. „Die Preise steigen überall. Das betrifft nicht nur mich, sondern viele in Deutschland. Dagegen wollte ich etwas tun“, sagt der 22-Jährige.
Im Wahlkampf galt dieses Motto ganz besonders. Denn die Partei hatte es sich landesweit zur Aufgabe gemacht, die Menschen vor allem bei Haustürbesuchen zu überzeugen. In Stuttgart sind es am Ende rund 11.000 Türen gewesen, an denen die Wahlkämpfer geklingelt haben. Die beiden jungen Leute waren mittendrin. „Wir haben mit den Menschen über ihre Anliegen gesprochen und Heizkostenchecks angeboten“, erzählt Clara Wink. Die beiden sind dabei vor allem in Bad Cannstatt, im Hallschlag und im Osten unterwegs gewesen. Man habe versucht, ein Gleichgewicht zwischen eigenen Hochburgen und denen auch der AfD zu finden.
Die Reaktionen darauf waren positiver, als man gemeinhin erwarten würde. „Die meisten Leute waren extrem nett. Sie haben sich gefreut, dass ihnen jemand zuhört“, sagt Joshua Lamour. Viele hätten geantwortet, dass die hohen Mieten ihr Hauptproblem seien. Und auch das eigene Umfeld habe mitgemacht: „Ich bekomme da sehr viel Unterstützung. Alle finden es gut, dass ich mich für meine Werte einsetze“, sagt Clara Wink.
Umso heftiger dann die kalte Dusche am Wahlabend. Beide haben ihn zusammen mit Hunderten anderen bei der Wahlparty im LKA Longhorn verbracht. Dort war alles für die große Feier vorbereitet. „Alle waren nervös. Bis 18 Uhr habe ich aber geglaubt, dass wir in den Landtag kommen“, so Lamour. Doch dann die Gewissheit: Es hat nicht gereicht. „Da war schon Enttäuschung, klar. Aber bei allen, mit denen ich geredet habe, war gleich das Gefühl da: Wir machen weiter“, sagt er.
Wahlkampf gegen den Rechtsruck
Trotz des Rückschlags betont auch Clara Wink, man habe das bisher beste Ergebnis bei Landtagswahlen im Südwesten erzielt. Angesichts des Rechtsrucks gebe es jetzt im Landtag keine Partei, die sich wirklich für Mieterinnen und Mieter sowie für Arbeiterinnen und Arbeiter einsetze. Deshalb wolle man nun außerparlamentarisch Druck aufbauen: „Wir möchten eine neue Mietenkampagne starten, wieder an die Haustüren gehen, weiter gegen hohe Mieten kämpfen.“ In den vergangenen Monaten hätten sich in Stuttgart rund um die Linke wertvolle Strukturen gebildet. Man wolle die Leute weiter vernetzen.
Aus der Niederlage ziehen die beiden also Motivation. Und eigene Ambitionen, vielleicht bei der nächsten Kommunalwahl? Das können sich bisher beide nicht vorstellen. „Wir möchten Politik wirklich anders machen, mit den Nachbarinnen und Nachbarn gemeinsam und nicht nur aus Gremien heraus“, sagt Joshua Lamour. Doch wer weiß: Was nicht ist, kann ja noch werden.