Julius Elser (Zweiter von rechts) gibt nie einen jungen Menschen auf, sagen Rim, Anel, Altin (von links) und Robin (rechts) über den Stuttgarter Sozialarbeiter. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Vier junge Männer reden über ihre schwierigen Schullaufbahnen, Probleme mit der Polizei und eine Zeit der Perspektivlosigkeit. Und darüber, wie ihnen die Mobile Jugendarbeit einen Weg aus dieser Krise gezeigt hat.
Rim hat seinen Weg gefunden. Der 19-Jährige besucht die Steinbeisschule in Stuttgart. Er möchte dort das Fachabitur machen und sich dann für einen technischen Studiengang einschreiben. Ein so klares Bild von seiner Zukunft hatte der junge Mann nicht immer vor Augen. „Ab der zehnten Klasse hat es schulisch nicht mehr so geklappt, in der elften Klasse bin ich dann durchgefallen“, erzählt er. In den Gesprächen mit seinen Eltern sei es nur noch um dieses eine Thema gegangen. „Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr auf Schule“, sagt Rim.
In dieser Zeit sei die Mobile Jugendarbeit Ost seine Rettung gewesen. „Ich war oft hier, Julius und seine Kollegin waren für mich da. Sie haben mir erklärt, was ich besser machen könnte“, sagt der Schüler, während er auf einem Bürostuhl in den Räumen der Mobilen an der Hackstraße sitzt. Julius Elser, an den sich dieses Lob richtet, ist gerührt. „Ich hätte nicht gedacht, dass Rim das in so einer Klarheit formuliert“, sagt der 29-jährige Sozialarbeiter. Denn das Miteinander sei nicht immer harmonisch gewesen. „Es war schon ein Kampf, wir haben uns auch gestritten“, sagt Julius Elser und sein Gegenüber nickt. Aber die Mobile Jugendarbeit verstehe sich durchaus als Zufluchtsort für junge Menschen, „und wir tun alles dafür, um gemeinsam mit ihnen wieder eine Perspektive zu entwickeln“. Dazu sei es wichtig, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, in der auch schwierige Dinge angesprochen werden können.
Die Räume der Mobilen werden zu einem zweiten Zuhause
Auch Anel (17) und Altin (18) hatten Probleme in der Schule, sind irgendwann nicht mehr zum Unterricht gegangen, wussten nicht mehr, wie es weitergehen soll. Rim brachte sie in Kontakt mit der Mobilen Jugendarbeit Ost. „Wenn ich hier war, habe ich mich wie zu Hause gefühlt“, erzählt Anel. Spätestens als er Probleme mit der Polizei und Arbeitsstunden aufgebrummt bekommen habe, seien die Räume an der Hackstraße so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Zusammen mit Julius Elser strich er ein ums andere Fenster.
„Früh aufstehen war damals nicht Anels Stärke. Und mit früh aufstehen meine ich vor 16 Uhr“, sagt Julius Elser und grinst seinen jungen Schützling an. Zusammen mit einer Kollegin durchforsteten die beiden damals die Lehrstellenangeboten. „Ich glaube, wir sind sämtliche Ausbildungen in Deutschland durchgegangenen. Nichts hat richtig gepasst, ich war ziemlich lost“, erinnert sich Anel. Damals habe er nicht gedacht, dass er je wieder so zufrieden sein könne wie jetzt an der Cotta-Schule. „Ich habe in diesem Schuljahr noch nicht eine Stunde verpasst“, sagt Anel nicht ohne Stolz. Er will die Schule fertig und dann eine Ausbildung im handwerklichen Bereich machen.
„Es läuft perfekt, wir schwänzen nicht mehr“, sagt Altin, der zusammen mit Anel die Cotta-Schule besucht. Ja, auch er habe eine Zeit gehabt, in der er ziellos gewesen sei, räumt der junge Mann ein. Doch die Mobile Jugendarbeit Ost habe an ihn geglaubt und ihn „übelst gut aufgenommen“. Ein Schlüsselmoment war für ihn der Besuch im Europa-Park mit ein paar Jungs, Julius und seiner Kollegin. „Ich wollte da schon immer mal hin, das war ein Kindheitstraum von mir, da war das Eis gebrochen“, erinnert er sich. Robin und Julius Elser kennen sich schon sehr lange. Julius Elser war damals Sozialarbeiter an einer Schule, Robin kam in sein Büro, um abzuhängen. „Damals war er in der achten Klasse, zwei Köpfe kleiner und ohne Bart“, sagt der Mitarbeiter der Mobilen und lacht. Robin machte seinen Hauptschulabschluss, begann eine Ausbildung, verlor dann aber die Lust. „Ich bin nicht mehr hingegangen und habe lieber gechillt. Mit 15 Jahren jeden Morgen auf der kalten Baustelle arbeiten, das war nichts für mich“, sagt er.
Die Räume der Mobilen Jugendarbeit Ost sind für Altin, Anel (von links), Rim und Robin (von rechts) ein zweites Zuhause. Das ist auch Julius Elsers (Mitte) Verdienst. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Damals sei er auch auf dumme Gedanken gekommen, was mit gerichtlich angeordneten Arbeitsstunden endete. Auch er leistete diese bei der Mobilen Jugendarbeit. „Robin wurde in dieser Zeit fast so etwas wie ein Teil des Teams, er brachte seine Expertise bei handwerklichen Aufgaben ein und war immer für ein Schwätzchen zu haben“, erzählt Julius Elser. Mittlerweile ist der 17-Jährige an der Wirtschaftsschule in Ludwigsburg, um seinen Realschulabschluss zu machen.
Warum die Jungs so besonders sind
Julius Elser gibt nie einen jungen Menschen auf. Ihre Lebensrealität sei eine andere als seine damals. Er sei in einem wohlbehüteten Elternhaus aufgewachsen. Die Jungs, die zu ihm in die Mobile Jugendarbeit kommen, hätten es dagegen wesentlich schwerer. „Und trotzdem sind sie so besonders. Sie haben nicht viel Geld, aber sie wollen immer was mitbringen, eine Cola oder ein Red Bull. Eine solche Herzlichkeit erlebe ich selten“, sagt der Sozialarbeiter und ergänzt: Das gebe ihm die Kraft, gemeinsam mit den Jugendlichen all die Dinge zu durchleben, die er selbst als Jugendlicher nie habe durchleben müssen.
„Jeder will nur seinen Weg finden, einen Job haben, eine Familie versorgen. Das sind so normale Wünsche. Manche brauchen ein paar Schritte mehr, um das Ziel zu erreichen“, sagt Julius Elser. Natürlich könne er nicht jedem eine Perspektive aufzeigen. „Aber die meisten finden doch ihren Weg.“
Historie der Mobilen Jugendarbeit
Jubiläum Die Mobile Jugendarbeit begann 1967 als Projekt im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag. Das Ziel war es, insbesondere benachteiligten Jugendlichen eine Anlaufstelle zu bieten. 1970 erfolgte die erste Gesellschaftergründung, ebenfalls im Hallschlag. Im Stuttgarter Osten feierte die Mobile Jugendarbeit in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Heute gibt es bundesweit vergleichbare Anlaufstellen.
Trägerschaft Die Mobile Jugendarbeit ist seit jeher ein gemeinsames Anliegen der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden und stark in den Stadtbezirken verwurzelt. Träger sind der Caritasverband Stuttgart und die Evangelische Gesellschaft (Eva).