Junge Mütter im Rems-Murr-Kreis Schwangere Frauen in Nöten – Mit diesem Angebot hilft Pro Familia

Nicht immer ist die Freude groß, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist. Oft sind gerade junge Mütter überfordert und wissen nicht, was zu tun ist. (Symbolfoto) Foto:  

Damit das Baby trotz schwieriger Situation gut ins Leben starten kann, berät Bettina Wittkowski von Pro Familia die werdenen Mütter. „Hebamme im Karo“ heißt das besondere Projekt.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Migrationshintergrund, Sprachbarrieren, psychische Belastungen, geringes oder gar kein Einkommen – die Gründe, warum eine schwangere Frau mit der Situation überfordert ist, können vielfältig sein. Doch egal welche Problematik vorliegt, Hilfe finden die werdenden Mütter in so einem Fall bei Bettina Wittkowski von Pro Familia. „Unsere Mitarbeiterin war früher selbst als freiberufliche Hebamme tätig, kennt sich in der Thematik aus und hat ein gutes Netzwerk aus dieser Zeit, erklärt die Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis), Agnes Perjesi.

 

Auf dieses Netzwerk greift Bettina Wittkowski beispielsweise dann zu, wenn eine Schwangere, die zu ihr zur Beratung kommt, noch keine Hebamme hat. „Ich telefoniere mir dann notfalls die Finger wund, um eine zu finden. Zuletzt hat es in vier von fünf Fällen geklappt.“ Sollte es einmal trotz guter Beziehungen nicht funktionieren – beispielsweise weil der errechnete Geburtstermin mitten in der Urlaubzeit liegt – dann bietet Bettina Wittkowski im Rahmen des Pro-Familia-Projekts „Hebamme im Karo“ zumindest regelmäßige Gesprächstermine an und sucht parallel weiter. Die 57-Jährige ist mit viel Herzblut dabei. „Es macht sehr viel Freude. Ich blicke mit anderen Augen auf die Schwangeren, als beispielsweise die Kollegen der Traumatherapie. Und es ist schön, dass ich mir für die Beratungen Zeit lassen kann.“

Bettina Wittkowski berät junge Mütter niederschwellig

Als freiberufliche Hebamme sah das bei der Frau aus Kirchberg an der Murr viele Jahre anders aus. Zeit war Geld und das Telefon klingelte auch mal nachts und am Wochenende. „Die Freiberuflichkeit war toll, aber auch anstrengend. Mit meinen Kindern habe ich das dann nicht mehr geschafft. Um so glücklicher bin ich jetzt mit der Tätigkeit bei Pro Familia“, sagt Bettina Wittkowski, die neben ihrer Beratungstätigkeit auch Vorbereitungskurse für Schwangere gibt.

Die werdenden Mütter, die sie im Rahmen von „Hebamme im Karo“ betreut, haben meist einen schwierigen Background und sind aufgrund von psychischen Problemen oder weil sie die deutsche Sprache nicht ausreichend verstehen, überfordert und nicht in der Lage zu überblicken, was sie jetzt benötigen und worauf sie Anspruch haben. Genau da setze das Projekt an, das jetzt für weitere vier Jahre laufe und durch die Unterstützung der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung sowie durch die des Familienzentrums Karo ermöglicht werde, erklärt Agnes Perjesi.

„Das Projekt richtet sich gezielt an Schwangere und junge Mütter, die durch bestehende Versorgungsstrukturen nicht ausreichend erreicht werden und die dadurch nicht wissen, was ihnen nun an Hilfen und Angeboten zusteht. Es geht dabei nicht um eine kostenfreie Gesundheitsvorsorge, sondern um Vermittlungshilfe, beispielsweise beim Finden einer Hebamme sowie eines Kinderarztes“, erklärt die Leiterin der Waiblinger Beratungsstelle von Pro Familia. Es gehe um ein Heranführen an das System, an Rechte und Ansprüche in einer sehr sensiblen, fordernden Zeit. „Das Angebot ist eine niedrigschwellige, verlässliche Anlaufstelle, besonders, wenn noch keine Wochenbetthebamme zur Verfügung steht oder die Frauen ihren Bedarf noch nicht klar benennen können“, erklärt Leiterin Agnes Perjesi, die Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin ist und berufsbegleitend noch Psychologie drauf gesattelt hat.

Agnes Perjesi freut sich, dass das niedrigschwellige Angebot nun weiter fortgesetzt werden kann. Foto: privat

Die ehemalige freiberufliche Hebamme gibt auch Tipps zum Stillen und fürs Wochenbett

Genau hier kommt Bettina Wittkowski ins Spiel. Dank ihrer guten Vernetzung kann sie die Frauen meist gezielt an Angebote aus dem Gesundheits- und Sozialsystem vermitteln, sofern diese das auch wollen. „Es gibt Fälle, da kommt die Frau einmal zu einem Vorsorgekurs und dann erreicht man sie nicht mehr.“ Und dann gibt es die anderen Fälle – die Mut machen und Bettina Wittkowski in ihrer Arbeit bestärken.

Beispielsweise der Fall einer Frau aus Syrien, die aus ihrer Heimat fliehen musste. „Sie hat Mathe studiert und spricht Englisch, aber Deutsch versteht sie noch nicht und sie hat keine Ahnung von unserem Gesundheitssystem“, erklärt Bettina Wittkowski. Diese Frauen wüssten nicht, was ihnen zustehe und benötigten Hilfe. „Sie ist dankbar und mit vollem Eifer dabei. Beim Geburtsvorbereitungskurs hat sie sich alles aufgenommen und daheim dann übersetzt“, sagt die 57-Jährige, die den Frauen auch Tipps rund ums Stillen gibt und ihnen rät, wie sie sich im Wochenbett verhalten sollten.

All das machen die Verantwortlichen, damit das Baby trotz Defizite im Leben der Mutter die besten Startmöglichkeiten hat. Und auch wenn das nicht immer klappt – Bettina Wittkowski erinnert sich an eine Teenager-Mutter, die ihr Baby schlussendlich zur Adoption frei gab – gelte es, aufmerksam zu sein und genau hinzuhören. „Ich denke, das gilt generell. Wenn in der Nachbarschaft ein Säugling ständig weint, kann es gut tun, wenn einfach mal Hilfe angeboten wird. Ich denke, grundsätzlich geht es einfach um Menschlichkeit und Unterstützung – bei unserem Angebot, aber auch in der Gesellschaft.“

Auch Agnes Perjesi ist sicher, dass damit viel erreicht werden kann. „Gerade die frühe Begleitung durch unser Projekt hilft, Belastungen rechtzeitig zu erkennen und schwierige Situationen zu stabilisieren.“ Während 2023 insgesamt 35 Familien erreicht wurden, konnten in den beiden Folgejahren jeweils rund 50 Familien unterstützt werden. In den meisten Fällen gelinge es, zeitnah eine Wochenbetthebamme zu finden oder spezifische Probleme wirksam aufzufangen. „Die Frauen kommen mit ganz verschiedenen Fragen zu mir und können sich danach besser auf die neue Lebenssituation einlassen und auch darüber freuen. Deshalb mache ich es so gern“, sagt Bettina Wittkowski.

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