Witwer Marco Werz aus Stuttgart und seine beiden Kinder, die im Januar ihren dritten Geburtstag feiern. Foto: privat
Nach der Geburt ihrer Zwillinge verblutet Vera Werz 2023 in der Filderklinik. Zwei Klinikärzte wurden nun verurteilt. Wir haben mit dem Witwer und seiner Anwältin gesprochen.
Erleichtert – so beschreibt Marco Werz seinen Zustand nach der Urteilsverkündung. Dass zwei der Ärzte, die seine Frau vor drei Jahren behandelt haben, nun am Amtsgericht Nürtingen zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden, erfüllt ihn nicht mit Genugtuung. „Aber ich bin froh darüber, dass meine Einschätzung bestätigt wurde. Und dass unsere Geschichte nun öffentlich ist.“ Die Geschichte – damit meint Marco Werz den Tod seiner Frau Vera Werz und die Umstände, die dazu geführt haben. Was der schönste Tag im Leben des Ehepaars werden sollte, die Geburt ihrer Zwillinge, wurde am 19. Januar 2023 zum Albtraum.
Monatelang hatten sich die beiden riesig über die Schwangerschaft gefreut und auf die Entbindung vorbereitet. Möglichst natürlich sollte sie ablaufen: „Meine Frau hat sich daher die Filderklinik ausgesucht“, so Marco Werz. Die Klinik in Filderstadt-Bonlanden ist eines von sechs anthroposophisch ausgerichteten Krankenhäusern in Deutschland. Auf der Homepage heißt es, Ziel sei „eine sanfte, individuelle und interventionsarme Geburtsbegleitung“, selbst bei Mehrlingen.
Vera Werz wollte eine möglichst natürliche Geburt
Zur wohltuenden Unterstützung würden Wickel, Einreibungen und Massagen mit ätherischen Ölen eingesetzt, so die Klink auf ihrer Seite. Kaiserschnitte hingegen versuche man zu vermeiden. In Deutschland liege die Rate bei „über 30 Prozent, bei uns in der Klinik bei etwa 15 Prozent“, lobt der Leiter der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe auf der Homepage. Die Ursache sei für ihn eindeutig: Kaiserschnitte seien oft überflüssig. „All das hat uns gefallen und in unserer Entscheidung bestärkt“, sagt Werz.
Als ihre Welt noch in Ordnung war: Vera und Marco Werz freuten sich im Herbst 2022 auf ihre Zwillinge. Foto: Rebecca Conte
An einem Wintertag war es dann soweit: Vom Wohnort Stuttgart ging es auf die Fildern, die Geburt wurde eingeleitet. „Für meine Begriffe verlief alles normal“, erinnert sich Marco Werz. „Elias und Emilia kamen ohne Komplikationen gesund auf die Welt.“ Ein unbeschreiblich beglückender Moment. Doch dann treten plötzlich Probleme auf: „Das Drama fing an, als sich die Plazenta nicht lösen wollte.“ Seine Frau habe geblutet, schwer geblutet. Er habe die Babys im Kreißsaal auf dem Arm gehabt, als er bemerkte, wie es ihr immer schlechter ging. „Sie war extrem blass, schlapp, abwesend.“ Der Oberarzt jedoch habe beruhigt – alles im Rahmen!
Marco Werz: Es wurde viel Zeit verschwendet
Einst waren Schwangerschaft und Geburt lebensbedrohlich. Inzwischen sterben in Deutschland nur noch wenige werdende Mütter. Die Zahlen werden im Gegensatz zu vielen anderen Ländern zwar nicht mehr erfasst. Man geht aber von 25 bis 30 Todesfällen bei Entbindungen pro Jahr aus. Dass auch seine Frau um ihr Leben kämpfte, sei ihm erst bewusst geworden, als einer der behandelnden Ärzte mitten in der Nacht drängte, er solle „Freunde und Familie informieren“.
Zuvor sei seiner Frau eine Infusion nach der anderen gegeben worden. Erst nach längerer Zeit habe man sie aus dem Kreißsaal auf die Intensivstation gebracht. Schließlich habe sie Bluttransfusionen bekommen. Irgendwann sei die Entscheidung für eine Notoperation gefallen. „Davor wurde aber viel zu viel Zeit verschwendet“, ist sich Werz sicher.
Um 3 Uhr stirbt Vera Werz. Mit gerade mal 30 Jahren. Tod durch Verblutung steht in den Akten. Schicksal – oder ärztliches Versagen? Die Staatsanwaltschaft vermutet fahrlässige Tötung und leitet Ermittlungen gegen eine Assistenzärztin und einen Oberarzt ein. „Das war für uns ein großer Vorteil“, sagt die Stuttgarter Anwältin Anna Grub. Sie ist Spezialistin in Medizinrecht und vertritt Marco Werz als Nebenkläger und in der parallel laufenden zivilrechtlichen Auseinandersetzung. Der Tod eines Menschen ist nicht mit Geld aufzuwiegen, aber Marco Werz, Ingenieur bei Bosch, hat – neben dem Schmerz und der Trauer – finanzielle Belastungen. Als Alleinerziehender kann er nur noch halbtags arbeiten. Zudem braucht er Kinderbetreuung. Seine Frau hatte mit ihrem Gehalt als Betriebswirtin bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zum Haushaltseinkommen beigetragen.
Prozess wegen Ärztefehler geht in eine zweite Runde
Normalerweise kommen Behandlungsfehler nur selten vor Gericht. Meist ist es schwer, sie nachzuweisen. Dass Ärzte bei ihrer Arbeit besonderen Schutz genießen, hält die Anwältin Grub auch für richtig. Doch in diesem Fall seien eindeutig grobe Fehler passiert: „Hätte man früher gehandelt, würde Vera Werz noch leben.“ Es kommt zum Prozess, Werz tritt als Nebenkläger auf. Die juristische Aufarbeitung des Falls gestaltet sich schwierig. Gutachten steht gegen Gutachten. Letztlich sieht der Richter am Amtsgericht Nürtingen jedoch „eine Sorgfaltspflichtverletzung der Angeklagten“, teilt Sabine Kienzle-Hiemer, Direktorin des Amtsgerichts Nürtingen, auf Anfrage mit. Er verurteilt den Oberarzt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen zu zehn und die Assistenzärztin zu sechs Monaten auf Bewährung. Wie die Filderklinik darauf reagiert? Die Leitung hat sich auf Anfrage nicht gemeldet.
Genau diesen beiden Ärzten die alleinige Schuld am Tod seiner Frau zu geben, davor schreckt Marco Werz zurück. Dennoch ist ihm wichtig, dass durch das Urteil „überhaupt erst eine Schuld“ festgestellt wurde. „Und ich hoffe, dass durch unsere Geschichte andere vor Ähnlichem bewahrt werden.“ Von den beiden Ärzten hätte er sich eine Entschuldigung gewünscht – oder zumindest ein Zeichen, dass es ihnen leid tut: „Es kam nichts“, bedauert Werz.
Die zwei Ärzte haben inzwischen Berufung eingelegt, wie auch die Staatsanwaltschaft. „Das Urteil ist damit nicht rechtskräftig“, so Sabine Kienzle-Hiemer. Wann erneut verhandelt wird, stehe noch nicht fest. Klar ist aber, dass der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart in eine zweite Runde geht.