Junge Stuttgarter:innen in der Kirche Wieso wird man eigentlich Pfarrerin?

Wie wird man eigentlich Pfarrer:in? Foto: Unsplash/Thomas Vitali

Was bewegt junge Menschen, sich in den Dienst Gottes und der Gemeinde zu stellen? Wir haben die 27-jährige Stuttgarter Vikarin Marina getroffen und mit ihr über Vorurteile, ihr schwieriges Studium und besondere Glücksmomente gesprochen.

Viele junge Menschen gehen nicht mehr in die Kirche, andere wiederum machen Kirche und Glauben zum Beruf. So auch Marina. Die 27-Jährige ist Vikarin in Stuttgart und seit ihrer Kindheit in der Kirche engagiert.

 

"Ich habe die klassische kirchliche Laufbahn hinter mir", erinnert sie sich. Gemeinsam mit dem Opa ging es sonntags in die Kirche, aber auch nach der Konfirmation engagierte sich Marina in der Jugendarbeit ihrer Gemeinde. Die Entscheidung, letztendlich Pfarrerin zu werden, wurde jedoch maßgeblich durch ihre Religionslehrerin beeinflusst. Sie hatte in der Oberstufe Werbung für das Theologiestudium gemacht und zur Infotagung ins Evangelische Stift eingeladen. Diese Veranstaltung verließ Marina mit dem Gefühl, dass der Beruf einer Pfarrerin vielleicht etwas für sie sei: „Mit Menschen verschiedenen Alters arbeiten, sie in besonderen Situationen im Leben begleiten, von Gott erzählen – das konnte ich mir gut beruflich vorstellen.“

Aus unserem Angebot: Als Frau in einer Männerdomäne

Ihr persönliches Umfeld hat die Berufswahl eher gemischt aufgenommen. Insbesondere nicht-christliche Schulkamerad:innen beäugten ihren Wunsch kritisch. Unterstützung erfuhr sie jedoch von gläubigen Freund:innen, die auch mit der Kirche verbunden sind.

Wie wird man eigentlich Pfarrer:in?

Vor dem Studium selbst hatte Marina sehr großen Respekt. „Ich dachte immer, das wäre ein viel zu schweres Studium für mich, die ganzen Sprachen haben mich davor eigentlich echt abgeschreckt", erzählt die junge Frau. Griechisch und Hebräisch und dann auch noch Latein für alle, die das Fach noch nicht in der Schule gelernt hatten. Besser gesagt, das Studium hat es in sich.

Dreizehn Semester hat Marina Theologie studiert und danach ihre erste theologische Dienstprüfung erfolgreich abgelegen können: „Leider sind Theorie und Praxis eher getrennt und nicht so vernetzt, wie ich es mir gerne manchmal gewünscht hätte.“ Nach dem Studium folgte dann das Vikariat, das zweieinhalb Jahre dauert. Gemeinsam betreuen die Berufsanfänger:innen ihre erste Gemeinde zusammen mit der Ausbildungspfarrer:in. „Zwischendurch ist man immer wochenweise im Pfarrseminar in Stuttgart-Birkach“. Dabei werden die Aufgaben des Arbeitsalltags erlernt und Bereiche wie Gottesdienste, Religionsunterricht, Seelsorge und Gemeindeaufgaben gemeinsam bewältigt.

Ist das Vikariat abgeschlossen, steht für die angehenden Pfarrer:innen die zweite theologische Dienstprüfung an, nach der erstmals eine eigene Pfarrstelle angetreten werden darf. Erst nach weiteren drei Jahren im Beruf wird man anschließend in ein Dienstverhältnis auf Lebenszeit aufgenommen, erklärt Marina. Der lange Weg lohnt sich und das obwohl mit der Berufswahl auch manche gewohnten Freiheiten wegfallen, wie Marina berichtet: „Der Pfarrberuf bringt es mit sich, dass man seinen Wohn- und Arbeitsort nicht mehr einfach so selbst aussuchen kann“.

Der Mitgliederschwund der Kirchen in Deutschland geht weiter

Auch wenn Menschen wie Marina für ihren Beruf brennen, sind die Mitgliederzahlen der Evangelischen Kirche von 2003 bis 2020 um ungefähr fünf Millionen auf 20,24 Millionen Mitglieder gesunken. Zu Problemen wie Missbrauchsskandalen und schwindenden Anhängern, mit welchen sich die Institutionen der christlichen Kirchen konfrontiert sehen, könne Marina nicht unbedingt etwas sagen. Dennoch würden ihr diese Themen immer wieder in Gesprächen begegnen, insbesondere wenn sie in den Medien präsent seien.

Marina will sich lieber auf den Ort Ihrer Gemeinde konzentrieren und versucht, möglichst viele Menschen zu erreichen. Das seien Themen, die sie im Gemeindealltag viel eher beschäftigen als die „großen Fragen“. Damit die Kirche in Zukunft mehr Menschen erreichen könne, müsse sie ihrer Ansicht nach im Leben der Menschen relevanter werden.

WEITERLESEN NACH DIESEM VERLAGSANGEBOT

Stadtkind

Bleibe up-to-date mit dem Stadtkind-Newsletter.

Weiter Mehr erfahren

Was macht eine gute Pfarrer:in heutzutage aus?

Die Rolle einer Pfarrer:in verändert sich stetig und erfüllt nicht mehr die gleichen Funktionen wie vor 100 Jahren. So ist Marina der Ansicht, dass es besonders an Offenheit für den Menschen und dessen Anliegen bedarf, um eine gute Pfarrer:in zu sein. Aber natürlich sei es auch wichtig, die Botschaft des Glaubens und das Evangelium für Menschen greifbar zu machen. Ihr Studium hat ihr letztendlich sehr gut gefallen: „Ich habe gerne studiert, die Freiräume, und auch nach meinen Interessen mir Veranstaltungen aussuchen zu können, fand ich super", so die 27-Jährige.

Beeindruckt haben Marina auch die Religionsstunden mit ihren Drittklässler:innen. "Die selbst geschriebenen Psalmen der Schüler:innen zum Thema Schöpfung haben mich sehr bewegt." Doch besonders genießt Marina die kleinen Glücksmomente in schwieirgen Zeiten. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn ich trauernden Angehörigen durch meine Worte oder mein Dasein helfen kann, einen Schritt auf dem  schwierigen Weg des Abschieds zu gehen."

Weitere Themen