Jungmusiker bekommt Landesjazzpreis Für die Posaune entschied er sich wegen eines Stofftiers

Samuel Restle hat mit seinen 27 Jahren nun den baden-württembergischen Landesjazzpreis. Foto: Hannes Rexer

Als Bub war er im Hechinger Musikverein, inzwischen zählt der Posaunist Samuel Restle zu den Hoffnungsträgern der deutschen Jazz-Szene. Dafür gibt es in diesem Jahr einen Preis.

Es ist eine Freude, junge Leute zu erleben, die unter der Ägide eines ebenso jungen Bandleaders im Stuttgarter Jazzklub „Kiste“ vorführen, was sie nach dem Studium an der Musikhochschule so alles draufhaben! Der geneigte Freund gesetzter und improvisierter Musik erlebt hier einen Klangkörper, der schön schlank und durchtrainiert ist. Was ihm an Routine abgeht, macht er durch Frische wett. In seinen Reihen tummeln sich exzellente Solisten, die sich sehr wohl Hoffnung machen dürfen, demnächst einmal den baden-württembergischen Landesjazzpreis zu erhalten. Clara Vetter, die wunderbar spielende Frau am Klavier, die hat ihn schon. Und der 27-jährige Bandleader hat ihn jetzt auch; 15 000 Euro als willkommene Zugabe. Sein Name: Samuel Restle.

 

In der „Kiste“, die aus allen Nähten platzt, präsentiert die 18-köpfige Big Band auf der recht kleinen Bühne Kompositionen von Kurt Weill, die Orchesterleiter Restle neu arrangiert hat. Aus ganz unterschiedlichen Farben entstehen Klangbilder, die an Wassily Kandinsky und an Franz Marc erinnern: Abstraktes trifft auf Konkretes, Schrilles auf Harmonisches, Avantgarde auf Tradition. Das Schöne daran ist, dass die Musik nicht in Einzelteile zerfällt, sie bewegt sich vielmehr in einem festen Rahmen und bildet mit ihren feinen Nuancen und einer beeindruckenden Klangfülle ein organisches Ganzes. Das jazzaffine Publikum lauscht zunächst überrascht, dann mit wachsender Begeisterung.

Er hat die Leute im Griff wie ein Dompteur seine jungen Löwen

Restle stellt nach den Nummern jeweils die Solisten vor. Dann erzählt er von Bertolt Brecht und Kurt Weill, spricht von Mackie Messer und der Dreigroschenoper (die Arnold Schönberg übrigens schrecklich, Theodor W. Adorno dagegen toll fand), plaudert vom Surabaya-Johnny und vom Happy End, erwähnt die Stadt Mahagonny und den Alabama Song, streift allerdings die wichtige politische Dimension des großen BB und seines Komponisten nur am Rande. Im Zentrum steht Restle, der mit kleinen Schlägen dirigiert und mit winzigem Lächeln Lob spendet.

Wer ist dieser junge Mann, der solche Arrangements erfindet, der beim Live Act achtzehn andere junge Leute im Griff hat wie ein Dompteur seine jungen Löwen? Restle bewältigt die komplexe Aufgabe mit Leichtigkeit. Er ist Musiker durch und durch, bewegt sich traumwandlerisch sicher in der Harmonielehre des Jazz, hat ein feines Gespür für Klangfarben und Rhythmen und reagiert blitzschnell, um eingreifen zu können.

Dass er Partituren lesen kann, ist selbstverständlich – jedenfalls für ihn und bei ihm. Seine Körpersprache wirkt nie aufdringlich, sie ist positiv und klar. Als Leiter muss er Auftritte organisieren, die Band mit der eigenen Begeisterung motivieren können. Das erfordert organisatorische und soziale Kompetenz. Dabei wirkt der 27-Jährige locker und strahlt eine natürliche Autorität aus, ohne autoritär zu wirken. Der junge Mann hat Charisma. Den Jazzpreis des Landes hat er verdient.

Wie er zur Musik fand, möchte man wissen. Als Sohn eines deutschen Klempners und einer amerikanischen Mutter, berichtet er, sei er in Hechingen am Fuß der Burg Hohenzollern aufgewachsen. Der Vater spielte Piccoloflöte im Musikverein, die älteren Schwestern Waldhorn und Trompete. Der zehnjährige Samu, wie er gerufen wurde, machte die Posaune zu seinem Instrument, weil der Leiter des Musikvereins ein Winnie-Puuh-Stofftier auf seiner Posaune befestigt hatte. „Ich möchte auch Posaune spielen!“, rief daraufhin der kleine Bub. Mit 14 spielte er allerdings lieber E-Gitarren-Soli von Slash und hörte Nirvana. Beim Fasnetsumzug aber spielte er nicht etwa „Smells Like Teen Spirit“, sondern sorgte mit den Hechinger Hudelgai-Bätschern für ausgelassene Stimmung im Saal.

Vom Jazz zunächst weit und breit keine Spur. Den entdeckte Samuel dann auf der Videoplattform YouTube. Das Blechbläserensemble Mnozil Brass aus Österreich war der Türöffner, ein komödiantisches Septett, das neben Schlagern, Pop und Marschmusik auch Jazz im Programm hatte. „Die Videos sind musikalisch top und außerdem voll lustig“, erzählt der preisgekrönte Posaunist.

Ihn faszinierten auch die Big-Band-Videos des australischen Top-Trompeters James Morrison. Für den jungen Hechinger gab es nun kein Halten mehr: „So bin ich in die Jazz-Musik reingedriftet, hab mir die Jazz-Harmonielehre ,Think – Listen – Play’ von Frank Sikora gekauft, und mein Leben war fortan zweigeteilt. Ich nahm zwar weiter am Vereinsleben teil und war doch zugleich mit dem Jazz, der mich brennend interessierte, ganz allein.“

Die Kumpels gingen feiern, er spielte Posaune

Das alles geschah in der neunten Klasse des Gymnasiums, an dem Restle später das Abitur machte. Der Erste, der ihn dann im Jazz angeleitet hat, war Eberhard Budziat, der bekannte Jazzposaunist, der selbst auch in der Blasmusik gestartet war. Zu ihm fuhr Restle mit vier, fünf Freunden samstags mit dem Zug nach Stuttgart.

Während die Bros einkaufen gingen und feierten, kam Samuel an der Jazzposaune zum Zug. Und zwar so, dass ein Studium an der Stuttgarter Musikhochschule sich zwangsläufig anschloss und er ins Landesjazzorchester geholt wurde. Schon mit fünfzehn war es Samuel und der Familie klar geworden, dass der Filius nicht die Klempnerfirma des Vaters übernehmen, sondern dass er Musiker – und zwar Jazzmusiker – werden würde.

Nun ist Samuel Restle genau der Jazzer, der er schon lange sein wollte. Einer, der in der Musik und für die Musik lebt, der beim Hören strukturell denkt, am Klavier komponiert; einer, dem am Computer bemerkenswerte Arrangements für Jazzorchester einfallen, die er dann minutiös ausarbeitet und notiert. Wie all das schließlich klingt, konnten die Fans schon im Mai beim Konzert in der „Kiste“ erfahren. Spätestens bei der festlichen Verleihung des Jazzpreises des Landes Baden-Württemberg im Herbst wird es dann ein großes Publikum erleben – und in Folge sicher noch viel mehr.

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