Am 2. Juni 2024 stand Walheim unter Wasser. Eine erste Infoveranstaltung zum Hochwasserschutz folgte diese Woche – elf Monate später. Foto: Feuerwehr Walheim
Erst kam das Wasser, dann die Kritik an der Gemeindeverwaltung. Jetzt hat der neue Bürgermeister Christoph Herre von Walheim (Kreis Ludwigsburg) erstmals den Weg zum besseren Hochwasserschutz formuliert – dafür zieht er ein altes Projekt aus der Schublade.
Mehr als 100 Bürger sind am Dienstagabend ins Feuerwehrhaus Walheim gekommen, drängen sich auf Bierbänken oder um Stehtische. „Es ist wichtig, dass es solche Treffen und Informationen gibt“, sagte Marion Edelmann. Die Walheimerin war im vergangenen Jahr von der Juni-Flut betroffen – ihr gesamter Keller stand unter Wasser. „Das hat mich schon ein bisschen aus der Bahn geworfen.“ Auch in Siegfried Ades Haus stand am 2. Juni 2024 das Wasser, danach habe er Hilfe und Kommunikation der Gemeinde vermisst. „Ich weiß, dass nicht alles auf die Schnelle geht und bin jetzt einfach froh, dass es so einen Termin wie heute gibt.“
Der neue Bürgermeister Christoph Herre hat elf Monate nach den Überschwemmungen ein lang ersehntes Signal an die Bürger gesendet: Die Gemeinde nimmt den Hochwasserschutz in Angriff. Gleichzeitig dämpfte er während der Informationsveranstaltung die Hoffnung auf schnelle Lösungen – bis Walheim konkrete Maßnahmen umsetzt, werden wohl Jahre vergehen.
Anfang Juni stiegen nach tagelangen Regenfällen die Pegel der großen Flüsse der Region. An sich kein Problem, der Ort ist gut gegen den Neckar geschützt. Doch dann ging am Sonntagnachmittag, 2. Juni, ein Starkregen östlich von Walheim nieder. Das Regenwasser sammelte sich im Baumbach und rauschte durch den Ort in Richtung Neckar. Da der Fluss die Wassermassen nicht aufnehmen konnte, trat der Baumbach über die Ufer und überschwemmte Wohnhäuser, das Museum Römerhaus und eine Kindertagesstätte.
„Bei einem Hochwasser hat man wenigstens eine Vorlaufzeit, bei so einem Starkregen kann man einfach nur noch zur Hilfe eilen und Keller auspumpen“, blickt Feuerwehrkommandant Marko Horwath zurück. Bei dem Starkregen fielen 60 bis 130 Liter Wasser pro Quadratmeter in der Stunde. Die Auswirkungen sprengten alle statistischen Vorhersagen. Die Flut war ein sogenanntes extremes Ereignis – eines, das sich quasi nicht vorhersagen lässt und im Mittel einmal in 1000 Jahren auftritt.
Bietet aktiv ein offenes Ohr für Betroffene an: Walheims neuer Bürgermeister Christoph Herre. Foto: Werner Kuhnle
In den Tagen nach der Flut war die Feuerwehr an insgesamt 140 Einsatzstellen aktiv, pumpte Keller aus und sicherte Heizungsanlagen. „Wir gehen davon aus, dass 5000 bis 8000 Liter Heizöl ins Wasser und damit in den Neckar geflossen sind“, berichtet Horwath. Er zeigt sich aber auch dankbar, dass kein Mensch zu Schaden gekommen sei – keine Selbstverständlichkeit bei einem solchen Extremereignis.
Dann folgte die Kritik
Nach der Flut kam in der Gemeinde Kritik auf: Wo ist die Unterstützung des Landkreises und der Gemeinde? Wo finden Betroffene Informationen? Einige Bürger fühlten sich alleingelassen, hatten beispielsweise gehofft, dass die Gemeinde eine Mulde zur Verfügung stellt, in der sie ihr zerstörtes Mobiliar entsorgen können. Besonders laut wurde eine Frage gestellt: Wie kann eine weitere Katastrophe verhindert werden?
Monatelang gab es in dieser Frage kaum Fortschritte, denn während einer der größten Krisen der Gemeindegeschichte fehlte ein Bürgermeister. Es gab keine Ideen, Pläne oder Maßnahmen – lediglich zwei Gewässerschauen mit verschiedenen Behörden unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Walheimer räumen am Tag nach der Flut auf: Einige fühlten sich alleingelassen. Foto: Emanuel Hege
„Es ist nicht allzu viel passiert im letzten Jahr“, gesteht Christoph Herre, der rund ein halbes Jahr nach der Flut als neu gewählter Bürgermeister ins Rathaus einzog. „Und auch ich habe in den vergangenen Monaten erst einmal meine Zeit gebraucht.“ Jetzt könne die Gemeinde jedoch einiges vorweisen.
Zum einen wird sich die Walheimer Feuerwehr dank einer Spende des Landkreises ein neues, mobiles Hochwasserschutzsystem zulegen. Zudem hat die Gemeinde ein Starkregenrisikomanagement in Auftrag gegeben. Die Stadtwerke Bietigheim arbeiten bereits an den Modellen, den Risikofaktoren und möglichen Maßnahmen. Ergebnisse sind laut Herre im ersten Halbjahr 2026 zu erwarten.
Ein wichtiger Schritt, aber vergleichsweise spät: Viele andere Kreis-Kommunen wie Kirchheim, Möglingen, Steinheim, Löchgau und Freudental haben teils seit Jahren ein fertiges Starkregenrisikomanagement.
Herre hofft, dass auf das fertige Starkregenmanagement schnell handfeste Maßnahmen folgen und bringt eine fast vergessene Idee zurück auf den Tisch. 2005 diskutierte Walheim über einen Hochwasserschutzdamm östlich der Gemeinde – genau dort, wo im Juni das meiste Wasser herunterkam. Der neue Bürgermeister hält die alte Idee für sinnvoll und könnte sich vorstellen, dass es im Gegensatz zu 2005 mittlerweile eine Mehrheit für diesen Eingriff in die Natur gibt.
Doch die Devise lautet nun erst einmal abwarten, sagt Herre. Erst müssten die Untersuchungen abgeschlossen werden, daraufhin könnte die Gemeinde unter Umständen ein Bebauungsverfahren für einen Schutzdamm anstreben – und dann kommen noch Natur- und Artenschutz. „Wir reden hier von mehreren Jahren Umsetzungszeit.“
Dass Maßnahmen auf sich warten lassen, scheint für die Walheimer jedoch zweitrangig, sie freuen sich vor allem über das Engagement und eine Ansprechperson im Rathaus. Sie habe sich bereits mit Bürgermeister Herre getroffen, sagt beispielsweise Marion Edelmann – um mit ihm über die Herausforderungen rund um ihren zerstörten Keller zu sprechen.