Der Bayern-Trainer hat stets darunter gelitten, dass seine Leistungen nicht richtig anerkannt wurden. Das hat sich auf der Zielgeraden seiner Laufbahn geändert.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Berlin - Das letzte Rendezvous lockt. Am Samstag, 20 Uhr, Berliner Olympiastadion. Der FC Bayern trifft auf den VfB Stuttgart – und Jupp Heynckes erscheint im Vorfeld, wie er die tausend Mal zuvor erschienen ist: mit akkurater Bürstenfrisur. Natürlich sind die Haare grauer geworden, seit er 1979 seinen ersten Trainerposten übernahm. Er trägt auch längst keine Trainingsklamotten mehr bei offiziellen Anlässen, sondern Hemd und Schlips zum Clubanzug. Das schickt sich so im durchgestylten Fußballbusiness. Nur Heynckes’ Halbschuhe sehen etwas altbacken aus. Und wenn der Münchner Trainer spricht, dann wirkt er neben all den jugendlichen Konzept- und Powertrainern manchmal auch etwas aus der Zeit gefallen.

 

„Natürlich will ich den Pokalsieg erringen. Zumal mir das als Trainer noch nicht gelungen ist. Aber das ist keine Obsession“, sagt Heynckes. Sachlich, ruhig, ohne jedes Showelement. Wie immer, denn jede Form von Selbstdarstellung ist ihm fremd geblieben. Auch jetzt, da wohl sein letztes Spiel als Trainer ansteht. Bestätigt hat das der 68-jährige Rheinländer noch nicht. Doch wer ihm zuletzt zugehört hat, der muss zu dem Schluss gelangen, dass nach dem Pokalfinale eine lange Karriere im Profifußball endet. Zunächst verkündete er, dass er nach dem FC Bayern keinen Bundesligisten mehr übernehmen werde. Danach schloss er einen neuen Verein im Ausland aus. Konkreteres gibt es nicht. „Vielleicht sage ich gleich nach dem Endspiel, was ich machen werde – wenn ich gut gelaunt bin“, sagt Heynckes. Gemäß seiner Leitlinie: erst der Job, dann die persönlichen Anliegen.

Seit fast 50 Jahren arbeitet Heynckes in diesem Geschäft, das sich rasant dreht und die Menschen verschleißt. Gelegentlich wundert sich Heynckes ja selbst, dass er noch immer dabei ist und nicht auf seinem Bauernhof mit Ehefrau Iris lebt, Rosen schneidet, Beeren pflückt und mit dem geliebten Schäferhund Cando spazieren geht. Verrückt nennt er das. Und tatsächlich erscheint es als eine Wahnsinnsleistung, was Heynckes hinter sich gebracht hat. 1964 fing er als Stürmer bei Borussia Mönchengladbach an. Gleich im ersten Jahr stieg die Mannschaft in die Bundesliga auf, und es reihte sich Erfolg an Erfolg: Welt- und Europameister, Champions-League-Sieger, Uefa-Cup-Gewinner, Meister, Pokalsieger, teilweise mehrfach.

Gute Karriere als Spieler und Trainer

„Ich habe als Spieler eine gute Karriere gehabt, und auch als Trainer“, pflegt Heynckes zu sagen. Oft genug musste er selbst darauf verweisen, weil er nicht die Wertschätzung erhielt, die er sich gewünscht hatte. Irgendwie galt Heynckes stets als fleißiger Fachmann mit sprödem Charme, nie als charismatischer Fußballerneuerer.

Erst jetzt, auf seiner letzten Traineretappe mit dem FC Bayern, schlagen ihm die Wellen der Sympathie entgegen, überschlagen sich sogar die Experten und Trainerkollegen in Elogen. Bruno Labbadia macht da keine Ausnahme. „Ich möchte Jupp zu seiner außergewöhnlichen Trainerleistung gratulieren“, sagt der VfB-Coach. Labbadia spricht von der Menschlichkeit und dem Vorbildcharakter, die von Heynckes ausgehen. Viel Bewunderung und noch mehr Respekt klingt da durch für einen Mann, der für die fantastische Saison des FC Bayern verantwortlich ist. Champions-League-Sieger und Meister sind sie schon – und das mit einem Spielstil, der ganz Europa begeistert.

Doch Heynckes hat es in den vergangenen zwei Jahren bei den Münchnern nicht nur geschafft, den Fußball zu verbessern, einen ausgesprochenen Teamgeist zu implantieren und so die komplette Clubkultur zu bereichern. Er hat es vor allem geschafft, sich selbst noch einmal als Trainer neu zu erfinden. Mit dem Begriff „Auslaufmodell“ kokettierte Heynckes selbst, als ihn der Bayern-Präsident Uli Hoeneß 2009 bat, in der Not noch einmal auszuhelfen. Fünf Spiele sollten es nur sein, nachdem sich die Münchner von Jürgen Klinsmann und der amerikanischen Fußballrevolution verabschiedet hatten. Anschließend folgte Heynckes dem Ruf aus Leverkusen und trat 2011 sein drittes Engagement an der Säbener Straße an – um den aufgewühlten Verein nach dem herausfordernden Abschnitt mit Louis van Gaal zu befrieden.

Dass so viel mehr daraus geworden ist, liegt daran, dass sich Heynckes nicht nur auf seine Erfahrung verlassen hat. Ihm hat es auch nicht genügt, den Luxus zu verwalten, bis ein Jüngerer kommt. Er analysierte das moderne Spiel und vermittelte seinem Team eine austarierte Variante zwischen Abwehrordnung und Angriffswirbel.

Streng und konsequent – aber auch viel gelassener

Der Umstand, wieder unterschätzt zu werden, trieb den Trainer an. Wobei er es verstand, die Egoismen und Eitelkeiten im Kader zu moderieren. So saß jede Neuverpflichtung, passte jede taktische Überlegung, stimmte jede Rotation. Strenger und konsequenter auf der fachlichen Ebene ist Heynckes dabei vorgegangen, lockerer und gelassener auf der persönlichen Ebene.

Nicht alle beim FC Bayern hatten ihm das nach der Vorsaison zugetraut, die ja mit drei Enttäuschungen geendet hatte: Zweiter in Liga und DFB-Pokal hinter Borussia Dortmund, eine epische Heimniederlage im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea. Doch an Spannungs- und Wirkungskraft verlor Heynckes nicht. „Daraus habe ich Motivation und Kraft gezogen“, sagt er, „und meine Spieler sind genauso gepolt.“ Was dazu führt, dass er seinem Nachfolger Pep Guardiola ein schweres Erbe hinterlässt. Aber ebenso dazu, dass es am Ende von Heynckes’ grandiosem Spätwerk noch zu einem Rührstück kommt.

1990 versprach Heynckes euphorisiert mit der Meisterschale im Arm den Bayern-Fans vom Münchner Rathausbalkon: „Und nächstes Jahr holen wir den Europacup!“ Wenige Monate später war er jedoch entlassen. Nun hat Heynckes, der Grandseigneur der Trainergilde, sein Versprechen gehalten. Mit reichlich Verspätung wird er morgen bei den Feierlichkeiten auf dem Marienplatz neben der Meisterschale endlich auch den europäischen Henkelpott präsentieren – und als Entschädigung für das lange Warten beabsichtigt Jupp Heynckes, den DFB-Pokal noch mitzubringen.