Im September 1941 riegeln die deutschen Truppen das damalige Leningrad ab. Während der Blockade verhungern Hunderttausende. Der vierjährige Juri Feldman und seine Mutter werden gerettet.

Stuttgart - Noch heute kommt Juri Feldman vom Supermarkt jedes Mal mit etwas Brot nach Hause. Auch wenn es nicht auf dem Einkaufszettel stand, auch wenn daheim noch genügend vorhanden ist. Er kann nicht anders: Der Hunger, den er als kleines Kind erlebt hat, sitzt tief im Gedächtnis des Körpers.

Im September 1941, kurz nach Beginn der deutschen Abriegelung von Leningrad, wie St. Petersburg zwischen 1924 und 1991 hieß, beginnt das tausendfache Hungern und Sterben in der Stadt. Vorratslager sind nur wenige angelegt oder werden von der Wehrmacht bombardiert. Einmal bringt Juris Vater, Sanitätsoffizier der Roten Armee, einen Sack trockenes Brot vorbei, mit dem Juri und seine Mutter die nächsten Monate überstehen können. Im zweiten Blockade-Winter werden beide über den zugefrorenen Ladogasee gebracht. Juri ist vier Jahre alt und so geschwächt, dass er nicht mehr allein gehen kann. Seine Mutter, auf unter 40 Kilo abgemagert, muss ihn zu den Lastwagen tragen, die auf der „Straße des Lebens“ ins unbesetzte Gebiet fahren. Sie heißt auch „Straße des Todes“: Vor Juris Augen wird ein Laster von einer deutschen Granate getroffen, verschwindet unterm Eis.

Juri Feldman, Jahrgang 1938, ist Arzt geworden – und Sprecher der Blockadniki, die regelmäßig in den Räumen der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart zusammenkommen, um das Kriegsende am 9. Mai zu feiern – wie in Russland üblich einen Tag später – oder die Gründung ihrer Heimatstadt St. Petersburg am 27. Mai. Mit aktuell 56 Mitgliedern gehören sie zu den größten Blockadniki-Gruppen in Deutschland, ihr Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 80 Jahren.

Einige harren bis zum Ende der Blockade aus

In den 90er Jahren sind sie als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge – dieser Ausdruck wurde aus rechtlichen Gründen gefunden, auch wenn er die Situation nicht ganz trifft – nach Stuttgart gekommen. Die meisten von ihnen wurden im Zweiten Weltkrieg während der fast 900 Tage dauernden Belagerung Leningrads über den Ladogasee geschickt. Einige haben auch bis zum Ende der Blockade im Januar 1944 ausgeharrt, so der Vorsitzende der Stuttgarter Gruppe, Leonid Dugowski, der zu Beginn der deutschen Invasion elf Jahre war.

Erst im dritten Jahr der Belagerung verbessert sich durch militärische Erfolge der sowjetischen Truppen die Lage ein wenig. Rund eine Million Menschen sind da der Belagerung bereits zum Opfer gefallen. Allein im ersten, besonders frostigen Winter 1941/42 sterben Zehntausende. Bald gibt es keine Hunde, Katzen, Vögel mehr in der Stadt: Sie werden gegessen. Die verzweifelten Menschen kochen Ledergürtel, rühren Suppen aus Tapetenleim an. Da Brennmaterial fehlt, zerhackt man die eigenen Möbel und reißt Parkettböden heraus.

Die Hungersnot in Leningrad gehört zum Kalkül der Wehrmacht: Ein langer Häuserkampf in der drei Millionen Einwohner zählenden Stadt würde zu viele eigene Opfer kosten. So wartet man ab. „In Hitlers Augen war Leningrad“, sagt Juri Feldman, „auch eine jüdische Metropole, der er den baldigen Untergang prophezeite.“ Die Formel vom „jüdischen Bolschewismus“ erweist sich als eine besonders wirksame Propaganda.

Auch der spätere Kanzler Helmut Schmidt ist vor Leningrad stationiert

Dass nicht alle deutschen Soldaten den eingeschlossenen Leningradern einen grausamen Tod wünschen, sondern vor allem an die eigene Heimkehr, ans eigene „Durchkommen“ denken, schildert eindringlich Hermann Lenz in seinem Roman „Neue Zeit“. Der aus Stuttgart stammende Lenz ist von Herbst 1941 an vor Leningrad stationiert. Auf deutscher Seite befindet sich bis Ende 1941 auch der Offizier und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ihm gegenüber: der spätere Schriftsteller Daniil Granin, der 73 Jahre später bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede im Bundestag halten wird.

Im eingekesselten Leningrad gibt es trotz des täglichen Kampfs ums Überleben zahlreiche Theateraufführungen und Konzerte, die mit letzten Mitteln und Kräften organisiert werden. Juri Feldman erzählt von einem Schauspieler, der nach seinem Auftritt in den Kulissen vor Entkräftung tot umfällt. Im August 1942 führt man in Leningrad die Siebte Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch auf, das Radio überträgt sie in alle Landesteile. Der Komponist wurde im Oktober 1941 aus der belagerten Stadt ausgeflogen. Seine Siebte Sinfonie, die sogenannte „Leningrader“, sollte nach dem Wunsch Stalins den Überlebenswillen der Stadt und des ganzen Landes zum Ausdruck bringen. „Immer und immer wieder wurde sie im Radio wiederholt“, erinnert sich Juri Feldman.

Nach ihrer Evakuierung gelangen Juri und seine Mutter auf einer einmonatigen Zugfahrt in Viehwaggons nach Kasachstan, wohin sich mittlerweile auch Juris Großeltern väterlicherseits aus Charkow in der Ukraine geflüchtet haben. Juris Mutter bringt dort ein Mädchen zur Welt, das nur eine Woche alt wird. Seine Großeltern sprechen Jiddisch und leben nach den jüdischen Religionsgesetzen, was ihre Schwiegertochter für Aberglauben hält. Sie, naturwissenschaftlich denkend, ausgebildete Zahnärztin, stürzt sich dafür auf Bücher. Auch Juris Vater ist Zahnarzt, der im Krieg alle Arten von Gesichtsverletzungen zu versorgen hat. Die Großmutter mütterlicherseits harrt weiter in Leningrad aus. Nach der Befreiung stirbt sie an den Folgen der Unterernährung.

Nach Stalins Tod kommt Juris Vater aus dem Gefängnis – als gebrochener Mann

Bei Kriegsende geht die Familie nach Charkow und von dort für zwei Jahre nach Österreich, wo Juris Vater als sowjetischer Offizier stationiert ist. In Mödling bei Wien wohnen sie in einem Mietshaus, Juri lernt Deutsch mit den Kindern auf der Straße. Zurück in Leningrad wird der Vater 1948 wegen Hochverrats angeklagt – ein Verdacht, der damals schnell zur Hand ist – und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Die Mutter muss jetzt für sich und drei Kinder allein sorgen. Nach Stalins Tod 1953 kommt der Vater wieder frei, „ein anderer, ein gebrochener Mann“, so Feldman.

Die Familie seiner 1939 geborenen Ehefrau Bella hat Leningrad bereits im August 1941 verlassen und lebt bis Kriegsende in Saratow an der Wolga. Beide arbeiten später als Ärzte – Juri als Psychiater, Bella als Internistin. Vor allem Juri Feldman wird immer wieder mit antisemitischen Beleidigungen konfrontiert. Viele jüdische Künstler, die das kulturelle Leben in St. Petersburg in den 60er und 70er Jahren prägen, erzählt er, änderten ihren Namen, damit er weniger jüdisch klingt. Als sich die Sowjetunion Anfang der 90er Jahre auflöst und Sicherheiten wegbrechen, sind für viele Russen wieder die Juden schuld.

1991 entdeckt Bella Feldman eine kleine Notiz in der Zeitung: Deutschland lädt jüdische Bürger aus der Sowjetunion ein! Bis dahin war die Emigration nur nach Israel oder die USA möglich. Am 12. April 1990 bekennt sich die erste frei gewählte Volkskammer der DDR zur deutschen Schuld am Völkermord an den Juden und an der sowjetischen Bevölkerung. In einem Passus heißt es: „Wir treten dafür ein, verfolgten Juden in der DDR Asyl zu gewähren.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die DDR keine so genannte Wiedergutmachung an Israel geleistet, denn die Faschisten saßen ja, so die Staatsdoktrin, in Westdeutschland.

Suchtberatung in Waiblingen

Die Bundesrepublik bestätigt nach der Wiedervereinigung die Einladung. Ein Motiv dabei ist, die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stärken – was auch gelingt. Selbst wenn für manche jüdischen Einwanderer nach Jahrzehnten unter der kommunistischen Herrschaft die Religion keine große Rolle mehr spielt: Vor allem in Berlin kann sich eine neue jüdische Kulturszene etablieren.

„Wir zögerten nicht eine Minute“, sagt Bella Feldman. Ihr Mann hat sich damals gerade in einer Praxis selbstständig gemacht. Sie warten noch den Schulabschluss der jüngeren Tochter ab und gelangen 1992 zunächst nach Simmersfeld im Schwarzwald, wo sie ein Jahr lang mit hundert anderen Emigranten leben und Deutsch lernen. Juris Eltern und sein Bruder gehen nach Dortmund. Für die Approbation in Deutschland arbeitet Juri am Stuttgarter Bürgerhospital, später ist er in der Suchtberatung in Waiblingen tätig. Einen Tag in der Woche hält er eine Sprechstunde speziell für russische Einwanderer ab. In der Jüdischen Gemeinde ruft er eine ehrenamtliche medizinische Beratung ins Leben. Er beginnt, über seine beruflichen Erfahrungen und über seine Kindheit zu schreiben.

Bella, die Deutsch ganz neu lernen muss, findet eine Tätigkeit in einem russischen Reisebüro. Auch die Töchter fassen beruflich Fuß: Eine arbeitet heute als Krankenschwester, die andere in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde und für die Otto Benecke Stiftung. Die Enkel haben die Grundschule der Jüdischen Gemeinde besucht, anschließend Gymnasien in Stuttgart. Nur mit den Eltern sprechen sie noch Russisch, untereinander Deutsch. Jeden Freitagabend trifft sich die Großfamilie zur Sabbatfeier.

Acht Euro im Monat von Putin

Den Feldmans geht es vergleichsweise gut. Aber viele der älteren unter den etwa 220 000 jüdischen Emigranten die, obwohl oft gut ausgebildet, in Deutschland keinen Berufseinstieg mehr geschafft haben, leben heute nur von der Grundsicherung. Wladimir Putin gewährte den Überlebenden von Leningrad vor einigen Jahren eine Sonderrente: 500 Rubel im Monat, umgerechnet acht Euro. Die Blockadniki-Gruppe kümmert sich auch um die soziale Situation ihrer Mitglieder und ermöglicht – mit Unterstützung der Israelitischen Gemeinde – Konzertbesuche und Ausflüge.

„Wir sind zufrieden und dankbar“, betonen die Feldmans. Dankbar auch dafür, inzwischen eine mehr als 70 Jahre währende Zeit des Friedens erlebt zu haben. Nie seien sie persönlich in Deutschland mit Antisemitismus konfrontiert gewesen. In Stuttgart gefällt ihnen vor allem das Theater, die Oper, das Konzertangebot: „Die Säle sind immer voll!“

Zum Jahrestag der Befreiung Leningrads werden sich die Blockadniki wieder treffen, über ihre Erinnerungen, ihre Familiengeschichten sprechen – das innere Gepäck, mit dem sie zu einem neuen Leben in Deutschland aufgebrochen sind. Gäbe es für Stuttgart ein „Echolot“-Projekt im Sinne Walter Kempowskis, ein kollektives Erinnerungsbuch der Kriegsjahre: Die Erzählungen der Blockadniki wären darin eine wichtige Stimme.

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