Ungeachtet aller Empörung von Freund und Feind über seine sozialistischen Theorien legt Juso-Chef Kevin Kühnert nach: Ernst gemeint habe er seine Aussagen. So unsinnig, wie viele meinen, ist sein antikapitalisches Plädoyer in der Tat nicht.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Die Aufregung um seine sozialistischen Thesen reicht bis ins Hysterische. Viele sind verschreckt, als wolle Juso-Chef Kevin Kühnert die deutsche Industrie in naher Zukunft verstaatlichen. Auch Parteigenossen gehen reflexhaft auf Distanz, weil sie die Welle der medialen Empörung, die nun wieder mal über sie hinweg schwappt, fürchten. Der 29-Jährige hingegen lässt sich von den Reaktionen nicht schrecken, sondern legt vielmehr nach. „Ich habe das sehr ernst gemeint, was ich formuliert habe“, sagte er dem „Spiegel“. So weltfremd seine Ideen momentan auch erscheinen mögen – es gibt Gründe, die für seine Kapitalismus-Kritik sprechen.

 

Kühnert hebt sich ab vom Genossen-Mainstream

„Die empörten Reaktionen zeigen doch, wie eng mittlerweile die Grenzen des Vorstellbaren geworden sind“, sagt Kühnert. „Da haben 25 Jahre neoliberaler Beschallung ganz klar ihre Spuren hinterlassen.“ Dies gilt sicher auch für seine Partei, die seit den Zeiten Gerhard Schröders immer mehr in die Mitte gewandert ist. Verwechselbar sind CDU und SPD geworden, so sehr haben sie sich angenähert. Dies war eine Voraussetzung dafür, dass sich an den Rändern mit AfD und Linkspartei neue Parteien etablieren konnten. Das linke Profil wieder zu schärfen, kann der SPD im politischen Wettbewerb daher nur gut tun. Insofern traut sich Kühnert was – er provoziert als Juso-Chef. Das darf er auch, seine Vorgängerinnen und Vorgänger haben dies ebenso gemacht.

Kühnert spricht junge Wählerschichten an

Kevin Kühnert ist Chef der SPD-Jugendorganisation – der Jungen Sozialisten also – und hat daher naturgemäß eine junge und eher linke Klientel im Blick. Die jungen Menschen hierzulande haben Lust auf eine Politik abseits der ausgetretenen Pfade, wie auch die „Fridays for future“-Bewegung zeigt – Lust auf zukunftsträchtige Konzepte, die mehr Miteinander und weniger Gegeneinander auf dieser Welt ermöglichen. Die Jugend mit anderen politischen Ideen zu begeistern, ist Kühnerts Kernaufgabe. Er nimmt sie offensichtlich ernst.

Kühnert trifft den Nerv

Der Juso-Chef will den Kapitalismus zügeln, weil dieser „in viel zu viele Lebensbereiche“ vorgedrungen sei. „So können wir auf keinen Fall weitermachen“, sagt der Juso-Chef. Nun ist der Kapitalismus die tragende Säule unseres Wohlstands – es wird sich hierzulande wohl niemals eine Mehrheit dafür finden, ihn zu beseitigen. Doch spricht Kühnert mit der ungerechten Verteilung des Wohlstands eine zentrale Frage an. In Deutschland ist das Vermögen deutlich ungleicher verteilt als in anderen Industrienationen, stellt etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest. Die ärmsten 60 Prozent kommen demnach lediglich auf sechs Prozent des gesamten Vermögens – und die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen über etwa 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens.

Der ärmere Teil der Bevölkerung profitiert zwar vom Wachstum, fällt aber bei der Verteilung des Wohlstandsgewinns weiter zurück. Trotz des Wirtschaftsbooms wächst das Armutsrisiko. Die Steuerpolitik und die Entwicklung an den Börsen tragen immer mehr zur Steigerung der leistungslosen Einkommen bei den Wohlhabenden bei. Die BMW-Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt etwa bekommen jährlich mehr als eine Milliarde an Dividende ausgezahlt – gut drei Millionen pro Tag. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche wird bald eine Betriebsrente von mehr als 4200 Euro täglich erhalten. Die Manager scheinen somit weiterhin völlig entrückt von der Arbeiterbasis. Derweil führt der hohe Anteil atypischer Beschäftigung mit Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs oder befristeten Beschäftigungsverhältnissen dazu, dass die Mittel- und Unterschicht bei der Einkommensverteilung stagnieren. Das heißt: Wer arbeitet, steigert nicht unbedingt seinen Wohlstand. Arbeit und Kapital stehen, so gesehen, im Widerspruch. Auch das Missverhältnis der Gehälter zwischen Vorstandsvorsitzenden und dem einfachen Beschäftigten hat sich nicht wirklich gebessert. Somit muss eine Gesellschaft, die nach Gleichheit und Gerechtigkeit strebt, auch über eine Verbesserung ihres Wirtschaftsmodells nachdenken können.

Kühnert führt eine Theoriedebatte

Der Juso-Chef hat sich von der „Zeit“ in eine Theoriedebatte über den Sozialismus verwickeln lassen. Über Gesellschaftsutopien zu reden, muss möglich sein. Daraus leitet er mitnichten konkrete politische Forderungen ab, wie nun vielfach behauptet wird. Dreimal zudem versuchen die Interviewer, Kühnert auf die BMW-Fährte zu locken – lediglich einmal nimmt er den Ball auf, als er sich für eine „Kollektivierung“ von Unternehmen wie BMW ausspricht. Er hätte genauso gut andere Firmen nennen können. Sein Ziel ist eine „demokratische Kontrolle darüber, wie wir arbeiten und was wir produzieren“. Was er genau meint, bleibt offen. So bewegt er sich an etlichen Stellen im Vagen und Widersprüchlichen – auch dies spricht gegen ein ausgegorenes politisches Konzept. Dass es eine sozialistische Ordnung, wie sie ihm vorschwebt, in „staatlich gegossener Form“ noch nicht gegeben hat, erklärt er mit dem „eklatanten Mangel an demokratischer Mitbestimmung“. Dass die Realität somit anders aussieht als in seinem Gedankengebäude, weiß auch Kevin Kühnert.