Juso-Chef Kevin Kühnert Hoffnungsträger frustrierter Sozialdemokraten

Von Jan Dörner 

Der Einfluss von Juso-Chef Kevin Kühnert in der SPD ist bereits groß. Nun will der 30-Jährige in den Parteivorstand aufsteigen. Kühnert und die Partei stehen vor entscheidenden Wochen.

Juso-Chef Kevin Kühnert gilt als größtes Talent der SPD. Foto: Michael Kappeler/dpa/Michael Kappeler
Juso-Chef Kevin Kühnert gilt als größtes Talent der SPD. Foto: Michael Kappeler/dpa/Michael Kappeler

Berlin - Ein Hinterhof im Berliner Westen an einem Abend der vergangenen Woche: Eine Kommunikationsagentur hat zu einer Diskussion über Veränderung eingeladen. Gemeinsam biegen Lars Klingbeil und Kevin Kühnert um die Ecke, beide sollen zu dem Thema sprechen. SPD-Generalsekretär Klingbeil ist als Erster an der Reihe, Juso-Chef Kühnert hat sich ein Bier aus dem mannshohen Kühlschrank genommen und hört zu. Klingbeil erzählt von dem turbulenten Beginn seiner Amtszeit nach der letzten Bundestagswahl. Die ausgezehrte SPD wollte in die Opposition, dann platzten die Jamaika-Gespräche, und die Sozialdemokraten stritten erbittert, ob sie noch einmal in eine große Koalition gehen. „Hätte Kevin seinen Job richtig gemacht, wäre mir vieles erspart geblieben“, scherzt Klingbeil.

Die damals von Kühnert angeführte „No Groko“-Kampagne der Jungsozialisten erreichte bekanntlich nicht ihr Ziel. Aber sie machte den heute 30-Jährigen zu einem Politstar und zum Hoffnungsträger frustrierter Sozialdemokraten. Zunächst sei auch er davon ausgegangen, dass es zu einer Jamaika-Regierung komme, erinnert sich Kühnert im Gespräch nach der Veranstaltung in dem Berliner Hinterhof. „Die SPD ist also nicht mehr in der Regierung, ich bin Vorsitzender der Jugendorganisation einer Oppositionspartei, und wir freuen uns, wenn mal eine Schülerzeitung anruft und ein Interview haben will.“ Heute ist Kühnert ein Machtfaktor in der SPD mit erheblichem Einfluss auf die Geschicke der Partei.

Lieblingsziel konservativer Verbalattacken

Je öfter der gebürtige Berliner in Interviews die SPD-Führung für ihren Kurs hin zur Union kritisierte, desto größer wurde in der Parteispitze der Respekt vor dem politischen Talent des im November 2017 gewählten Juso-Chefs. Zeitweise schien es, als ob Kühnert der SPD-Führung mit Leichtigkeit den Schneid abkauft. Während sich die Partei im Frühjahr 2019 im Europawahlkampf mit geringem Erfolg um Wählerstimmen mühte, beherrschte der Juso-Chef tagelang die Diskussion, nachdem er in einem Interview zum Thema Sozialismus über die Begrenzung von Wohneigentum und die Kollektivierung von Unternehmen philosophiert hatte.

Aufgrund solcher Thesen ist Kühnert das Lieblingsziel konservativer Widersacher geworden. Dann wird ihm etwa vom Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, vorgehalten, nicht einmal sein Studium abgeschlossen zu haben. Solche Verbalattacken sind für Kevin Kühnert Folge des bei vielen Menschen entstandenen Eindrucks, Union und SPD seien sich zu ähnlich geworden: „Wer als Signal an die eigenen Reihen als Konservativer die SPD abkanzeln will, muss auf die Jusos und mich zielen, weil der Kontrast da am stärksten sichtbar ist.“

Den SPD-Vorsitz traute Kühnert sich nicht zu

Derzeit ist Kühnert außer Juso-Vorsitzender lediglich Mitglied im Bezirksparlament Tempelhof-Schöneberg. Dennoch fiel umgehend auch sein Name, als Andrea Nahles im Juni als SPD-Vorsitzende zurücktrat und sich die Partei auf die Suche nach einer neuen Führung machte. Kühnert dachte im Sommer mehrere Wochen über eine Kandidatur nach. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich dagegen entscheide, ist dann mit jedem Tag größer geworden.“ Kühnert ging nicht ins Rennen.

Auf dem Parteitag im Dezember will er aber für den Parteivorstand kandidieren. „Ich kann ja nicht zwei Jahre von morgens bis abends Haltungsnoten vergeben und dann sagen, ich traue mich nicht, für ein Amt in der Parteispitze anzutreten“, begründet Kühnert den Schritt. Wahrscheinlich ist, dass er sich auf einen Posten als Vizevorsitzender bewirbt.

Drei Siege für den Juso-Chef?

Die kommenden Tage dürften also zeigen, wie weit Kühnerts Einfluss in der Partei reicht. Auf dem am Freitag beginnenden Juso-Bundeskongress in Schwerin stellt sich Kühnert zunächst als Juso-Chef zur Wiederwahl. Am Wochenende danach endet die Stichwahl im Duell um den SPD-Vorsitz. Unter Kühnerts Führung stellte sich der Parteinachwuchs gegen das Duo aus Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Gey­witz und trommelte für die Wahl der Groko-Kritiker Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Wiederum eine Woche später findet dann der SPD-Parteitag in Berlin statt. Am Ende dieser drei Wochen kann Kevin Kühnert möglicherweise drei Siege verbuchen.