InterviewJutta Schiller zum Wahlkrimi bei den Grünen Der Liebesentzug durch die eigenen Leute

Politik/ Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)
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Im ersten Moment kann einem die eigene Partei doch gestohlen bleiben, oder?
Im ersten Moment schießt einem schon vieles durch den Kopf. Aber ich mache seit 1993 Parteiarbeit. Da gab es immer wieder Situationen, in denen ich gedacht habe, ich mag nicht mehr. Wenn einem die Bürger die Gefolgschaft verweigern, dann hat man oft überhaupt keinen Einfluss drauf gehabt. So war das 2011 mit Fukushima, als die Umfragewerte vorher ganz anders waren als das Wahlergebnis.
Aber jetzt war es ein gewisser Liebesentzug durch die eigenen Leute.
Ja, es gibt nicht umsonst diesen Spruch Freund, Feind, Todfeind, Parteifreund. Vieles, was ich danach erfahren habe, hätte ich mir vorher nicht träumen lassen.
Nämlich?
Naja, wie bestimmte Leute agiert haben, die ich seit unglaublich vielen Jahren kenne, mit denen ich viel zusammen gemacht und erreicht habe, und bei denen klar wird, dass sie meine Arbeit nicht schätzen. Ich habe wie jeder Abgeordnete eine 60-Stunden-Woche. Ich gebe körperlich und geistig alles und dann wird es nicht anerkannt. Das tut unglaublich weh.
Herr Fritz fand, dass aus bestimmten Kreisen Stimmung gegen ihn gemacht wurde. Haben Sie das auch erlebt?
Nicht so direkt. Bei mir lief das hintenrum. Nur ganz wenige sind zu mir gekommen und haben offen gesagt: Du bist nicht diejenige, die meine Einstellungen vertritt. Damit kommt man viel besser klar, weil man dann selbst entscheiden kann: ich ändere mich oder ich gehe meinen Weg weiter.
Sie sind als Sozialpolitikerin vielen in der CDU zu links gewesen.
Ich bin ganz erstaunt, wie das ablief. Natürlich bin ich sozialpolitisch engagiert. Ich bin aber von Beruf Bankfachwirtin. Aber viele Dinge bin ich überhaupt nicht gefragt worden. Es wäre der ein oder andere vielleicht erstaunt gewesen, dass ich gar nicht für die Frauenquote bin. Aber ich wurde einfach in eine Schublade gesteckt.
Hat Ihnen Ihr Engagement in der Behindertenarbeit also sogar geschadet?
Es wurde mir jedenfalls in dieser Nominierung nicht honoriert. Aber wenn jemand in einer christlich orientierten Partei Sozialpolitik macht, kann das doch eigentlich nicht schlecht sein.
Wie schwer ist es, sich nach so einer Niederlage noch für das Amt zu motivieren?
Am Anfang war das für mich ganz arg schwierig, weil da jede Form von Gefühlen durch den Kopf schießt. Das muss man klar bekennen. Aber ich habe relativ schnell für mich gesagt: Ich bin hier Abgeordnete bis zum 30. April 2016, wenn die Legislatur endet, und ich mache so lange meine Arbeit. Eins ist aber auch klar: Ich werde keinen Wahlkampf machen. Die Leute wären ja völlig irritiert. Nein, das muss der Kandidat machen. Alles andere wäre völlig absurd.
Haben Sie die Niederlage verkraftet?
Ich konnte mich fangen, als ich gewusst habe, wie es bei mir beruflich weiter geht.
Was werden Sie tun?
Ich gehe zurück in die Wirtschaft. Was das genau sein wird, möchte ich noch nicht sagen, aber ich freue mich drauf.
Und was raten Sie Herrn Fritz nun für die nächsten Tage?
Koffer packen und ab in den Urlaub! Ich konnte das damals nicht. Ich habe mir aber am folgenden Sonntag einen Badetag in Sinsheim gegönnt.




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