Kabarettfestival „Immer noch besser als arbeiten“

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Der jonglierende Scherzbold Timo Wupp gewinnt im Renitenztheater den Goldenen Besen. Die Moderation übernahm ein gebürtiger Schwabe.

  Foto: Veranstalter
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Stuttgart - Kennt - jemand Timo Wopp? Nein? Das wird sich womöglich ändern. Der jonglierende Kabarettist aus Berlin hat im Renitenztheater den Goldenen Stuttgarter Besen 2012 gewonnen. Laut dem Juryvorsitzenden Ottfried Fischer „kreuzt er die Formen und Themen des Kabaretts zu nie da gewesenen Kunstwesen und jongliert so virtuos, dass einem schwindlig wird“.

Als der Schauspieler und Kabarettist diese Einschätzung bekanntgibt, hängt das Publikum nicht nur ob einer vierstündigen Durchhalteübung mit acht Kandidaten in den Seilen, sondern es hat sich von Fernsehkameras so frech umschwirren lassen müssen, hat einzelne Einstellungen wiederholen und überall bei allem so willig mitmachen müssen, dass es am Ende dann doch sehr ermüdend geworden ist. Immerhin ist der Preis Stuttgarter Besen der Kabarettpreis des Renitenztheaters der Stadt Stuttgart und ist als eine öffentliche TV-Aufzeichnung des SWR angekündigt. Am Ende hätte nur noch gefehlt, dass die gesamte Aufzeichnung wiederholt werden muss, weil die Kameraeinstellungen unbefriedigend waren.

Den Abend präsentierte und moderierte der Kabarettist Christoph Sieber, den das Publikum auch schon bei der Eröffnungsgala vier Tage zuvor hatte kennenlernen dürfen. Dass er ursprünglich aus dem Schwäbischen kommt, machte ihm den Job einfacher und ließ eine gewisse sprachliche Verbundenheit entstehen. In seiner Eröffnung ließ er sich zu der Erinnerung an seine Schulzeit hinreißen, in der gewisse hochbeliebte Schüler nachts ins Rektorat eindrangen, um dort in eine amtliche Schublade Fäkalien abzuladen.

„Wer den Kopf hängen lässt, der sieht weniger“

Nun, so inkorrekt war Sieber mit seinen Moderationen nicht. Zwischendurch gab’s kurze Talks mit den Wettbewerbsteilnehmern, bei denen er jeden der kabarettistischen Kombattanten fragte, wieso ausgerechnet er den Wettbewerb zu gewinnen gedenke. Wopp hat geantwortet: „Weil ich die anderen alle nicht abkann. Dabei habe ich versucht, ihnen Beine zu stellen.“ Nein, so war’s natürlich nicht gemeint. Edel war der Wettstreit, in dem Wopp bei seinem Kurzauftritt eine sehr kunstfertige Jonglage mit drei Bällen in seinen Vortrag eingebaut hatte. Sie vermischte das Hinhören und Hinschauen auf das Erfreulichste und verblüffte in ihrer Kombination jeden im voll besetzten Saal. „Ich habe mal versucht, die Umfragewerte der FDP als Jongliertechnik umzusetzen. Die machen’s einem aber auch leicht“.

Sprach’s und hantierte geschwind so anschaulich mit seinen Bällen, dass ihm das so leicht niemand hätte nachmachen wollen. Am Schluss seines Auftritts dann ein paar Merk- und Denksprüche, die hängenbleiben: „Wer den Kopf hängen lässt, der sieht weniger. Das fleißige Eichhörnchen scheut den Winter nicht. Am Ende hat es auch die Schnecke in die Arche geschafft. Und denkt daran, Amateure haben die Arche gebaut, Profis die Titanic.“ Jawohl, das leuchtet ein. Und ganz am Ende hat er die Erkenntnis des Augenblicks mit der des Allgemeinen verknüpft: „Ich bin gerade ganz gerührt von mir. Ganz ehrlich: immer noch besser als arbeiten.“ Ach ja, wer über solch Kabarettistenhandwerk verfügt, dessen Besen muss golden sein.

Zweiter und Davonträger des Silbernen Besens wurde „der polternde Philosoph und wütende Feingeist“ Till Reiners. Der junge Berliner kommt ursprünglich aus der Slam-Poetry-Szene und blieb gleich zu Anfang seines gelegentlich im bizarr Tiefsinnigen bohrenden Vortrags an Donuts hängen. „Früher waren die nicht platt gedrückt, hatten kein Loch in der Mitte und hießen Berliner.“ Das imaginäre Loch in der Mitte der Welt mochte er immer wieder witzig zu benennen: eine gute Wahl.

Ein besonderes Hobby: „Polizisten so lange angucken, bis die weggucken.“

Oder Abdelkarim, der Ostwestfale mit marokkanischen Wurzeln, der den im Wettbewerb immer wieder als bronze­farben benannten und in Wirklichkeit hölzernen Besen als dritten Platz des Wettbewerbs mit cooler Gelassenheit und eindrucksvoller körperlicher Präsenz erstritt. „Ich habe mich im Vergleich zu meinem ­Vater stark weiterentwickelt. Mein Vater ist Gastarbeiter. Ich bin nur noch Gast.“ Und er hat den Gesellschaftsteilnehmerführerschein, wie Abdelkarim betonte. Sein Freund Ali habe ein besonderes Hobby: „Polizisten so lange angucken, bis die weggucken“. Jawohl, das ist den hölzernen bronzenen Besen als dritten Platz wert.

Den per Beifallsmessgerät bestimmten Publikumspreis trug der aus Schwaben stammende Hanseat Michael Krebs davon, der am Piano wirbelte und zusammen mit Joachim Zawischka, Martin Zingsheim, Ingo Börchers und der Berliner Gesangsformation Vocal Recall einen unterhaltsamen Wettbewerb lieferte, in dem sich die Jury – mit dem StZ-Autor Ruprecht Skasa-Weiß als Mitglied – zwischen Äpfeln und Birnen zu entscheiden hatte.

Trotz aller Sparmaßnahmen soll der Wettbewerb auch nächstes Jahr ausgetragen werden – Kabarett als haltbar günstiges Lebensmittel.