Kabarettistin Maren Kroymann Ein etwas anderes Loblied auf die Alten

Maren Kroymann als Femen-Aktivistin Foto: Radio Bremen
Maren Kroymann als Femen-Aktivistin Foto: Radio Bremen

Bissig, böse und herrlich politisch inkorrekt: Mit der Sketch-Comedy „Kroymann“ feiert Maren Kroymann nach zwanzig Jahren ein fulminantes Comeback als TV-Satirikerin.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)
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Stuttgart - Als Schauspielerin ist Maren Kroymann in der kommenden Woche gleich zweimal zur besten Sendezeit auf dem Bildschirm präsent: Sowohl in dem ZDF-Film „Zweimal lebenslänglich“ (13. März) als auch in dem ARD-Drama „Ich will (k)ein Kind von dir“ (17. März) verkörpert sie eine ältere Mutter, deren erwachsene Kinder Probleme haben. Das Leben einer Schauspielerin lasse sich in drei Phasen unterteilen, klärt Maren Kroymann in ihrer neuen Satire-Sendung „Kroymann“ ihre Psychologin auf: „Erstens Geliebte, zweitens reizlose Ehefrau oder frustrierte Ex, drittens Oma oder Bond-Bösewicht.“ Und sie, die Schauspielerin Kroymann, sei eben längst in Phase drei angekommen. Für Männer gelte das Modell freilich nicht.

Da ist sie also wieder, die Kabarettistin Kroymann, die milde lächelnd dem Fernsehzuschauer eine bittere Pille über zementierte Geschlechterrollen und -ungerechtigkeiten verabreicht. „Kroymann“ hat an diesem Donnerstag in der ARD Premiere – und stellt für die 67-Jährige nach zwanzig Jahren Abstinenz (von einzelnen Auftritten in Sendungen von Kollegen abgesehen) ein fulminantes Comeback als TV-Satirikerin dar.

Von 1993 bis 1997 setzte die Schauspielerin, Musikerin und Humoristin, die als Akademikertochter in Tübingen groß wurde und in Serien wie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ und „Vera Wesskamp“ Erfolge feierte, als „Nachtschwester Kroymann“ in der ARD ihre giftigen Satirespritzen, anstatt Händchen zu halten. Damals erzählte sie Menstruations- und Bindenwitze, diagnostizierte bei Nina Ruge einen „Vulvamund“ oder ließ ihre Krankenschwester zum Chef sagen: „Sie gehören mal wieder so richtig durchgefickt.“

Ihr Paradethema: die tradierten Geschlechterrollen

Böse Witze unter der Gürtellinie von einer Frau auf Kosten von Männern – das war damals alles andere als TV-konform, wurde aber vom Publikum mit guten Einschaltquoten belohnt. Doch die ARD-Oberen verließ nach vier Jahren der Mut: Die „Nachtschwester“ musste dem Talk von ­Sabine Christiansen weichen. „Ich war denen einfach zu unbequem, zu anstrengend“, diagnostiziert Maren Kroymann heute. Sie habe danach zwei Jahre lang versucht, mit einem satirischen Format im TV zu landen – vergeblich. Also habe sie ihre Satire-Ader in Bühnenprogamme wie „Gebrauchte­ Lieder“ oder „In my Sixties“ gepackt, mit denen sie erfolgreich tourt.

Inzwischen sei der ARD wohl aufgegangen, dass sie in Sachen weiblicher Komik im Rückstand sei, mutmaßt Kroymann; die TV-Präsenz von erfolgreichen Komikerinnen wie Cordula Stratmann, Anke Engelke, Martina Hill oder Carolin Kebekus komme nun auch ihr zugute. Dabei sei es gar nicht ihre Idee gewesen, eine neue Sendung zu machen, „ich hatte damit abgeschlossen“.

Sie hatte bei Radio Bremen angefragt, einige „Nachtschwester“-Folgen zu wiederholen, um eine ­geplante DVD-Ausgabe zu ­bewerben. Die Redakteurin ­Annette Strelow packte die Gelegenheit beim Schopf – und schlug der Grande Dame des deutschen Humors eine eigene Sendung vor. Bislang ist nur eine Ausgabe geplant, doch „wenn es weiterginge, das hätte was“, zeigt sie sich vorsichtig.

Nach wie vor ist ihre Stoßrichtung feministisch: Die tradierten Geschlechterrollen, Diskriminierung von Minderheiten, Homosexualität sind die Paradethemen der Wahlberlinerin, die sich 1993 im „Stern“ als lesbisch outete. Damals wie heute gilt: Sie traut sich was, sie kann richtig ätzend sein und herrlich politisch inkorrekt. In einem der rund Dutzend Sketche liefern sich zwei ­Bewerber um einen Vorstandsposten einen Wettstreit: Wer kann die meisten „Behinderungen“ vorweisen und hat deshalb die besten Chancen auf den Job: die reife Businessfrau, die auch noch lesbisch und afroamerikanisch ist, oder der Querschnittsgelähmte, der beim Bewerbungsgespräch zum ­Islam konvertiert und dessen Großvater Jude war?

Mit einem Disco-Satire-Song die Jungen aufrütteln

Zwischendurch ist sie auch mal zahmer, etwa wenn sie sich über die Ununterscheidbarkeit der Parteien mokiert oder Erika Steinbachs Schwulenfeindlichkeit parodiert. So verspielt wie gemein nimmt sie Oben-ohne-Provokationen von Femen-Aktivistinnen aufs Korn und setzt dabei ihr Alter als Waffe ein. Den roten Faden durch die 30-minütige Sketch-Comedy bilden die Sequenzen, in denen die „Patientin“ Kroymann sich von Dr. Helene Deutsch, gespielt von Annette Frier, therapieren lässt – ­wegen des Drucks, den ihre neue Sendung mit sich bringe. „Da haben Sie natürlich Angst, weil Frauen von Natur aus nicht lustig sind“, zeigt sich die Psychologin verständnisvoll und verrät, dass sämtliche deutschen TV-Komikerinnen bei ihr auf der Couch liegen.

Neben einer fabelhaften Annette Frier spielen etwa Burghart Klaußner, Arved Birnbaum und die Komikerin Cordula Stratmann an Kroymanns Seite. Es sei ihr wichtig gewesen, nicht die üblichen Comedy-Gesichter zu präsentieren. Als Koautor stand, wie schon damals bei „Nachtschwester Kroymann“, der ehemalige „Titanic“-Chefredakteur und Kolumnist Hans Zippert zur Verfügung. Produziert wurde die Sendung von der Kölner Firma bild und tonfabrik, die auch Jan Böhmermanns Grimme-Preis-gekröntes „Neo Magazin ­Royale“ verantwortet.

Die Fans der Sängerin Maren Kroymann kommen im letzten Sketch voll auf ihre Kosten, der als fetziges Musikvideo daherkommt – und bereits vor der TV-Ausstrahlung mit fast 800 000 Aufrufen im Netz ein viraler Hit ist. Kroymann zeigt darin den Jungen und ihren Idealen von Toleranz und Demokratie die lange Nase und macht „Oma und Opa“ verantwortlich für Brexit, Trump, AfD & Co.: „Ihr wollt was verändern, doch die Welt gehört den Rentnern“, singt sie zum Discobeat, um die Jungen aufzurütteln und zum Wählen zu motivieren. Den Generationenkonflikt zuzuspitzen und die ­Alten zu attackieren, schrill und schräg: Das hat was. Kroymann mag auf die Siebzig zugehen – was ihre Schärfe, ihren Mut ­angeht, steht sie Jüngeren in nichts nach. Vielleicht wagt es ja der eine oder andere Regisseur, bei der Besetzung seines nächsten TV-Dramas ihr mal was anderes als die Mutterrolle anzubieten.




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