Kabarettistin Sabine Essinger „Schwertgosch isch doch ein Kompliment“
Die Mundart taugt nicht nur für Humor, sagt die Kabarettistin Sabine Essinger. Aber das heißt nicht, dass es bei ihr nichts zu lachen gäbe.
Die Mundart taugt nicht nur für Humor, sagt die Kabarettistin Sabine Essinger. Aber das heißt nicht, dass es bei ihr nichts zu lachen gäbe.
„Fifteen Shades of Fleischles“ heißt das Programm von Sabine Essinger, in dem sie 15 Frauentypen auf die Bühne holt, die außer dem Nachnamen Fleischle wenig gemeinsam haben. An diesem Dienstag, 7. Juni, 20 Uhr, gastiert die Kabarettistin im Stuttgarter Renitenztheater.
Frau Essinger, lassen Sie uns über den schwäbischen Ausdruck Schwertgosch schwätzen. Wie viele Ihrer Bühnenfiguren würden Sie als Schwertgosch bezeichnen?
Von meinen 15 Figuren ist eigentlich keine auf den Mund gefallen. Auf sieben würde wohl das Attribut Schwertgosch zutreffen.
Ist der Ausdruck für Sie positiv oder negativ besetzt?
Für mich ist Schwertgosch eher ein Kompliment. Eine Schwertgosch ist eine Frau, die sich nichts bieten lässt. Aber manche kriegen das auch in den falschen Hals. Ich habe mal einen Seniorenchor geleitet, da war eine ganz toughe Frau dabei, zu der habe ich gesagt: „Also Frau Soundso, ich mag Sie ganz arg. Sie haben so eine richtig schöne Schwertgosch.“ Daraufhin kam sie nicht mehr, und mir wurde zugetragen, dass sie beleidigt sei. Für mich ist eine Schwertgosch eine starke Frau, die auch mal austeilen kann.
15 Frauen kommen in Ihrem Programm zu Wort?
Genau, deshalb heißt es ja auch „Fifteen Shades of Fleischles“.
Und alle hören sie auf den hübschen Nachnamen Fleischle.
Und sie kommen allesamt aus dem fiktiven Metzelingen. Dort gibt es 500 Einwohner und nur zwei Familiennamen, Fleischle und Wurst. Ich dachte, es müsse ein Ort sein, der was mit Fleisch zu tun hat, also nach Metzelsupp klingt . . .
Kann man in Zeiten, in denen Veganer auf dem Vormarsch sind, mit Fleischle punkten? Oder zielen Sie nur auf älteres Publikum ab?
Ich ziele nicht ab, aber sie kommen. Mein Publikum ist Ü 50. Aber wenn jemand sein Enkele mitschleppt, dann ist das total begeistert. Doch freiwillig würden die Jungen kaum kommen. Schwäbisches Kabarett hat halt immer noch ein Gschmäckle. Kommt hinzu, dass die Jungen auch kein Schwäbisch mehr schwätzen, aber es immerhin noch verstehen.
Ist das selbst bei Ihnen in Besigheim-Ottmarsheim so?
Klar wird hier noch mehr Dialekt gesprochen als etwa in Stuttgart. Aber insgesamt tut sich die Mundart schwer. Deshalb wollen wir mit unserem Verein Schwäbische Mund.art den Dialekt auch wieder salonfähig machen und gehen dazu etwa auch an Schulen. Unsere Vorstände Pius Jauch und Wolfgang Wutz sind da gefragte Leute, die werden schon auch mal von Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehört.
Hämische Frage: Ist ein Dialekt nicht schon tot, wenn man einen Verein braucht, um ihn wiederzubeleben?
Glaube ich nicht. Dann dürfte es ja überhaupt keine inhaltlich ausgerichteten Vereine geben, und man müsste alle Akkordeonvereine einstellen. Außerdem setzen wir uns nicht nur für den Dialekt sein, wir sammeln unter unserm Dach auch schwäbische Mundartkünstler unterschiedlicher Kunstrichtungen. Letztendlich geht es uns darum, den Dialekt positiv darzustellen.
Weg vom Viertelesschlotzer-Image?
Und vom Mundarttheater und der Fasnet, was alles auch seine Berechtigung hat. Aber Schwäbisch muss nicht zwangsläufig nur im humoristischen und tümeligen Zusammenhang vorkommen. Es gibt durchaus ernst zu nehmende literarische Mundarttexte.
Beim SWR können sie alles, aber kaum Schwäbisch, zumindest, was die Stuttgart-„Tatorte“ angeht.
Das ist bei den anderen SWR-„Tatorten“ nicht anders. Da gibt es lauter Schriftsprachler und ein, zwei Dialektsprecher – in Nebenrollen. Insofern scheint mir die Schauspielerin Bärbel Stolz als Sibylle Beyer in „Soko Stuttgart“ eine rühmliche Ausnahme zu sein. Sie spricht astreines Stuttgarter Schwäbisch. Ich habe den Eindruck, dass die Figur sich emanzipiert hat.
Woran liegt es, dass die Bayern mit dem Dialekt in den Medien besser umgehen?
Die sind selbstbewusster. Der Schwabe hat sich immer schon kleingemacht – und sich auch lächerlich machen lassen. Hinzu kommt der Pietismus, der im Kleinmachen ja Experte ist. Das ist schade. Als Schauspielerin habe ich schon oft festgestellt, dass einem die Mundart viel flüssiger von den Lippen geht. Als ich in TV-Produktionen wie „Der doppelte Eugen“ oder „Oh Gott, Frau Pfarrer“ mitspielte, habe ich mich anfangs an das hochdeutsche Skript gehalten. Bis mir meine Kollegen gesagt haben: „Du musst dir den Text mundgerecht machen und darfst ihn gern umschreiben.“
Zurück zu den Fleischles. Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Die Berta und das Baby, zwei Figuren, die von Anfang an dabei sind. Eigentlich bin ich durchs Singen zum Kabarett gekommen. Ich war in einem Uni-Chor, und wir haben für einen Auftritt eine Conférence gebraucht. Mach du das, hieß es, du hast doch eine Schlabbergosch.
Nicht Schwertgosch?
Nein, Schlabbergosch. Da habe ich die Berta erfunden. Und weil die so eingeschlagen hat, musste ich mehr Texte schreiben. Plötzlich war ich Kabarettistin. Ich wusste zwar nicht, was das ist, aber ich habe es gemacht.
Als Sie etliche Jahrzehnte mit der Neuen Museumsgesellschaft aufgetreten sind, hatte die Berta den Erich, dargestellt von Volker Körner. Fehlt der?
Der ist ja irgendwie schon noch da. Wenn ich die Figur brauche, hole ich sie mir als gedachten Gegenpart auf die Bühne. Aber da der Erich nicht real vorhanden ist, schwätzt er mir net nei. Kann ich nur empfehlen: Männer, die nicht wirklich da sind, sind extrem pflegeleicht.
Sabine Essinger
wird 1957 in Stuttgart geboren. Sie wächst im Stuttgarter Westen auf, macht am Mörike-Gymnasium Abitur und studiert an der Uni Stuttgart Deutsch und Französisch fürs Lehramt. Nach dem Staatsexamen steigt sie beim Mundartkabarett Neue Museumsgesellschaft ein, dem sie bis zur Auflösung 30 Jahre lang die Treue hält. 1982 gewinnt Essinger den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Nebenbei ist sie bei Soloauftritten zu sehen und schreibt elf Jahre lang Texte für die Hörfunksatire „Blitzableiter“, die sie selbst vorträgt. Zusammen mit Pius Jauch ist sie stellvertretende Vorsitzende beim Verein Schwäbische Mund.art. Die Vorlage für ihre Kunstfigur Berta Fleischle sei ihre Mutter gewesen, die im vergangenen Jahr mit 93 verstarb, sagt Sabine Essinger. „Meiner Mutter habe ich das nie gesagt, obwohl sie damit kein Problem gehabt hätte.“