Gerhard Hinke ist ganz schön geladen. Der Rentner, der in einer betreuten Wohnanlage in Grafenau lebt, hat eben die Mitarbeiterin seines Kabelanbieters am Telefon gehabt. „Die war schwer von Begriff“, schimpft er, nachdem die Vodafone-Servicedame das Gespräch einfach beendet habe. Hintergrund von Hinkes Anruf war der Wegfall des Nebenkostenprivilegs. So nennt man die Umlage der Kabel-TV-Gebühren auf alle Bewohner eines Mehrfamilienhauses über die Nebenkostenabrechnung.
Selbst ist der Mieter
Mancher Mieter zahlte wegen dieser über Hauseigner abgeschlossenen Doppelverträge doppelt, weil er den gemeinschaftlichen Kabelanschluss gar nicht nutzte und sein TV-Programm stattdessen über das Internet bezog. Ende 2021 strich die Bundesregierung die Kabelgebühren aus den Nebenkosten. Das hat Konsequenzen: Anbieter können nach Ablauf einer Übergangsfrist ab 1. Juli den Anschluss nicht mehr über die Mietnebenkosten abrechnen. Kunden dürfen frei wählen, über wen sie künftig ihr TV-Programm empfangen wollen.
Kabelnetzbetreiber fürchten um ihre bisherigen Zwangskunden
Kabelnetzbetreiber müssen jetzt kräftig die Werbetrommel rühren, um ihre Kunden, die sie bislang ganz automatisch hatten, nicht an andere Anbieter wie MagentaTV oder Zatto zu verlieren, die Fernsehen via Internet anbieten. Wer sich beispielsweise entschließt, bei Vodafone zu bleiben, kann über die Homepage einen Vertrag buchen, eine Servicenummer anrufen oder direkt in einen Vodafone-Shop gehen.
Insbesondere ältere Menschen wie Gerhard Hinke, die keinen Internetanschluss haben, bleibt da oft gar nichts anderes übrig, als zu einer Geschäftsstelle zugehen. „Sonst hat man ab 1. Juli einen schwarzen Bildschirm“, sagt der Senior, der findet, dass man über dieses Thema viel mehr und offensiver informieren müsste. „Dann würden die Leute vor den Läden Schlange stehen“, ist er überzeugt.
Ganz so schlimm ist das beim Vodafone-Shop in den Böblinger Mercaden noch nicht. Ein Mitarbeiter bestätigt aber, dass in letzter Zeit durchaus jeden Tag 20 bis 30 meist ältere Menschen vorbeischauen würden, um bei ihm einen eigenen Kabel-TV-Vertrag abzuschließen. „Das geht ganz unkompliziert. Für die Kunden ändert sich ja im Prinzip nichts“, sagt der Kundenberater.
Als größter deutscher Kabelnetzbetreiber versucht Vodafone seine Kundschaft auf verschiedene Wege dazu zu animieren, aktiv zu werden und einen Einzelvertrag abzuschließen. Dazu zählen laut der Verbraucherzentrale auch so genannte Medienberater, die Mietern teilweise sogar mit der Abschaltung ihres Anschlusses drohen würden. Dabei handelt es sich um Freiberufler, die im Auftrag des Kabelnetzbetreibers unterwegs sind und auf Provisionsbasis bezahlt werden.
Die Verbraucherzentrale empfiehlt in diesem Fall, grundsätzlich niemanden in die Wohnung zu lassen und nichts an der Haustür zu unterschreiben. Auch solle man sich nicht überrumpeln oder einschüchtern lassen. „Niemand wird Ihnen von heute auf morgen den Fernsehanschluss wegnehmen“, versichert die Verbraucherzentrale auf ihrer Homepage.