Kämpfe und Tote Die Zeitbombe Sudan explodiert

Rivalen: Milizenchef Hemeti (links) und Militärchef al-Burhan Foto: AFP/Ashraf Shazly

Die schweren Kämpfe in dem nordafrikanischen Land kommen nicht überraschend. Auch ausländische Regierungen tragen an dem Konflikt ihren Anteil. Zwischen dem Militärchef al-Burhan und Milizenchef Hemeti ist ein Machtkampf entbrannt.

Der Ausbruch schwerer Gefechte im Sudan mag weltweit auf Bestürzung stoßen – für die Bevölkerung der nordostafrikanischen Militärdiktatur kam die Katastrophe allerdings nicht überraschend. In den vergangenen Wochen hatten sich die Spannungen zwischen den beiden Protagonisten, dem Chef der Streitkräfte, Abdel Fattah al-Burhan, und dem Milizenführer Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti), zunehmend verschärft: Prominente Analysten des Landes wie Kholood Khair warnten vor der Gewalteskalation. Die Gründerin der Khartumer Denkfabrik Confluence Advisory orakelte: „Wieder einmal drohen die beiden Generäle, den demokratischen Übergang unseres Landes zu zerstören.“

 

Die Details für eine Zivilregierung wurden auf die Zukunft verschoben

An dem sudanesischen GAU waren ausländische Regierungen jedoch nicht unbeteiligt. Sowohl die von dem deutschen Diplomaten Volker Perthes im Sudan repräsentierten Vereinten Nationen wie die Afrikanische Union und die Arabische Liga hatten die Unterzeichnung des Rahmenvertrags gefeiert, mit dem die Militärs und einige zivilgesellschaftliche Gruppierungen Anfang Dezember die Diktatur der Generäle beenden wollten – obwohl das Abkommen entscheidende Mängel aufwies und von den wichtigen oppositionellen Stadtteilkomitees abgelehnt wurde. Nicht nur, weil Details der zu bildenden Zivilregierung auf die Zukunft verschoben wurden und die Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen seitens der Militärs unberücksichtigt blieb: Vor allem stellte sich die offene Frage des Verhältnisses zwischen Militärchef al-Burhan und Milizenchef Hemeti sowie die Integration ihrer Truppen als Zeitbombe heraus.

Den Uniformträgern wurden nur noch Vetorecht eingeräumt

Al-Burhan sah sich vor den Kopf gestoßen, weil seine Position nicht mehr wie bisher der von Hemeti übergeordnet sein sollte: Die beiden Generäle sollten sich künftig aus der ausschließlich Zivilisten überlassenen Politik heraushalten – den Uniformträgern wurde lediglich noch ein Vetorecht bei umstrittenen Entscheidungen der Regierung eingeräumt. Offenbar war von diesen Bestimmungen vor allem al-Burhans Gönner, Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, erbost. Er ist an den Vorgängen im Sudan besonders interessiert, weil er von einem Demokratisierungsprozess im Nachbarstaat für seine Militärherrschaft nichts Gutes zu erwarten hat.

Al-Sisi schickte im Januar seinen Geheimdienstchef nach Khartum und lud Sudans Militärregierung anschließend zu einer achttägigen Konferenz nach Kairo ein: Berichten zufolge wurde dort ein Prozess ausgeheckt, der die erneute Sabotage der Demokratisierung vorsah – schon im Oktober 2021 hatte al-Burhan einen ersten Öffnungsversuch durch einen Militärputsch beendet.

Wer deshalb in dem heutigen Konflikt den Chef der Streitkräfte als Bösewicht und Hemeti als den guten General sieht, wird von Kholood Khair allerdings eines Schlechteren belehrt. Auch der mit dem Völkermord in Darfur und späteren Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebrachte Milizenführer sei mit unlauteren Absichten in die Verhandlungen gegangen, heißt es: Er wollte seine rund 100 000 Kämpfer erst in zehn Jahren in die Streitkräfte integrieren und rechnete sich von dem Rahmenabkommen offensichtlich Chancen auf eine Wiedergeburt als Politiker und künftiger Staatschef aus.

Die wirtschaftliche Lage im Sudan ist katastrophal

Hemeti überschätze seine Beliebtheit bei der Bevölkerung gewaltig, ist Khair überzeugt. Immer mal wieder schiebt der begüterte Sudanese, der seinen Reichtum unter anderem illegalen Goldgeschäften im Darfur sowie der Verleihung seiner Milizionäre an den saudischen König für dessen Feldzug im Jemen verdankt, der Zentralbank in Khartum einige Hundert Millionen US-Dollar zu, um eine Kernschmelze des sudanesischen Pfunds zu vermeiden. Überhaupt war die katastrophale wirtschaftliche Lage ihrer Heimat die eigentliche Motivation der Generäle, einer kontrollierten Demokratisierung ihres Landes zuzustimmen: Sowohl westliche Sanktionen wie die seit eineinhalb Jahren anhaltenden Proteste der Bevölkerung haben den Zusammenbruch der Volksökonomie nahe gerückt. Schon heute ist mehr als ein Drittel der 45 Millionen Menschen im Sudan auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Das Schlimmste, was jetzt passieren könne, meint Analystin Khair: Dass Sudans Bevölkerung in dem Konflikt der Generäle vom Ausland zu einem „faustischen Pakt“ mit einem der beiden Generäle gezwungen wird. Wer das vermutlich sein wird, ist schon abzusehen: Neben seinen ägyptischen hat al-Burhan auch Freunde in den Arabischen Emiraten, die an den fruchtbaren Ländereien in dem Sahelstaat interessiert sind. Dagegen hat es Hemeti alleine schon wegen seiner Verbindungen zur russischen Söldnertruppe Wagner mit dem Westen verdorben: ganz abgesehen von seiner Beteiligung am Genozid in den Darfur-Provinzen.

Auf der anderen Seite sieht es jedoch kaum besser aus: Längst hat al-Burhan wieder die Verbindung zu den islamistischen Kreisen aufgenommen, die einst den inzwischen inhaftierten Diktator Omar al-Baschir unterstützten. Wie man es auch dreht und wendet: Der Ausgangspunkt der internationalen Gemeinschaft, dass im Sudan ohne die Einbeziehung der Generäle kein Fortschritt erzielt werden kann, muss angesichts der jüngsten Entwicklungen aufgegeben werden. Andernfalls wird der von Militärs ruinierte Staat niemals zur Ruhe kommen.

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