Kafka in Leinfelden: Interview mit Thomas Loibl vor seiner Lesung „Das Regionale ist das Rückgrat unserer Republik“

Der Schauspieler Thomas Loibl arbeitet bei seiner Kafka-Lesung mit seiner Stimme und mit seinem Gesicht. Foto: Veranstalter

Der Schauspieler Thomas Loibl kommt mit seiner Kafka-Lesung nach Leinfelden-Echterdingen. Manchmal verwechsle man ihn mit einem kanadischen Musiker, sagt er. In der Filderhalle werde ihm das aber nicht passieren.

Thomas Loibl liebt Franz Kafka und sagt, dass er nicht zwischen Provinz und Großstadt unterscheide. Im Interview erzählt der gefragte Schauspieler außerdem, dass mit einem bekannten Gesicht auch lustige Begebenheiten passieren können.

 

Herr Loibl, wie stellt man sich das vor, wenn ein Schauspieler und eine Cellistin einen auf Franz Kafkas „Verwandlung“ basierenden Abend in Leinfelden-Echterdingen gestalten?

Die fantastische Erzählung von Franz Kafka ist natürlich die Grundlage. Daraus habe ich eine ungefähr eindreiviertel Stunden dauernde Fassung für diese Lesung erstellt. Ich musste nur das Personal etwas reduzieren. Wir konzentrieren uns auf das Geschwisterpaar Grete und Gregor Samsa und die Eltern. In Kafkas Erzählung spielt Grete gerne Geige, in unserem Fall ist es ein Cello, das Ursina Maria Braun spielt. Wir treten tatsächlich in einen Dialog, als Gerüst dafür dient Musik von Johann Sebastian Bach, im besonderen die Cello Suite Nr. 2. Gleichzeitig treibt Grete in unserer Aufführung Gregor mit Geräuschen und musikalischen Motiven immer weiter vorwärts.

Lesen Sie nur oder spielen Sie auch?

Es ist eine Art szenische Lesung. Es gibt einen Tisch und ein Manuskript, das darauf liegt, auch wenn ich den Text mittlerweile auswendig kann. Es gibt die Musik, die Sprache und mich als Spieler. Ich bin der Erzähler und auch in gewisser Weise die Hauptfigur Gregor Samsa. Ich werde zwar kein Käfer auf der Bühne, keine Angst, aber es wird natürlich in Gestik und Mimik eine Anverwandlung geben.

Warum Kafkas „Verwandlung“ statt beispielsweise eines Krimis oder komödiantischer Stoffe?

Der Anlass ist einfach, dass Kafka ein fantastischer Autor ist. Darüber hinaus ist 2024 ein Kafka-Jahr, nämlich der 100. Todestag. Und ich liebe die großen deutschen Literaten und habe auch zum Beispiel Thomas-Mann-Texte im Repertoire. Die Kraft dieser Sprache ist unfassbar. Nicht umsonst sagte der Literaturnobelpreisträger Vladimir Nabokov, dass Kafkas „Verwandlung“ für ihn der beste deutsche literarische Text ist, den er kannte.

Weshalb reist ein gefragter Theater-, Fernseh- und Filmschauspieler wie Sie überhaupt mit einem Kafka-Leseabend in die Provinz?

Anverwandlung per Lesung: Thomas Loibl liest aus seiner Fassung von Kafkas „Verwandlung“. Foto: Veranstalter/Claudius Schutte

Ich bin mit voller Leidenschaft Schauspieler und komme vom Land – also wenn Sie so wollen aus der Provinz. Da habe ich mit dem Theaterspielen begonnen. Die Form der Lesung ist ein Surrogat von Theater und eine Veranstaltungsform, die man sehr gut terminlich unterbringen kann. Ich unterscheide dabei nicht zwischen Provinz und Großstadt. Das Regionale ist doch mittlerweile das Rückgrat unserer Republik. Außerdem empfinde ich mich nicht als so prominent wie manche andere, die aber auch nach Leinfelden kommen.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, ist Ihr Gesicht aus vielen Fernseh-Produktionen viel prominenter als Ihr Name. Wie geht es Ihnen mit dieser Art von Gesichtsprominenz?

Damit Fernsehzuschauer das Gesicht mit einem Namen verbinden, muss man lange sehr präsent sein Mein Name ist durch das Bayerische auch nicht so irre einprägsam, aber das macht nichts. Wenn ein neuer Film kommt oder im Fernsehen etwas wiederholt wird, merke ich manchmal, dass mich die Leute etwas anders angucken.

Was passiert einem mit einem bekannten Gesicht sonst noch?

Ab und zu werde ich auch verwechselt, weil ich dem tollen kanadischen Musiker Chilly Gonzales ähnlich sehe. Wir könnten tatsächlich fast Brüder sein. Mir wird plötzlich von attraktiven Frauen auf Englisch zugerufen: „I love your music!” Das führt dann auch zu sehr lustigen Szenen, weil man mir dann schon mal nicht glaubt, dass ich nicht Mister Gonzales bin, sondern ein deutscher Schauspieler. Ich habe daher sogar schon Autogramme für ihn geben müssen. Aber in Leinfelden wird mir das wohl nicht passieren. Außer natürlich im Zusammenhang mit unserer Lesung.

Thomas Loibl und seine Lesung

Schauspieler
Thomas Loibl wurde 1969 in Brüggen am Niederrhein geboren und besuchte später die Westfälische Schauspielschule Bochum. Von 1998 bis 2000 war er Ensemblemitglied am Staatstheater Stuttgart, anschließend folgte ein mehrjähriges Engagement am Bayerischen Staatsschauspiel in München, wo er heute noch lebt. Loibl war in mehreren Fernsehserien zu sehen, unter anderem im „Tatort“. Als freier Schauspieler gastiert er seit 2021 auch mit seiner Kafka-Lesung an verschiedenen Orten in Deutschland.

Termin
Thomas Loibl kommt mit seiner Kafka-Lesung „Die Verwandlung“ am 22. November in die Filderhalle in Leinfelden-Echterdingen. Beginn ist um 19 Uhr. Eintrittskarten gibt es für 23 Euro unter www.reservix.de sowie für 25 Euro an der Abendkasse.

Weitere Themen