Krimikolumne

Kai Hensel: „Sonnentau“ Die dritte Frau

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Eine Zeit lang war das vom Erdbeben heimgesuchte Haiti weltweit in den Schlagzeilen. Doch längst hat das mediale Interesse andere Brennpunkte gefunden. Schon allein das ist ein guter Grund, Kai Hensels Haiti-Krimi „Sonnentau“ zu lesen. Es gibt aber noch andere.

Zerstörung, Krankheit, Hoffnungslosigkeit: Kai Hensel zeichnet ein düsteres Bild  Haitis nach dem großen Erdbeben. Foto: dpa
Zerstörung, Krankheit, Hoffnungslosigkeit: Kai Hensel zeichnet ein düsteres Bild Haitis nach dem großen Erdbeben. Foto: dpa

Stuttgart - Ein Krimi, der ein aktuelles Problem aufgreift, eine kernige Handlung hineinpflanzt und dabei den Zeigefinger unten lässt: der ist dem 1965 geborenen Autor Kai Hensel mit seinem „Perseus-Protokoll“ gelungen. Und nun der zweite Streich: „Sonnentau“, wieder mit der Deutsch-Kasachin Maria Brecht in der Hauptrolle.

Unsere Heldin, die im ersten Band noch eine Karriere im diplomatischen Dienst anstrebte, schlägt sich mehr schlecht als recht als Barkeeperin in Berlin durch. Eines Tages taucht ein alter Bekannter auf, der erfolgreiche Arzt Dr. Ahrens, Vater einer Schulfreundin Marias. Seine Tochter Juliane, genannt Jooly, habe für ein Hilfsprojekt im erdbebenverwüsteten Haiti gearbeitet und sei dort bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ahrens bittet Maria, nach Haiti zu reisen, um wenigstens ein Erinnerungsstück an Juliane zu finden. Er bietet ihr Geld. Viel Geld.

Mehr oder weniger lautere Motive

Zur gleichen Zeit reist eine Bremer Politikerin haitianischer Herkunft in humanitärer Mission durch ihr Geburtsland, zur gleichen Zeit kämpfen ein Arzt, ein Priester, ein amtierender, aber machtloser Präsident und eine ganze Reihe anderer Personen ebenfalls mit mehr oder weniger lauteren Motiven um das Wohl des karibischen Landes. Maria, erfolgreich von Ahrens überredet, findet sich vor Ort zusehends in einem Strudel von Ereignissen.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Maria Brechts Reise ins verwüstete Haiti gleicht Holly Martins Wiener Geschichten im „Dritten Mann“, bei denen er feststellen muss, dass sein alter Freund Harry Lime weder tot ist noch einer von den Guten war. Garniert wird der „Sonnentau“ gekonnt mit genretypischen Verwicklungen, mit Liebe, Verrat und Gewalt.

Verwahrlost und zerstört

Und was ebenfalls zur Qualität des Buches beiträgt: Hensel schildert die Karibik nicht als Abziehbild aus Sonne, Strand und Bacardi-Feeling, sondern als Region der Verwahrlosung, der Zerstörung und der Hoffnungslosigkeit. Wer einmal etwas abseits der Touri-Ressorts war, kann sich vorstellen, wovon die Rede ist.

Kai Hensel: „Sonnentau“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2014. 444 Seiten, 17,90 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.