Kaiser Wilhelm II. im Exil Zwangspensionär im Unruhestand

Bis zuletzt hofft Wilhelm II. auf seine Rückkehr auf den Thron. Foto: Imago/teutopress

Noch bevor der Kaiser der Deutschen abgedankt hatte, wurde die Weimarer Republik ausgerufen. Das zwang Wilhelm II. nach Holland ins Exil. Hier fantasierte er von der Rückkehr nach Berlin. Bloß wollte ihn dort keiner mehr.

Berlin/Utrecht -

 

Es steht nicht gut um die Demokratie im besiegten Deutschland. Und nicht wenige wollen ihren „alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“, wie es seit Ende des Kaiserreichs in einem Gassenhauer zur Melodie des Fehrbelliner Reitermarsches gesungen wird. Wilhelm II., am 10. November 1918 ins Exil geflohen, hört es mit Wohlgefallen, aber – wie so oft – nicht richtig zu. Denn im Lied heißt es: „Aber den mit’m Bart“. Dass damit nicht er gemeint ist, sondern sein Großvater Wilhelm I., bekommt bloß er nicht mit.

Lange wollte Wilhelm II. den Weg nicht frei machen für einen Waffenstillstand, den die Alliierten nur ohne den Kaiser zu schließen bereit waren. Noch am 8. November 1918 maßregelte er telefonisch aus dem Großen Hauptquartier im belgischen Spa seinen Kanzler: „Werdet ihr in Berlin nicht anderen Sinnes, so komme ich mit meinen Truppen und schieße die Stadt zusammen.“ Starke Worte eines Mannes, der längst verspielt hatte. Denn die Militärs waren sich einig: Der Kaiser musste auf den Thron verzichten, um die Monarchie zu retten.

Der Kaiser wird zum Auslaufmodell

Aber wohin mit dem hohen Herrn? Allein das neutrale Holland konnte man von Spa aus einigermaßen risikolos erreichen, und Eile war geboten. Denn am 9. November wurde in Berlin die Republik ausgerufen und der Kaiser zum Auslaufmodell. Nur mit Mühe gelang es seinen Getreuen, ihn zur Abdankung und zum Gang ins Exil zu bewegen. Holland war ihm recht. Das oranische Königshaus, mit den Hohenzollern versippt und verschwägert, würde kaum einen Vetter ausliefern. Die Alliierten hatten nämlich keinen Zweifel daran gelassen, dass sie Wilhelm vor Gericht stellen würden.

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Der Flüchtling fand zunächst Unterkunft beim Grafen Godard van Aldenburg-Bentinck in Amerongen. Als im Mai 1920, nach langem diplomatischen Hin und Her, sicher war, dass Holland den Exilkaiser nicht ausliefern würde, zog der 61-jährige Wilhelm nach Haus Doorn nahe Utrecht um. Dorthin folgte ihm auch Freiherr Sigurd von Ilsemann, Wilhelms ergebener Flügeladjutant, der über die gesamte Exilzeit minutiös Tagebuch führte. Von ihm erfahren wir, dass der abgesetzte Monarch bis in seine letzten Tage hinein fest mit seiner Rückkehr auf den Hohenzollern-Thron rechnete.

Holzfällen mit der Besessenheit eines Bibers

Wie seinerzeit in Amt und Würden unterliegt der kaiserliche Zwangspensionär auch im Ruhestand zahlreichen Fehleinschätzungen. Wilhelm ist fest davon überzeugt, dass bald seine große Stunde schlägt. So unerschütterlich ist sein Glaube, dass Gott ihn eines Tages auf den Thron seiner Väter zurückrufen wird, dass er auch weiterhin seine Briefe mit „IR“ (Imperator Rex) signiert.

Wilhelm vertreibt sich die Zeit mit Rosenzüchten und Holzfällen. Besonders auf letzterem Feld entfaltet er bald eine hektische Betriebsamkeit. Fast täglich rückt der rastlose Exilkaiser zum Sägen aus und lässt seinen zigtausendsten Baum fällen. Mit der Besessenheit eines Bibers verwüstet Wilhelm die Parks und Wälder in seiner Umgebung. Bei aller Passion für die Waldarbeit, sein Ziel, auf den Thron zurückzukehren, verliert er zu keiner Zeit aus dem Blick.

Den „Saustall“ in Berlin will er ausmisten

Spätestens seit er weiß, dass sein Gastgeberland ihn nicht an die Alliierten ausliefern wird, schöpft er neuen Mut. Mit dem Wegfall des politischen Drucks kommt auch der alte, nassforsche Wilhelm wieder zum Vorschein. Schwärmerisch malt er sich schon die neuen „herrlichen Tage“ aus, denen er das Reich nun entgegenführen werde, freilich erst, nachdem er den „Saustall“ in Berlin gründlich ausgemistet hat. „Wenn ich zurückkomme“, poltert er in gewohnt kraftmeierischer Manier, „wird das deutsche Volk mit der Rute regiert.“

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Als im März 1920 der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp mithilfe der Freikorps putscht und Berlin besetzt, wähnt Wilhelm seine Stunde gekommen. Als im selben Jahr Kämpfe zwischen deutschen Freikorps und polnischen Aufständischen aufflackern, lässt er Vorbereitungen zur Abreise treffen: „Ich kehre jetzt nach Deutschland zurück, denn ich kann nicht länger zusehen, wie mein Volk ganz zugrunde gerichtet wird!“

Der Ex-Kaiser hofft auf den Ruf aus der Heimat

Doch er bleibt, wo er ist. Im November 1923 sorgt sein einstiger Feldherr Erich Ludendorff gemeinsam mit einem gewissen Adolf Hitler in München für Aufruhr. Wieder ist Wilhelm wie elektrisiert: „Die Ereignisse zeigen aufs Neue, dass eben nicht wieder Ruhe und Ordnung kommt, bis sie wieder ihren Kaiser in Deutschland haben.“ Voller Erwartung schreibt er „seinen“ Generälen: „Wenn Ihr mich braucht, ruft mich, ich bin jederzeit bereit, zurückzukehren“.

Es ruft aber keiner. Im Gegenteil, zum Leidwesen Wilhelms ist die von ihm verhasste „Sau-Republik“ wehrhafter als vermutet. Seinen Rückkehrfantasien tut dies keinen Abbruch. Statt auf Adel und Offizierskorps setzt Wilhelm nun auf die Arbeiter, die er wenige Jahre zuvor noch als „Schweinebande“ bezeichnet hatte. „Ich brauchte nur zu pfeifen, dann hätte ich Zehntausende hinter mir“, verkündet er vollmundig. Als auch die Massen sich nicht rührten, spekuliert der Emigrant darauf, dass ihn einer ganz gewiss heim ins Reich holen werde: Adolf Hitler.

Wilhelm setzt auf die braune Karte

Als die Weltwirtschaftskrise die Saat des Nationalsozialismus aufgehen lässt, setzt Wilhelm auf die braune Karte, wobei die Initiative in diesem Fall mehr von seiner zweiten Frau Hermine ausgeht. Sie knüpft Kontakte zu Hitlers Paladin, Hermann Göring, und holt ihn 1931 nach Doorn. Er soll Wilhelms Rückkehr einfädeln.

Doch der hochdekorierte Weltkriegsflieger denkt nicht daran. Er interessiert sich eher für einen Hohenzollern-Orden, den er sich an die Brust heften will. Wilhelm muss Hitler selbst gewinnen, und da ist die früher scharf kritisierte SA-Mitgliedschaft von Kaisersohn August-Wilhelm auf einmal ganz angenehm.

Fasziniert beobacht er die Erfolge der Wehrmacht

Als die Braunhemden schließlich am 30. Januar 1933 an die Macht kommen und im Jahr darauf der im Volk als „Ersatzkaiser“ geltende Reichspräsident Hindenburg stirbt, rechnet Wilhelm stündlich mit der Rückberufung. Doch seine Hoffnung von der Wiedereinführung der Monarchie schlägt Hitler in den Wind. Er sieht in ihr nur eine konservative Verfallserscheinung. Statt auf Wilhelm II. wird die Reichswehr auf den „Führer und Reichskanzler“ vereidigt.

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Wilhelm straft das „Dritte Reich“ fortan mit Verachtung, nennt es eine „Mostrich-Republik“ – braun und scharf. Das hindert ihn nicht daran, Hitlers Erfolgskurve fasziniert zu verfolgen und mit kindlichem Eifer Lagepläne vom Geschehen des Zweiten Weltkriegs anzufertigen.

Telegramm an den „Anstreicher“ Hitler

Hingerissen vom Siegeslauf der Wehrmacht, begräbt der Sandkastenstratege seinen Groll und lässt sich nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 sogar zu einem Telegramm an den „Anstreicher“ hinreißen, in dem er Hitler „und die gesamte deutsche Wehrmacht zu dem von Gott geschenkten gewaltigen Sieg“ beglückwünscht.

Dass Wilhelm da schon so gut wie unter Hausarrest steht und SS-Wachen vor Doorn aufziehen, stört ihn nicht. Noch auf seinem Totenbett am 4. Juni 1941 schwärmt er: „Unsere herrlichen Truppen!“

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