Kaltes Wetter vor Ostern Mandeln und Aprikosen auf Streuobstwiesen: „Da ist fast alles erfroren“

, aktualisiert am 17.04.2026 - 16:10 Uhr
Die Mandelblüte war von den niedrigen Temperaturen rund um Ostern betroffen. Foto: IMAGO/Zoonar

Das veränderte Klima beeinflusst auch die Streuobstwiesen im Kreis Böblingen. Manfred Nuber, „Mr. Obstbau“ genannt, erklärt wie.

Böblingen: Carola Stadtmüller (cas)

Manfred Nuber ist im Landkreis Böblingen Fachwart für Obst- und Gartenbau. Aber er ist noch viel mehr: nämlich mit Leidenschaft dabei. Sein Wissen um Obstbäume, Entwicklung, Ernte ist immens.

 

Herr Nuber, erst gab es im Februar einen Frühstart in den Frühling, dann wieder eisig, kurz warm und jetzt: vier Grad und Nebel. Wie geht es den Obstbäumen?

Manfred Nuber: Ja, es war bisher ein sehr turbulentes Jahr. Ein milder Winter insgesamt, dann ein sehr warmer Februar, der sehr früh alle Pflanzen dazu verleitet hat, auszutreiben. Im Februar waren wir vier bis sechs Wochen voraus. Um den 10. März kam eine Kaltphase mit fast zwei Wochen Stillstand. Bei der Obstblüte ist das so: Wenn die Pflanze den Reiz durch die Wärme hat, dann legt sie los. Das kann nur verlangsamt, aber nicht mehr zurückgefahren werden. Eine Knospe, die da ist, kann sich nicht wieder zurückziehen. Diese frühen Startmomente – die haben wir in den letzten Jahren immer häufiger.

Das kalte Osterwetter war problematisch für Streuobstwiesen

Zum Klima beziehungsweise dessen Veränderung kommen wir gleich noch. Können Sie sagen, welche Bäume unter diesen Temperaturextremen am meisten gelitten haben?

Ja, vor allem diese 3 bis 4 Grad Minus kurz vor Ostern waren schlimm. Das betraf die Mandelblüte, da gibt es inzwischen einige Bäume hier, und die Aprikose – da ist fast alles erfroren.

Manfred Nuber kennt sich mit Streuobstwiesen aus. Foto: Stefanie Schlecht

Können denn die Pflanzen selbst sozusagen überhaupt „etwas unternehmen“ – wenn sie sich schon keine Jacke anziehen können?

Doch, es gibt schon Mechanismen: Der Pflanzensaft, der durch die Wärme schießt, ist zuckerhaltig, und Zucker senkt den Gefrierpunkt. Wäre das nicht so, würde die Zelle bereits bei minus 0,5 Grad platzen. Die Blüte schafft dadurch minus 2,5 oder sogar minus 3 Grad.

Das heißt, bei den Kulturen, die sie aufzählen, gibt es definitiv keine Ernte?

Meist wird ein Frostschaden überschätzt. Für eine Vollernte beim Apfel etwa braucht man nur fünf Prozent der Blüte. Also wenn von 100 Blüten nur fünf durchkommen, reicht das. . .

Das ist ja immerhin ein kleiner Trost für alle Gartenbesitzer.

Beim Pfirsich sind 50 bis 70 Prozent erfroren, aber auch der Rest kann für eine Ernte reichen. Bei der Süßkirsche gibt es kleine Schäden, bei Apfel oder Birne erwarten wir keine Ausfälle. Ich bin tatsächlich froh über diese Temperaturbremse jetzt – da kommen wir eher zur Blütezeit, wie sie war. Nämlich zur Hauptblüte Ende April, Anfang Mai.

Kann ich als Wieslesbesitzer etwas machen, um meine Frühblüher zu schützen?

Also ein Erwerbsobstbauer hat sicher Mittel – wie der Frostschutz durch Wasser, das gefriert und dann die Blüte isoliert, oder das Gras ganz kurz mähen – dann strahlt die Erdwärme besser ab, das kann ein bis 1,5 Grad plus bringen. Aber das ist nichts für den Streuobstwiesenbesitzer.

Wenn ich die vergangenen Winter anschaue, dann brauche ich nicht darauf zu hoffen, dass meine Aprikose noch mal trägt, oder?

Bei der Aprikose muss man sagen: die heißt Prunus armeniaca – aus Armenien kommt sie ursprünglich. Dort herrscht Kontinentalklima. Außerdem gibt es dort das atlantisch geprägte Klima, mit warmer Luft vom Atlantik und milden Wintern. Über Deutschland ist die Grenze, wo das Kontinentalklima anfängt: Es ist geprägt von eisigen Wintern bis Ende März und dann einem schlagartig einsetzenden Frühjahr. Es folgt ein trockener, heißer Sommer. Das liebt die Aprikose. Bei uns wird die Aprikose in den letzten Jahren immer häufiger verwirrt und verleitet, im Januar oder Februar auszutreiben.

Welche Bäume haben Frostschäden? Einige sind es durchaus – aber nicht alle. Foto: Stefanie Schlecht
Die klimatischen Veränderungen bedeuten ja ohnehin auch, dass manches schwerer wächst bei uns?

In der Gartenbauversuchsanstalt in Weinsberg wird etwa an Apfelsorten geforscht, die später blühen. Man kreuzt die Spätblüher, die an sich nicht so gut schmecken, mit sehr schmackhaften Sorten – und hofft quasi auf Kinder, die später blühen und trotzdem schmecken.

Wie das veränderte Klima Streuobstwiesen beeinflusst

Reicht das, um auf den Klimawandel zu reagieren?

Das Klima hat sich in den vergangenen 20 Jahren extrem verändert. Die atlantischen Winter mit milden und wechselnden Temperaturen werden deutlich mehr bei uns. Man arbeitet auch an Sorten, die höhere Minusgrade tolerieren. Oder man pflanzt andere Arten an. In der Zukunft könnte Pekannuss oder Kaki gehen, damit wird experimentiert.

Streuobstwiesen sind aber doch was für alte Leute, stimmt das?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir haben noch nie so viel Nachfrage gehabt wie heute. Auch der Erwerb von Streuobstwiesen ist stark nachgefragt. Wir müssen jetzt die beiden zusammenbringen: diejenigen, die etwa geerbt haben und die Wiesen nicht pflegen können, weil sie weit weg wohnen, und junge Familien, die einsteigen wollen.

Woran liegt der Boom?

Die große Wende brachte das „Bag in Box“-System. Davor war es kaum möglich, eine Wiese zu verkaufen. Wer aber seine eigenen Äpfel auf der eigenen Wiese sammelt und dabei ist, wenn diese Äpfel zu Saft werden, ist begeistert. Eine Familie kann 200 bis 300 Liter Saft im Jahr trinken. Dazu braucht man 500 Kilo Äpfel. Plötzlich stehen die Leute da und fragen mich: Herr Nuber – was muss ich tun, um 500 Kilo Äpfel zu ernten? Und das ist eine wunderbare Entwicklung, die wir mit der Vermittlung von Fachwissen – etwa mit Schnittkursen – unterstützen.

Obst- und Gartenbauexperte

Berufliches
Manfred Nuber (62) leitet die Obst- und Gartenbauberatung im Landratsamt im Kreis Böblingen. Alles, was mit Streuobst, Schnittkursen und Beratung zu tun hat, läuft über seinen Schreibtisch. Manfred Nuber hat Landespflege studiert. Im Landratsamt war er zuerst in der Naturschutzbehörde, seit 1997 ist er in der Obst- und Gartenbauberatung. Mehr unter: www.lrabb.de

Privates
Mit seinem Obsthof in Schafhausen ist er auch Praktiker, baut sämtliche Obstsorten an, hat Quitten Prosecco, Apfelchips und noch sehr viel mehr im Angebot. www.nubers-obsthof.de

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