Kampagne gegen Kinderbilder „Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre“

Von Anja Wasserbäch 

Provokatives Projekt: die Berlinerin Toyah Diebel warnt vor Kinderfotos im Internet.

„So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.“ Wilson Gonzales Ochsenknecht ist Model für das Projekt.  Foto: Delia Baum 5 Bilder
„So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.“ Wilson Gonzales Ochsenknecht ist Model für das Projekt. Foto: Delia Baum

Stuttgart - Erwachsene auf dem Topf, sabbernd und schlafend oder an der Brust nuckelnd – diese Fotos machen im Internet die Runde. Hier erklärt Initiatorin Toyah Diebel, was sie dazu bewegt hat.

Frau Diebel, warum machen Sie eine Kampagne gegen Kinderfotos im Netz?

Ich bin schon seit langem auf Instagram aktiv. Und mir ist aufgefallen, dass nicht nur Erwachsene da stattfinden, sondern eben auch Kinder. Nicht aber auf eigenen Kanälen, sondern auf den Kanälen ihrer Eltern – ohne das zu wissen. Da stellte ich mir die Frage, ob das alles rechtens ist – mit den Persönlichkeitsrechten und dem Recht auf Privatsphäre. Meine Antwort ist nein.

Rechtlich gibt es insofern kein Problem, dass Kinder erst mit 14 Jahren gefragt werden müssen, ob Fotos von ihnen im Internet veröffentlicht werden.

Das ist richtig. Ich sehe das aber als große Sicherheitslücke. Das Recht auf Privatsphäre steht im Grundgesetz. Das ist uns Erwachsenen doch auch wichtig. Und Kinder haben nun mal die gleichen Rechte wie Erwachsene. Die UN-Kinderrechtsorganisation schreibt: „Die Privatsphäre eines Kindes muss immer geschützt werden.“ Und wenn Eltern ihre Kinder nackt, in der Badewanne, weinend oder schlafend posten, dann wird diese Privatsphäre gestört. Da ist die Frage, ob da die Aufsichtsplicht der Eltern nicht vorhanden ist. Und dann gibt es noch die ganzen Blogger, die ihre Kinder inszenieren. Das ist für mich schlicht Kinderarbeit. Bei Werbeproduktionen weiß man nicht, wie das Pampers-Babys heißt und wo es wohnt. Bei den so genannten Mamabloggern wird alles auf dem Silbertablett präsentiert. Bei Werbeproduktionen gibt es strenge Regularien, wie lange das Kind vor der Kamera sein darf. Influencer können dem Kind 24 Stunden die Kamera ins Gesicht halten. Nur weil man ein Kind hat, hat man noch keine Medienkompetenz.

Kritisieren Sie nun bestimmte Bilder oder alle Fotos von Kindern im Netz?

Ich betone immer, dass ich selbst keine Bilder meines Kindes posten würde – auch nicht von hinten. Mit einem Bild lädt man sehr viele andere Daten mit hoch: Wir wissen meist, wie die Menschen heißen, was die Hobbys sind, wo sie wohnen. Diese Informationen geben ein gläsernes Bild ab. Aber vor allem kritisiere ich Bilder, die die Privatsphäre verletzen, wie ich sie mit meinen Bildern dargestellt habe. Und auch stark inszenierte Bilder, für die Kinder drappiert worden sind. Das Schlimmste sind natürlich Nacktbilder oder in lolita-esken Posen. Eltern finden das vielleicht süß, aber es gibt eben auch Menschen die finden das mehr als süß. Warum nimmt man so etwas in Kauf?

Das Internet ist doch auch Abbild der Gesellschaft. Gehören da Kinder nicht dazu?

Das sehe ich schon so, dass Kinder zum Alltag gehören. Aber man sollte sich selbst fragen, wie das mit 13 oder 14 Jahren ist, wenn man dann Zugriff aufs Internet hat und sieht, dass die eigene Identität schon im Internet vorhanden ist. Und wir wissen heute doch noch gar nicht, wozu die Technik in zehn, zwanzig Jahren fähig ist. Uns ist nicht bewusst, wie fahrlässig wir mit Daten umgehen. Da schüttele ich auch bei vielen Erwachsenen den Kopf.

Sie sind sehr im Internet präsent. Wo ziehen Sie selbst die Grenze?

Ich gebe zum Beispiel nicht preis, wer mein Partner ist. Ich möchte nicht, dass man weiß, wo ich wohne. Aber selbst, wenn ich etwas preisgeben würde, wäre das meine eigene Entscheidung.

Wie viel Gegenwind bekommen Sie für diese Kampagne?

Viel. Eltern reagieren sehr scharf, wenn man sie kritisiert. Gerade wenn es um Kinder geht, wird heiß diskutiert. Die, die ihre Kinder posten, wollen nicht zugeben, dass sie etwas falsch machen. Es gab bis jetzt kein Argument, warum man sein Kind im Internet präsentiert. Es heißt immer nur „du hast keine Kinder, du kannst da nicht mitreden.“ Aber wenn es um Privatsphäre geht, muss man keine Kinder haben, um zu wissen, wie man die schützt.

Toyah Diebel
ist Bloggerin und lebt in Berlin. Sie möchte mit dem Hashtag #deinkindauchnicht darauf hinweisen, dass Kinder ein Recht auf Privatsphäre haben. Zusammen mit der Fotografin Delia Baum und dem Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat sie Situationen nachgestellt, die Erwachsene nicht von sich im Internet sehen wollen.

Lesen Sie hier Tipps des Deutschen Kinderhilfswerks zum Umgang mit Kinderfotos im Internet.